Sonntag • 20. Oktober
Syrien
10. Oktober 2019

Türkische Militäroffensive: Menschenrechtler sind alarmiert

Tausende Menschen fliehen in Nordsyrien vor der türkischen Offensive. Foto: picture-alliance/AP Photo
Tausende Menschen fliehen in Nordsyrien vor der türkischen Offensive. Foto: picture-alliance/AP Photo

Damaskus/Göttingen (idea) – Menschenrechtler haben alarmiert und besorgt auf die türkische Militäroffensive in Nordsyrien reagiert. Ziel der am 9. Oktober gestarteten Offensive ist die Kurdenmiliz YPG. Die Türkei betrachtet sie als einen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK in der Türkei. Ferner will die Türkei in Nordsyrien syrische Flüchtlinge ansiedeln, die derzeit in der Türkei leben.

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Die Referentin für ethnische, religiöse, sprachliche Minderheiten und Nationalitäten der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), Lina Stotz (Göttingen), bezeichnete die Lage gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea als „höchst bedrohlich“ für die Bevölkerung. Der Angriff der Türkei werde zur Vertreibung von Kurden aus ihren traditionellen Siedlungsgebieten führen. „Wir befürchten massive Menschenrechtsverletzungen durch die türkische Armee, Hunderte Tote, Zehntausende Flüchtlinge.“

Den Menschen in Nordostsyrien, wo auch Christen lebten, drohe zudem eine Zwangsislamisierung durch die Türkei. Ebenfalls bedrohlich sei, dass die in der Region inhaftierten Kämpfer der Terrormiliz „Islamischer Staat“ in den Tumulten des Einmarsches freikommen könnten. Stotz: „Das wäre eine massive Bedrohung für die ganze Region, besonders für die jesidischen und christlichen Minderheiten.“

Deutschland trägt direkte Verantwortung

Ihr zufolge trägt Deutschland in dem Konflikt eine direkte Verantwortung. So besitze die Türkei Leopard Panzer aus deutscher Produktion. Anderes deutsches Kriegsgerät sei bei dem aktuellen Einmarsch sogar bereits im Einsatz, etwa Lastwagen des türkischen Militärs von Mercedes und Unimog: „Deutschland, die EU und der Weltsicherheitsrat sind allesamt in der Verantwortung, mäßigend auf die Türkei einzuwirken um die Zivilbevölkerung im Norden Syriens zu schützen.“ Sie warnte zudem vor der vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan angekündigten Umsiedelung von zwei Millionen Flüchtlingen. Das sei eine „Zwangsumsiedlung“ und ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Stotz zufolge würde das die Region tiefgreifend verändern und eine große Gefahr für die Kurden darstellen: „Ethnische und religiöse Spannungen sind vorprogrammiert.“

DITIB-Moscheen in Deutschland sollen für erfolgreiche Besetzung beten

Die Gesellschaft für bedrohte Völker forderte die Regierungen Deutschlands und der Europäischen Union dazu auf, sämtliche Zahlungen an die Türkei unverzüglich einzustellen, bis die Offensive gestoppt wird. Einfache Appelle zur Mäßigung könnten den Schutz der Zivilbevölkerung vor neuer Gewalt nicht gewährleisten. Das türkische Religionsministerium habe zudem angekündigt, dass am 11. Oktober in allen Moscheen der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB) in Deutschland für eine schnelle und erfolgreiche Besetzung Nordostsyriens gebetet werden solle. Dies müsse die Bundesregierung scharf verurteilen: „Schwere Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen an der Zivilbevölkerung dürfen in Deutschland nicht schöngeredet oder verherrlicht werden“, so GfbV-Direktor Ulrich Delius (Göttingen). Auch international stößt der Einsatz auf scharfe Kritik. Der UN-Sicherheitsrat mit Sitz in New York kündigte an, sich mit dem Vorgehen der Türkei zu beschäftigen.

AVC-Mitarbeiter ruft westliche Kirchen zum Handeln auf

Das christliche Hilfswerk AVC – Aktion für verfolgte Christen und Notleidende betreibt in der betroffenen Region eine mobile Klinik sowie seit fünf Jahren eine Bäckerei, mit der die Bevölkerung kostenlos mit Brot versorgt wird. Sie befindet sich in Kobane nahe der syrisch-türkischen Grenze, das überwiegend von Kurden bewohnt wird. Wie ein AVC-Mitarbeiter und Gründer der einzigen Kirche in Kobane (Name aus Sicherheitsgründen nicht genannt) idea sagte, backen die männlichen Kirchenmitglieder derzeit zusätzliche Brote für die Geflüchteten und bekommen dabei Unterstützung von den Soldaten. Frauen und Kinder seien außerhalb der Stadt in Sicherheit gebracht worden.

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