02. Dezember 2019

Stuttgart

Kirchenwahl in Württemberg: Verluste für „Lebendige Gemeinde“

Der Vorsitzende der „Lebendigen Gemeinde“, Dekan Ralf Albrecht, errang einen der 30 Theologenplätze. Foto: Privat
Der Vorsitzende der „Lebendigen Gemeinde“, Dekan Ralf Albrecht, errang einen der 30 Theologenplätze. Foto: Privat

Stuttgart (idea) – Die theologisch konservative „Lebendige Gemeinde“ hat bei der Kirchenwahl der württembergischen Landeskirche am 1. Dezember Verluste hinnehmen müssen. Sie kommt nur noch auf 31 Sitze (2013: 39).

Allerdings bleibt sie damit größter Gesprächskreis, muss sich diese Position jedoch mit der linksliberalen „Offenen Kirche“ teilen, die nun ebenfalls auf 31 Sitze kommt (2013: 30). Die „Offene Kirche“ verfehlte allerdings deutlich die absolute Mehrheit, die sie sich zum Ziel gesetzt hatte.

Die Mitte-Gruppierung „Evangelium und Kirche“ konnte die Zahl ihrer Sitze leicht von 15 auf 16 erhöhen. Der große Sieger ist jedoch die sich als Reforminitiative verstehende, theologisch eher konservative „Kirche für morgen“, die ihr Ergebnis mehr als verdoppeln konnte und nun auf 12 (2013: 5) Sitze kommt.

Zu den 90 gewählten Synodalen kommt noch der Vertreter der Theologischen Fakultät Tübingen. Außerdem besteht die Möglichkeit zur Zuwahl. In der jetzt beendeten Wahlperiode hatte das Kirchenparlament schließlich 98 Mitglieder.

Im Gegensatz zu allen anderen Landeskirchen werden die württembergischen Synodalen per Urwahl direkt von den Kirchenmitgliedern gewählt. Rund 1,8 Millionen Personen waren wahlberechtigt. Nach Angaben der Wahlleitung lag die Beteiligung bei 22,9 Prozent. Damit ist sie weiter rückläufig. 2013 waren es 24,0 Prozent, 2007 24,3 Prozent.

165 Kandidaten für 90 Plätze

Insgesamt hatten sich 165 Kandidaten – 120 Männer und 45 Frauen – um einen Platz im Kirchenparlament beworben. Der Vorsitzende der „Lebendigen Gemeinde“, Dekan Ralf Albrecht (Nagold/Nordschwarzwald), errang einen der 30 Theologenplätze.

Auch sein Stellvertreter, der Vorsitzende des Evangelischen Gemeinschaftsverbandes Württemberg „Die Apis“, Pfarrer Steffen Kern (Walddorfhäslach bei Reutlingen), hat nach sechs Jahren, in denen er nicht in der Landessynode saß, den Wiedereinzug geschafft.

Der zukünftige Geschäftsführer des Gesprächskreises, Dieter Abrell (Stuttgart), ist jedoch nicht wiedergewählt worden. Auch Ute Mayer (Weil der Stadt), Andrea Bleher (Untermünkheim bei Schwäbisch Hall), Pfarrerin Maike Sachs (St. Johann) und die bisher jüngste Landessynodale Prisca Steeb (Tübingen) werden erneut für die „Lebendige Gemeinde“ in die Landessynode einziehen.

Neu hinzugewählt wurden außerdem Jasmin Blocher (Dornhan bei Rottweil) und das nun jüngste Mitglied der Synode, der 21-jährige Michael Klein (Plochingen/beide „Lebendige Gemeinde“). Nicht gewählt wurde der frühere Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Pfarrer i. R. Prof. Rolf Hille (Heilbronn/„Lebendige Gemeinde“).

Nicht mehr angetreten ist die bisherige Präsidentin der Synode, Inge Schneider (Schwaikheim/„Lebendige Gemeinde“). Im Wahlkreis Stuttgart konnte sich die „Offene Kirche“ vier von sechs Sitzen sichern, die beiden anderen gingen an die „Kirche für morgen“, einer davon an Tobi Wörner (Stuttgart).

Der Prädikant der Landeskirche und Gründer der Gemeinde „Jesustreff“ in Stuttgart ist auch Mitglied im Vorstand der Evangelischen Allianz in der Landeshauptstadt. Der stellvertretende Vorsitzende seines Gesprächskreises, Reiner Klotz (Steinheim/Murr), schaffte ebenfalls den Einzug in das Kirchenparlament.

Der bisherige Vizepräsident der Synode, Pfarrer Johannes Eißler (Eningen bei Reutlingen), und der Ulmer Dekan Ernst-Wilhelm Gohl (beide „Evangelium und Kirche“) werden ebenfalls Mitglieder der neuen Synode sein. Für die „Offene Kirche“ haben unter anderem Prof. Martin Plümicke (Reutlingen) und Hellger Koepf (Biberach) den Wiedereinzug geschafft.

„Lebendige Gemeinde“: Noch mehr das Gespräch suchen

Dekan Ralf Albrecht zeigte sich enttäuscht über den Verlust der acht Sitze: Es schmerze, „dass einige großartige und verdienstvolle Kandidaten zum Teil sehr überraschend nicht oder nicht wiedergewählt“ worden seien. Daraus ergebe sich nun ein besonderer Auftrag: „Für uns ist dieses Ergebnis eine Verpflichtung, auch weiter Verantwortung in der Synode zu übernehmen“, so Albrecht.

Steffen Kern stellte mit Blick auf die Pattsituation zwischen den beiden größten Gesprächskreisen fest: „Jetzt sind wir noch mehr aufeinander angewiesen in der Synode. Es kommt darauf an, dass wir noch mehr das Gespräch suchen und noch mehr umeinander ringen.“

Es bestehe die Gefahr einer wachsenden Polarisierung und zugleich die Chance intensiverer Zusammenarbeit. Das Ergebnis lasse sich nicht auf einen einzigen Grund zurückführen, wie er gegenüber idea sagte. Nach seiner Einschätzung habe der Kompromiss, den die Landessynode in der Frage der Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften im März 2019 getroffen habe, „in der Fläche keine Rolle“ für die Wahlentscheidung gespielt.

Es sei den Vertretern der „Lebendigen Gemeinde“ in mehreren Wahlkreisen sogar gelungen, das Ergebnis der letzten Wahl zu steigern. Insgesamt ließen sich die genauen Gründe nur schwer feststellen, da es letztlich vor allem eine Personenwahl sei und nicht die Gesprächskreise an sich gewählt würden.

„Offene Kirche“: Vormachtstellung der „Lebendigen Gemeinde“ gebrochen

Die „Offene Kirche“ freut sich, erstmals die „Vormachtstellung“ der „Lebendigen Gemeinde“ gebrochen zu haben, wie sie in ihrer Pressemitteilung zum Wahlausgang verkündete. Die Mehrheitsverhältnisse hätten sich nun deutlich verändert, und man wolle „in konstruktiver Zusammenarbeit“ mit den anderen Gesprächskreisen „notwendige Veränderungen“ bewirken. Dazu gehörten eine „Erneuerung der Kirchenverfassung, die demokratischen Prinzipien“ entspreche, sowie die „kirchliche Trauung für alle“.

„Evangelium und Kirche“: Positionen des Ausgleichs gestärkt

Stadtdekan Søren Schwesig (Stuttgart), der der Mitte-Gruppierung „Evangelium und Kirche“ vorsteht, erklärte gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea, dass sich sein Gesprächskreis freue, dass „in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher und kirchlicher Polarisierung Positionen des Ausgleichs und der Integration gestärkt“ worden seien. Diesen Weg wolle man auch in den nächsten sechs Jahren weiter beschreiten.

„Kirche für morgen“: Zehn Prozent der Mittel in Innovationen stecken

„Kirche für morgen“ betrachtet das Wahlergebnis als „ein deutliches Signal für einen Aufbruch“. Das erklärte deren Vorsitzender, Pfarrer Jens Schnabel (Sindelfingen). Man sei klar als „Wahlsieger“ hervorgegangen. Den Erfolg seiner Gruppierung führte er auf die richtige Themenwahl zurück: „Im Vorfeld der Wahl haben wir wichtige Themen angesprochen, Themen, die vielen Menschen in unserer Kirche am Herzen liegen: Es braucht dringend ganz neue Formen von Kirche, um Menschen aus allen Lebenswelten, Generationen und gesellschaftlichen Schichten einen Zugang zum Glauben zu ermöglichen.“

Zehn Prozent der kirchlichen „Ressourcen“ sollen in „Innovationen“ investiert und die „kirchlichen Berufsbilder und Ausbildungswege“ neu überdacht werden, so Schnabel. Man strebe „keine Kirche für die Menschen, sondern eine Kirche mit ihnen“ an und wolle in Fragen des Klimawandels und der sozialen Gerechtigkeit „als Kirche Vorbild sein“. Zeitgleich mit der Synode wurden die Gemeindekirchenräte in der württembergischen und badischen Landeskirche gewählt.