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Kongo
14. November 2019

In Teilen des Landes eskaliert die Gewalt

Der frühere Kirchenpräsident der CECA20-Kirche, Pastor Jean-Pierre Kokole. Foto: DMG interpersonal
Der frühere Kirchenpräsident der CECA20-Kirche, Pastor Jean-Pierre Kokole. Foto: DMG interpersonal

Sinsheim/Bunia (idea) – Die Gewalt in den Regionen Djugu und Ituri der Demokratischen Republik Kongo ist eskaliert. Außerdem droht eine Hungersnot. Hunderttausende benötigen Nahrung, Wasser, Medikamente und eine Bleibe. Das berichtete der frühere Kirchenpräsident der CECA20-Kirche (Evangelische Gemeinschaft im Zentrum Afrikas), Pastor Jean-Pierre Kokole (Bunia). Er ist zurzeit auf einer Deutschlandreise und besuchte im nordbadischen Sinsheim auch das Partnerwerk seiner Kirche, DMG interpersonal (früher: Deutsche Missionsgemeinschaft).

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Wie er dem Öffentlichkeitsreferenten der DMG, Theo Volland, mitteilte, überschlagen sich die Ereignisse in seiner Heimat im Ostkongo geradezu. Allein in der Provinz Ituri mit 3,6 Millionen Einwohnern hätten nach Schätzungen von Hilfsorganisationen bereits 800.000 Menschen vor der Gewalt Schutz gesucht.

Ölkonzerne fördern Vertreibung und Völkermord

Kokole zufolge betreiben „Mörderbanden“ in der Region „ihr tödliches Geschäft“ – wahrscheinlich „angestachelt von Ölkonzernen, auch aus Europa“. Viele Flüchtlinge gehören zu Kokoles Kirche. Er schilderte außerdem, dass diese Konzerne riesige Erdölvorkommen in der Provinz vermuteten und sie deshalb bewusst destabilisierten, um sich den größtmöglichen Anteil an den Vorkommen zu sichern. Die Auftraggeber nähmen dafür in Kauf, dass dadurch „unsägliches Leid über die Bevölkerung“ hereinbreche. Derzeit förderten sie nicht Öl, sondern „Vertreibung und Völkermord“. Dazu statteten sie Milizen mit modernsten Waffen aus.

Die Banden fielen nachts über die Dörfer her und gingen mit großer Brutalität vor: „Sie zünden Hütten an, treiben Männer, Frauen und Kinder zusammen, die nicht schnell genug in den Busch entkommen konnten, und schlachten sie ab. Diese Bewaffneten treibt die pure Mordlust. Sie hacken Menschen mit Macheten bei lebendigem Leib die Gliedmaßen ab, am Schluss erst den Kopf.“ Es komme auch zu Massenvergewaltigungen durch die Söldner. Trotz der brutalen Gewalt dürften sich Christen nicht dem Geist der Rache verschreiben, so Kokole, der Christen in Europa um Gebet bittet.

Die Not der Frauen

Kokole zeigte sich besonders betroffen von der Not der vielen vergewaltigten Frauen: „Sie wagen es nicht, ihren Männern zu erzählen, was passiert ist. Die würden sie sofort verlassen.“ Vergewaltigung sei im Kongo immer noch ein Tabu. Betroffene blieben allein mit ihrem Schmerz. Das Thema liege wie ein Schatten über dem ganzen Land. Kirchliche Seelsorger versuchten, den Betroffenen zu helfen. Wichtig sei, die Frauen zuerst in die nächste Klinik zu bringen, weil Medikamente gegen Aids nur in den ersten Tagen wirkten. Der zweite Schritt sei, dass ihnen Krankenhausseelsorger „aus der Isolation heraushelfen und sich kompetent“ um sie kümmerten. Kokoles Kirche bildet solche Seelsorger aus. „Und wir reden in unseren Ortskirchen über das Thema.“

Eine Region versinkt im Chaos

Die bewaffneten Banden stachelten durch ihre Überfälle ortsansässige Stämme gegeneinander auf, so dass sie sich gegenseitig bekämpften. Unzählige Menschen hätten sich inzwischen zu Fuß ins Umland von Bunia gerettet. Die Einwohnerzahl der Stadt und ihres Umlandes, ursprünglich rund 650.000 Menschen, sei dadurch enorm angestiegen. Die Kämpfe seien bereits nah an die Stadt herangerückt. Gemeinden der CECA20-Kirche hätten in einem Gürtel um Bunia herum Zehntausende Notleidende aufgenommen und versorgten sie mit ihren persönlichen Vorräten. Die Hilfesuchenden übernachteten in Kirchen, Schulen und bei Familien. Doch die Versorgungslage sei kritisch. Es gebe kaum noch Nahrung und Trinkwasser.

Masern, Polio, Malaria, Atemwegsinfekte, Ebola, Aids und andere Krankheiten grassierten. Die Menschen hungerten, obwohl jetzt eigentlich Erntezeit wäre. Die Gegend um Djugu, von wo die meisten Flüchtlinge kämen, sei die „Kornkammer im Osten des Kongo“. Doch wegen der Kämpfe verrotte die Ernte nun auf den Feldern, weil die Dörfer entvölkert seien. So breite sich die Hungersnot auch auf andere Regionen aus. Selbst die großen Hilfsorganisationen zeigten sich überfordert und gäben keine Nahrungsmittel mehr aus.

Kokole: Die Gemeinde Jesu wächst

Kokole zufolge schenkt Gott mitten in der Not Zeichen der Hoffnung. Aufgrund der Leiderfahrungen kämen immer mehr Menschen in die Kirchen. Die Christenheit im Kongo wachse. In einer Gemeinde seien 800 neue Gläubige in den Taufunterricht gekommen, 300 davon hätten sich an einem Tag taufen lassen: „Der Pastor wusste nicht mehr, wie er mit den vielen Leuten im Taufunterricht umgehen sollte.“

Rund zwei Millionen Gottesdienstbesucher

Die CECA20-Kirche, die Pastor Kokole bis Mai 2019 acht Jahre lang geleitet hat, ist eine der größten protestantischen Kirchen im Kongo und zählt fast 2.000 Gemeinden mit etwa zwei Millionen Gottesdienstbesuchern. Zehn der zwölf Kirchendistrikte sind momentan von Kampfhandlungen und der riesigen Flüchtlingswelle betroffen. Die CECA20 hat massiv unter den Angriffen auf die Region Djugu gelitten. Kirchen und Schulen wurden niedergebrannt, kirchliche Krankenhäuser mussten evakuiert werden. Dennoch kümmert sich die Kirche um Notleidende. Kokole: „Wir helfen allen, egal welcher Stamm und welche Religion.“ Die DMG unterstützt ihre Partnerkirche und andere Werke, die im Kongo tätig sind, damit Hungernde versorgt und akute Not gelindert werden kann.

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