11. Juli 2019

EKD-Institut

Mitgliederschwund kann nur vor Ort aufgehalten werden

Die Haupt- und Ehrenamtlichen in den Gemeinden vor Ort müssten mehr unterstützt werden, fordert die Soziologin Hilke Rebenstorf. Foto: idea/Wolfgang Köbke
Die Haupt- und Ehrenamtlichen in den Gemeinden vor Ort müssten mehr unterstützt werden, fordert die Soziologin Hilke Rebenstorf. Foto: idea/Wolfgang Köbke

Hannover (idea) – An zwei Stellschrauben muss die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers drehen, um den Mitgliederschwund zu bremsen: Sie sollte die Kirchengemeinden vor Ort stärken und neue Formen der Ansprache und Beteiligungskultur entwickeln. Zu diesem Ergebnis kommt die Soziologin und Mitarbeiterin des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, Hilke Rebenstorf (Hannover). Sie wertete die im Mai 2019 erschienene Projektion des Forschungszentrums Generationenverträge der Universität Freiburg zur Entwicklung der Mitgliederzahlen im Blick auf die Stadt Hannover aus. Der Projektion zufolge werden sich die Mitgliederzahlen der EKD-Gliedkirchen bis zum Jahr 2060 etwa halbieren. Ausgangspunkt für Rebenstorfs Auswertung war die Beobachtung der Freiburger Forscher, dass nur die Hälfte des Rückgangs auf demografische Faktoren zurückzuführen ist. Wichtiger seien dagegen „durch die Kirche beeinflussbare Faktoren wie geringe Taufquoten und Austritte, die bisher die Zahl der (Wieder-)Eintritte deutlich übersteigen“. Durch kirchliches Handeln könne die Entwicklung noch beeinflusst werden, so Rebenstorf.

Die Hälfte ist der Kirche treu verbunden

Im Blick auf die Stadt Hannover kommt die Forscherin zu dem Schluss, dass viele Bürger die sozialen Aktivitäten der Kirche schätzten. „Begleitet ist diese Wertschätzung allerdings von einer relativ geringen Erfahrung mit kirchlichen Angeboten.“ Von den Kirchenmitgliedern sei etwa die Hälfte der Kirche „treu verbunden“. Diese Gruppe sei allerdings im Durchschnitt deutlich älter als diejenige, die „mehr oder weniger auf dem Absprung“ sei. Besonders schwer sei es, „Mitglieder zwischen Konfirmation und später Phase des Erwerbslebens“ zu binden. Angebote für Kinder und Familien erreichten zudem immer weniger Leute, da auch die christliche Erziehung im Elternhaus und die Zahl getaufter Kinder zurückgingen. Außerdem verlangten veränderte Lebensformen und Lebenswelten schon seit geraumer Zeit nach neuen Angebots- und Beteiligungsstrukturen. Organisatorisch-strukturelle Reformen, wie Landeskirchen sie bereits durchführten, reichten nicht aus.

Nur in der Gemeinde läuten die Glocken

Um Mitglieder zu binden und neue zu gewinnen, müsse die hannoversche Landeskirche deshalb „Fragen des Vertrauens in die Kirche und die Stärkung des Glaubens“ in den Blick nehmen. Außerdem müssten Menschen, die häufig unterwegs sind, viele Verpflichtungen haben und deshalb kaum an regelmäßigen Veranstaltungen teilnehmen können, mehr Beachtung finden. Bisherige Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen und Erfahrungen mit experimentellen Gemeindeformen („Fresh Expressions“) legten nahe, „dass eine Stärkung der Gemeinde vor Ort, also in den Gemeinden, unabdingbar“ sei: „Die Gemeinde ist die Anlaufstelle für Fragen der Lebensbegleitung und bei ihr läuten die Glocken – beides Aspekte, die fehlen würden, gäbe es die evangelische Kirche in Hannover nicht mehr.“ Sie ermögliche Gemeinschaft und religiöse Erfahrung. „Dafür braucht sie Freiheit und Freiräume, aber auch den Mut, nach außen zu gehen, neue Formen der Ansprache und Beteiligungskultur zu entwickeln.“ Die Haupt- und Ehrenamtlichen vor Ort müssten deshalb mehr unterstützt werden.