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10. September 2018

Ist Organspende ein Zeichen christlicher Nächstenliebe?

Anlass für ihre Debatte ist der Vorschlag von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), demzufolge jeder Hirntote zum Spender werden soll, wenn kein „Nein“ dokumentiert ist. Foto: pixabay.com
Anlass für ihre Debatte ist der Vorschlag von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), demzufolge jeder Hirntote zum Spender werden soll, wenn kein „Nein“ dokumentiert ist. Foto: pixabay.com

Wetzlar (idea) – Ist es ein Zeichen christlicher Nächstenliebe, seine Organe zu spenden? In dieser Frage vertreten zwei bekannte Pietisten in Deutschland gegensätzliche Auffassungen. Auch in Kirchenkreisen gibt es verschiedene Ansichten. Anlass für ihre Debatte ist der Vorschlag von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), demzufolge jeder Hirntote zum Spender werden soll, wenn kein „Nein“ dokumentiert ist. Derzeit ist eine Entnahme nur möglich, wenn eine Zustimmung vorliegt.

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Kern: Spahns Vorschlag kommt zur Unzeit

Der Vorsitzende des württembergischen Gemeinschaftsverbandes „Die Apis“, Pfarrer Steffen Kern (Walddorfhäslach bei Reutlingen), schreibt im sozialen Netzwerk Facebook, dass Spahns Vorschlag „zur Unzeit“ komme und vorab noch viele Fragen geklärt werden müssten. Eine Organspende könne Leben retten. Zudem gelte, dass Helfen für Christen Pflicht sei. Doch zum christlichen Menschenbild gehöre auch die Unversehrtheit des eigenen Körpers. Kern will wissen, wann ein Mensch wirklich tot ist und ob der „Hirntod“ eines Menschen wirklich klar zu definieren ist. Er meldet zudem grundsätzliche Zweifel am Gesundheitssystem an: „Welche Rolle spielen finanzielle Motive in den Krankenhäusern? Wer bekommt die Organe: der am bedürftigsten ist oder der am meisten bezahlt oder dessen Leben wertvoller als das anderer erscheint?“ Der menschliche Körper dürfe nie zur Ware werden. Zur Organspende sollte jeder dafür bereite Mensch frei und aktiv Ja sagen. Doch die von Spahn vorgeschlagene Widerspruchslosung würde das umkehren, so Kern.

Diener: Organe grundsätzlich spenden

Anderer Auffassung ist der Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes (Vereinigung Landeskirchlicher Gemeinschaften), Pfarrer Michael Diener (Kassel). Wenn Nächstenliebe so wichtig sei, „halte ich es für ethisch einleuchtend, Organe grundsätzlich zu spenden“. Wer das aus den von Kern genannten Gründen nicht wolle, habe die Freiheit „Nein“ zu sagen. Das sei sein „christlich motivierter Standpunkt“, so Diener.

Käßmann hat einen Organspendeausweis

Ähnlicher Auffassung ist auch die frühere EKD-Ratsvorsitzende, Margot Käßmann (Berlin). „Wenn ich unwiderruflich sterben muss, ich aber mit meinem Herzen oder meiner Niere einem anderen Menschen das Leben rette, dann ist das ein Akt der Nächstenliebe.“ Deshalb habe sie seit vielen Jahren einen Organspendeausweis, schreibt sie in der „Bild am Sonntag“. Die Entscheidung für oder gegen eine Organspende den Angehörigen zu überlassen, setzte sie einem starken Druck aus. Besser sei es, einige Dinge vorab selbst zu regeln, „ganz gleich wie alt wir sind“. Sie findet die Widerspruchslösung gut: „Die Freiheit, Nein zu sagen, bleibt.“

Büdenbender ist „zwiegespalten“

Die Ehefrau von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Elke Büdenbender, reagierte verhalten auf den Vorschlag von Spahn: „Da bin ich zwiegespalten. Es ist ein höchstpersönliches Thema.“ Der Bundestag sollte das Thema aufgreifen und jeder sich über Organspenden Gedanken machen, forderte Büdenbender gegenüber der „Rheinischen Post“. Sie hatte vor acht Jahren von ihrem Ehemann eine Niere erhalten. Seither habe sie ein neues Leben, so die 56-Jährige. Zugleich warb sie für mehr Bereitschaft zur Organspende: „Wir sollten versuchen, die Menschen durch transparente Verfahren, durch Beispiele davon zu überzeugen, wie wunderbar die Vorstellung sein kann, im Tod Leben zu schenken.“

Bischöfe gegen Zwang und Druck

Der Bischof der (katholischen) Diözese Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst (Stuttgart), und auch die beiden evangelischen Bischöfe in Baden-Württemberg sprachen sich gegen eine Widerspruchslösung aus. „Wir brauchen mehr Organspender“, schrieb Fürst, der auch Vorsitzender der Bioethik-Kommission der Bischofskonferenz ist, auf Twitter: „Organspende ist eine besondere Form der Nächstenliebe und muss frei bleiben von jedem sozialen Druck.“ Die Evangelische Landeskirche in Württemberg steht nach den Worten ihres Landesbischofs Frank Otfried July (Stuttgart) der Organspende positiv gegenüber: „Sie muss aber ein bewusster Akt der eigenen Entscheidung jeder und jedes Einzelnen bleiben.“ Den Vorschlag des Gesundheitsministers betrachte die Kirche als „inhaltlich nicht zufriedenstellend“. Er sei aber ein Anstoß für eine „notwendige gesellschaftliche Diskussion“. Der Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Baden, Jochen Cornelius-Bundschuh (Karlsruhe), erinnerte daran, dass die Würde des Menschen mit dem Tod nicht aufhöre. „Der Schutz derjenigen, die nicht mehr für sich selbst eintreten können, wiegt höher als ein vermeintlicher Anspruch der Gesellschaft.“ Hier dürfe es keinen Zwang geben. „Der Wunsch, in Ruhe und ohne zusätzliche medizinische Intervention zu sterben“, sei ethisch gerechtfertigt. Die Widerspruchslösung gibt es bisher in 20 der 28 EU-Mitgliedsstaaten.

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