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Deutschland
21. Juli 2019

Zwangsverheiratungen von Mädchen nehmen zu

Hunderte in Deutschland aufgewachsene junge Mädchen werden in der Heimat ihrer Eltern zwangsverheiratet. Symbolfoto: pixabay.com
Hunderte in Deutschland aufgewachsene junge Mädchen werden in der Heimat ihrer Eltern zwangsverheiratet. Symbolfoto: pixabay.com

Berlin (idea) – Hunderte in Deutschland aufgewachsene Mädchen werden in der Heimat ihrer Eltern zwangsverheiratet. Trotz steigender Zahlen lässt die Politik die Beratungsstellen und engagierte Helfer im Stich. Das berichtet die „Welt am Sonntag“ (Ausgabe 21. Juli). Allein die Anlaufstellen in Berlin hätten 2017 570 Hilferufe verzeichnet. Die Tendenz sei steigend. Während der Sommerferien kämen wie bereits in den Vorjahren besonders viele. Denn die jungen Frauen würden in die Heimat der Eltern zumeist unter dem Vorwand gebracht, dort gemeinsam Urlaub machen zu wollen. Laut der Vorsitzenden des Berliner Arbeitskreises gegen Zwangsverheiratung, Petra Koch-Knöbel, begreifen die Mädchen die Situation oft gar nicht: „Sie glauben den Lügengeschichten ihrer Eltern oder halten das Vorgehen für normal. Sobald sie im Ausland sind, ist es meistens zu spät.“

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Wer am meisten betroffen ist

Einer Umfrage des Arbeitskreises zufolge sind „Frauen zwischen 16 und 21 Jahren mit arabischen und türkischen Wurzeln am häufigsten betroffen, seltener aus kurdischen Gebieten, vom Balkan, aus Bulgarien und Rumänien. Vereinzelt kommen Zwangsehen in jüdischen, jesidischen und christlichen Familien vor.“ Bei den Beratungsstellen meldeten sich die jungen Frauen selber, Freundinnen oder Lehrer, die die Verschleppung eines Mädchens befürchteten. In jedem fünften Fall war es laut der Umfrage schon zur Zwangsheirat gekommen. Eine von drei Betroffenen war minderjährig. Die Kriseneinrichtungen seien überzeugt, dass man durch mehr Angebote mehr Zwangsheiraten verhindern könnte, doch die deutsche Politik zeige kaum Interesse. Myria Böhmecke von Terre des Femmes in Berlin beklagt, dass sie die Anfragen kaum bewältigen könne. Es gebe zu wenig öffentliche finanzielle Unterstützung für die Beratungsstellen. Das liege daran, dass kaum belastbare Zahlen zu Zwangsehen und Beratungsanfragen bekannt seien. Die letzte bundesweite Erhebung stamme von 2008.

Böhmecke: Die Politik wird erst aufwachen, wenn es eine Übersicht über das Problem gibt

Alle Hilfseinrichtungen sind sich laut der Sonntagzeitung einig, dass die Fallzahlen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen seien. Böhmecke mache als eine der Ursachen auch die stärkere Zuwanderung aus. Sie glaube, dass erst wenn es die Übersicht über das Problem gebe, die Politik aufwachen würde und das nötige Geld zur Verfügung stellen werde, um die Beratungsangebote auszubauen. Auch die Berliner Organisation Papatya spüre den Geldmangel. Die Kriseneinrichtung bietet für Betroffene von Zwangsehen die anonyme Online-Beratung „Sibel“. Bundesweit ist es laut Leiterin Eva Kaiser die einzige dieser Art: „Momentan wird uns für die Online-Beratung eine halbe Stelle von Bund, Ländern und Senat finanziert. Das reicht einfach nicht für die vielen Anfragen.“ Man kämpfe seit Jahren mit dem Senat um die Aufstockung von einer halben auf zwei Vollzeitstellen: „Wenn das nicht klappt, müssen wir aufhören.“ Die zuständige Berliner Behörde erklärte dazu auf Anfrage der Sonntagszeitung, der Bund sei aus der Finanzierung ausgestiegen. Dazu die „Welt am Sonntag“: „Dabei hatte das Familienministerium erst im vergangenen Jahr einen entschlosseneren Kampf gegen Zwangsverheiratungen angekündigt.“

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