05. Februar 2018

Islamexperte

Schutzsuchende haben auch eine Bringschuld

Der wissenschaftliche Referent am Institut für Islamfragen der Deutschen Evangelischen Allianz, Hochschuldozent Carsten Polanz. Foto: Privat
Der wissenschaftliche Referent am Institut für Islamfragen der Deutschen Evangelischen Allianz, Hochschuldozent Carsten Polanz. Foto: Privat

Korntal (idea) – Integration ist keine Einbahnstraße. Das erklärte der wissenschaftliche Referent am Institut für Islamfragen der Deutschen Evangelischen Allianz, Hochschuldozent Carsten Polanz (Gießen), bei einem „Forum Pietismus“ am 3. Februar in Korntal bei Stuttgart. Vor rund 350 Besuchern – darunter Vertreter des württembergischen Oberkirchenrats sowie Landtags- und Bundestagsabgeordnete – sagte er, dass Menschen, die in Deutschland Schutz suchten, nicht nur Ansprüche an den Staat und die Mehrheitsgesellschaft stellen dürften. Sie hätten auch eine Bringschuld. So müssten sie zur Integration bereit sein, die für alle geltenden Gesetze respektieren und sich auf die neue Kultur einlassen. Dies könne zu Konflikten mit ihren mitgebrachten Traditionen führen, müsse aber ausgehalten werden. „Das Grundgesetz darf als verbindlicher Wertekanon und Integrationsrahmen nicht zur Disposition gestellt werden“, warnte der an der Freien Theologischen Hochschule in Gießen lehrende Islamwissenschaftler.

Asylbewerber müssen Recht auf Religionswechsel respektieren

Kritik übte er an aktuellen Tendenzen in Teilen der Kirche, auf das missionarische Zeugnis gegenüber Muslimen zu verzichten, um den gesellschaftlichen Frieden zu sichern. In manchen Flüchtlingsheimen würden Bewohner eingeschüchtert und bedroht, weil sie religionskritische Fragen stellen oder sich zum christlichen Glauben hinwenden. Dieses Problem werde nicht dadurch gelöst, dass Christen ihren Glauben verleugnen, sondern indem man das Recht auf Religionswechsel unmissverständlich verteidige, so Polanz. Eine Beschränkung der Religionsfreiheit führe zwangsläufig auch zur Beschneidung von Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit. Sachlich begründete und differenzierte Islamkritik sei weder rassistisch noch fremdenfeindlich, sondern dringend notwendig. Das sei man nicht nur verfolgten Christen, sondern auch allen Flüchtlingen schuldig, die vor Unfreiheit und Unfrieden aus ihrer Heimat nach Deutschland geflohen seien.

Appell an Christen: Weder dramatisieren noch beschwichtigen

An die Christen appellierte Polanz, bei Integrationsproblemen weder zu dramatisieren noch zu beschwichtigen. Fremde sollten nicht primär als Anhänger einer fremden Religion oder Angst machenden Ideologie gesehen werden, sondern zuerst als von Gott geliebte Mitmenschen. Viele seien auf der Suche nach Lebenssinn und Orientierung und mit der weitverbreiteten Gleichgültigkeit im Westen häufig überfordert. Dabei könnten ihnen einheimische Christen helfen. „Muslime sollten sehen, wie der christliche Glaube unseren Alltag prägen kann“, sagte Polanz. Seiner Ansicht nach rufen heute viele Deutsche nur aus Angst vor Islamisierung nach dem „christlichen Abendland“, ohne selbst das Evangelium zu kennen und seine Kraft beschreiben zu können. „Wer das Christentum nur als kulturelles Schutzschild missbraucht, schadet dem Evangelium“, mahnte Polanz.

Christen sollen ihre Identität nicht verschleiern

In einer anschließenden Gesprächsrunde plädierte auch der Leiter der Evangelischen Ausländerseelsorge, Pfarrer Hanna Josua (Backnang bei Stuttgart), dafür, dass Christen ihre Beweggründe herausstellten. Sie seien keine Handlanger des Staates für soziale Aufgaben, sondern von ihrem Glauben bewegt. In der Begegnung mit Muslimen, von denen viele für andere Überzeugungen offen seien, sollten sie ihre Identität nicht verschleiern. Dazu gehörten beispielsweise Einladungen zu Gottesdiensten.

CDU-Politiker: Ja zur Begrenzung des Familiennachzugs

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Steffen Bilger (Ludwigsburg) erläuterte, warum er für eine Begrenzung des Familiennachzugs gestimmt habe. Betroffen seien vor allem Flüchtlinge aus Syrien, die vorerst einen einjährigen „subsidiären“ Schutz erhalten haben und nach der Beendigung des Bürgerkriegs in ihre Heimat zurückkehren sollen. Auch ihre Angehörigen hätten in der Regel die Kriegsgebiete verlassen. Für sie bestehe in den Unterkünften in der Türkei, im Libanon oder in Jordanien in der Regel keine Lebensgefahr. „Als Politiker mussten wir uns auch an den Grenzen der Integrationsfähigkeit orientieren“, sagte Bilger.

Die Landeskirche soll „pluralismusfähig“ bleiben

In einem „Wort auf den Weg“ forderte der Vorsitzende der veranstaltenden ChristusBewegung Lebendige Gemeinde, Dekan Ralf Albrecht (Nagold/Nordschwarzwald), die württembergische Landeskirche solle „pluralismusfähig“ bleiben. Etwa 36 Prozent der Kirchenmitglieder seien traditionell theologisch konservativ, was sich aber in der Pfarrerausbildung nicht widerspiegele. Nach der Pensionierung von Prof. Eckstein, der das Vertrauen des Pietismus genossen habe, müsse die Evangelisch-Theologische Fakultät der Universität Tübingen dafür sorgen, dass es einen ähnlich geprägten Nachfolger gebe.