Samstag • 15. Juni
Al-Quds-Marsch
01. Juni 2019

„Abscheulich“: Hunderte Israel- und Judenfeinde auf Berliner Straßen

Der Al-Quds-Marsch in Berlin rief auch zahlreiche Gegendemonstranten auf den Plan, die sich gegen Antisemitismus und Israelhass wendeten. Foto: picture-alliance/dpa
Der Al-Quds-Marsch in Berlin rief auch zahlreiche Gegendemonstranten auf den Plan, die sich gegen Antisemitismus und Israelhass wendeten. Foto: picture-alliance/dpa

Berlin (idea) – Rund 1.000 Israel- und Judenfeinde sind nach Angaben der Polizei am 1. Juni beim Al-Quds-Marsch durch Berlin gezogen. Unter den Teilnehmern waren Sympathisanten der radikal-islamischen Terrororganisationen Hamas und Hisbollah sowie Rechts- und Linksextreme. Al Quds ist der arabische Name für Jerusalem. Am Al-Quds-Tag – er findet jeweils am letzten Samstag im islamischen Fastenmonat Ramadan statt – ruft der Iran jedes Jahr zur Eroberung Jerusalems auf. Die Demonstranten trugen unter anderem Plakate mit der Aufschrift „Stop Apartheid Israel“ und „Muslime, Juden und Christen – Hand in Hand gegen Zionisten“ sowie palästinensische Fahnen. Einige Teilnehmer riefen vor dem Start „Kindermörder Israel“, wie die Deutsche Presse-Agentur berichtete. Angemeldet zu der Demonstration waren nach Polizeiangaben rund 2.000 Personen.

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Zwei Gegendemonstrationen

Aber auch Gegner des Al-Quds-Marsches gingen auf die Straße. An den Protesten eines „Antifaschistischen Berliner Bündnisses“ beteiligten sich laut Polizei 250 bis 300 Menschen. Zu einer weiteren Gegendemonstration hatte ein Bündnis aus Parteien, Organisationen und Initiativen aufgerufen. Darunter waren der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), die Deutsch-Israelische Gesellschaft Berlin-Brandenburg, die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die Kurdische Gemeinde sowie der Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg. Mehr als 500 Teilnehmer protestierten unter dem Motto „Kein Islamismus und Antisemitismus in Berlin – Gegen den Quds-Marsch“.

Zentralrat der Juden: Warum wird der Marsch Jahr für Jahr genehmigt?

Im Vorfeld hatte es heftige Kritik von jüdischen Repräsentanten und Politikern an dem Al-Quds-Marsch gegeben. Der Präsident des Zentralrates der Juden, Josef Schuster (Würzburg), forderte ein Verbot der islamistischen Propagandaveranstaltung. Dort werde für eine Eroberung Jerusalems und die Vernichtung Israels demonstriert. Schuster nannte es unverständlich, dass der Marsch Jahr für Jahr genehmigt werde. Der Berliner Innensenator Andreas Geisel (SPD) nannte den Umzug „eine der widerlichsten Versammlungen, die es in Berlin gibt“, sah aber keine rechtliche Chance, ihn zu verbieten. Es gebe zwar keinen Zweifel, dass die Teilnehmer antisemitisch seien und das Existenzrecht Israels infrage stellten, so lange dies jedoch nicht deutlich geäußert werde, habe man nicht genug Beweise, damit ein Verbot vor Gericht Bestand habe, sagte er dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb). Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) forderte anlässlich des Marsches mehr zivilgesellschaftliches Engagement gegen Judenfeindlichkeit. „Für Antisemitismus, Ausgrenzung und Hetze gegen Jüdinnen und Juden darf es keinen Platz geben“, sagte die Ministerin dem Berliner „Tagesspiegel“. Der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Thorsten Frei, forderte ein Verbot des Marsches, sobald er zu Straf- und Gewalttaten benutzt werde. Hinter der Demonstration stehe die „terroristische Hisbollah“, die sich gegen das Existenzrecht Israels wende: „Dafür dürfen wir keine Bühne bieten.“ Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) verurteilte den Marsch als „abscheulich“. Antisemitismus habe in Deutschland „absolut nichts zu suchen“. Es spiele dabei keine Rolle, ob er von Rechtsextremisten oder von islamischen Antisemiten komme, sagte Herrmann den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Wolffsohn: Muslimischer Antisemitismus wird tabuisiert

Der deutsch-jüdische Historiker und Publizist Prof. Michael Wolffsohn (Neubiberg bei München) schrieb in „Bild“, dass Judenfeindschaft heute vom „rechten und linken und muslimischen Rand“ komme: „Benannt wird eigentlich nur der rechte, selten der linke und noch seltener der muslimische.“ Aus Angst, „integrationspolitisches Porzellan zu zerschlagen, werde der muslimische Antisemitismus tabuisiert und damit befördert. Doch Angst sei ein schlechter Diagnostiker und ein noch schlechterer Therapeut. Ohne richtige Diagnose gebe es keine Heilung.

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