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Weihnachtspresseschau
25. Dezember 2019

„Unglaublich? Gewiss. Unwichtig? Gewiss nicht.“

So unterschiedlich kommt die Weihnachtsgeschichte in deutschen Zeitungen vor. Foto: pixabay.com
So unterschiedlich kommt die Weihnachtsgeschichte in deutschen Zeitungen vor. Foto: pixabay.com

Süddeutsche Zeitung: Weihnachten ist wie ein Lagerfeuer

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Die „Süddeutsche Zeitung“ (München) stimmt ein Loblied auf Weihnachten an: „Weihnachten ist wie ein Lagerfeuer, das nicht herunterbrennt. Es ist das Fest der Wiederholung der Wiederholung. Die Weihnachtsgeschichte ändert sich nicht, darf sich nicht ändern, muss genau so beginnen: ‚Es begab sich aber.‘ Selbst hartgesottene Atheisten beteiligen sich am Weihnachtsritual. Auch wenn man mit Kirche und Glauben abgeschlossen hat, geht man zum Heiligabend-Gottesdienst, erliegt dabei womöglich, wenn auch widerwillig, dem Zauber der Erzählung... ‚Es begab sich‘: Dieser immer gleiche Satz aus der Weihnachtsgeschichte erzählt zuerst das immer gleiche Herrschaftsritual: Der Mächtige gibt ein Gebot aus, alle Welt gehorcht. Kaiser Augustus setzt die ganze Welt in Bewegung. Aber zugleich beginnt eine Gegengeschichte, die von kleinen Leuten erzählt, von Maria und Josef. Der Zählbefehl des Augustus wird von Engeln durchlöchert; die Volkszählungsgeschichte wird zum Beginn einer Befreiungsgeschichte, die den neuen Himmel und die neue Erde in Aussicht stellt. Sie hat die Botschaft: Nicht ein Kaiser ist höchstes Wesen, sondern ein Mensch, der ohne Obdach zur Welt kommt. Es ist die Geschichte der großen Umkehrung. ‚Es begab sich‘: Der berühmteste aller Anfänge ist ein Befreiungsfanal.“

Die Welt: Aus Fehlern lernen

In der Tageszeitung „Die Welt“ (Berlin) legt der Journalist und Buchautor Franz Alt seine Interpretation der Weihnachtsbotschaft dar: „Eine neue Glücksbotschaft und ein neues Gottesbild gegenüber dem alten Rache-, Kriegs- und Strafegott. Eine neue Botschaft und eine neue Hoffnung in einer zerstrittenen, ungerechten, friedlosen, frauenfeindlichen und von Ausbeutung beherrschten Welt – damals wie heute. Der Mann aus Nazareth hat mit diesem Programm eine ganz andere Klasse als die vielen selbst ernannten ,Erlöser‘, die damals in Palästina herumliefen. Er war für viele Frauen der Traum von einem neuen Mann. Besonders viel lernte er von seiner reichen und gebildeten Gefährtin und Freundin Maria Magdalena. Vor allem in ihrer Schule wurde er der erste prominente neue Mann der Weltgeschichte. Herkömmliche Politik und Religion waren ihm dabei ziemlich gleichgültig. Sein großes Thema hieß und heißt noch immer: Mensch sein heißt Mensch werden. Es ist kein Fehler, Fehler zu machen. Dafür sind wir Menschen. Aber es ist ein ganz großer Fehler, wenn wir aus Fehlern nichts lernen. So Jesu Weihnachtsbotschaft.“

Die Zeit: Die Sehnsucht, gerettet zu sein

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ (Hamburg) schreibt: „Weihnachten heißt, die Menschen müssen die Welt nicht selbst retten. Dafür gibt es Gott. Das zu glauben fällt der modernen Gesellschaft, die alles durchschaut, auch die Religion, schwer. Sie fürchtet, der Glaube verderbe das Denken. Sie sieht sich als einsamen, mühseligen Bewahrer der Schöpfung. Aber jedes Jahr an Weihnachten zeigt sich, wie groß die Sehnsucht doch ist: nach einem, wie ein ostdeutscher Bischof einmal sagte, ‚alternativen Orientierungshorizont‘. Oder schlicht: danach, gerettet zu sein. Die Botschaft der Maria lautet also, dass die Welt nicht nur gut sein soll, sondern auch schön. Dass sie heil wird durch marianische Menschen, die das Harte und das Zarte, die Herzensdimension und die Kampfesdimension vereinen.“

Der Spiegel: Die Superkraft der Bibel

„Der Spiegel“ geht in seiner Titelgeschichte der Frage nach, ob die Geschichten der „Helden der Bibel“ wie David und Salomo stimmen: „Nur Kreationisten, wie sie sich in erstaunlich großer Zahl unter evangelikalen Christen und ultraorthodoxen Juden finden, verstehen das Geschriebene wörtlich. Die radikale Gegenposition zu den Kreationisten vertritt der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins. Für ihn ist die Bibel bloß ‚eine chaotisch zusammengestoppelte Anthologie zusammenhangloser Schriften‘. Doch damit macht es sich Dawkins zu einfach. In den biblischen Geschichten sind Fakten und Fiktionen eng verwoben, es ist kaum möglich, sie pauschal abzutun. Die Zeitschrift ‚Biblical Archaeology Review‘ führt 53 Personen auf, die in anderen Quellen, etwa in gemeißelten Inschriften, ebenfalls bezeugt sind, unter ihnen biblische Könige, ägyptische Pharaonen sowie Despoten aus Mesopotamien, dem Zweistromland an Euphrat und Tigris. Besonders das Alte Testament hört sich häufig an wie die Chronik einer fernen Zeit. Es setzt sich aus den ursprünglich auf Hebräisch verfassten Büchern zusammen, die auch zum Tanach gehören, so nennen die Juden ihre Bibel.“ Dem „Spiegel“ zufolge ist Mose eine Sagengestalt, Abraham ebenso; David habe hingegen existiert – aber nicht so wie in der Bibel beschrieben. Umso erstaunlicher ist das Fazit: „Fremde Herren kamen und gingen, an ihrem Herrn im Himmel hielten die Israeliten fest. Niemand konnte so gut wie sie von Wundern und Prüfungen und Schicksalsschlägen berichten, mit grenzenloser Fantasie. Die Erzählkunst wurde ihre Superkraft, durch die sie sich historisch immer wieder behaupteten. Die Nachwirkung ist kaum zu überschätzen.“

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: Christen haben es leichter

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schreibt: „All jene, die an Weihnachten das Kind in der Krippe feiern, die Christen also, haben es auch jetzt leichter. Sie können durchatmen, sich der Liebe Gottes zuwenden und sich freuen, dass Gott Mensch geworden ist. Die Idee der Menschwerdung hilft aber vielleicht auch denen, die nicht an den Sohn Gottes glauben. Auch der Mensch selbst kann an Weihnachten Mensch werden. Kann aufhören, als Festtagsroboter zu funktionieren, und zulassen, dass alle unterm Baum eben Menschen sind. Mit Schwächen. Und Stärken. Die eine ist unzufrieden aus Gründen, die außerhalb des Weihnachtszimmers liegen. Der andere traurig, weil unter dem Baum jemand fehlt. Die übrigen sind selig, rührselig oder weinselig. Sie alle haben das Glück, gemeinsam in einer warmen Wohnung zu sein. Es kann nicht schaden, sich an Weihnachten wieder einmal daran zu erinnern, dass das nicht selbstverständlich ist.“

Westfalenblatt: Der Glauben hat es schwer

Das Westfalenblatt (Bielefeld) analysiert: „Vielleicht ist das Weihnachtsfest weltweit auch deshalb so populär, weil es sich so gut vermarkten lässt. Zynisch könnte man sagen: Keine Glaubensfeier passt besser zu den Bedingungen der Globalisierung als Weihnachten. Süßer die Kassen nie klingeln - und wenigstens ein paar freie Tage am Stück, ohne dass etwas vom kostbaren Urlaub draufgeht. Kaufrausch und Brückentage-Arithmetik als willkommene Ersatzhandlungen. Denn es ist offensichtlich: Der Glaube hat es schwer, der zu dieser unerhörten Geschichte gehört, die sich da vor mehr als 2000 Jahren in einem Stall in Bethlehem zugetragen haben soll. Das hat viele Gründe und nicht wenige davon finden ihren Ursprung dort, wo dieser Glaube gelehrt und vorgelebt werden soll. Zu oft, zu lange und zu systematisch sind die Amtskirchen und ein ganz kleiner, aber zugleich doch viel zu großer Teil ihrer Würdenträger ihren eigenen moralischen Ansprüchen nicht gerecht geworden. Der daraus resultierende Vertrauensverlust ist gigantisch und er wird noch lange nachwirken. Und dennoch: Glaubensferne, ja Glaubensleere allein daraus erklären zu wollen, greift zu kurz. Zu Gott muss sich schon jeder ganz persönlich einlassen. Diese Entscheidung nimmt uns keiner ab und wir können sie auch nicht delegieren. Und da ist es heute nun einmal so: Gott kommt im Leben vieler Menschen nicht mehr zwingend vor, und die meisten dieser Menschen kommen scheinbar ganz gut ohne ihn aus. Die Weihnachtsbotschaft jedoch macht das nicht weniger bedeutsam. Im Gegenteil. ‚Gott ist Mensch geworden und hat unter uns gewohnt.‘ Unglaublich? Gewiss. Unwichtig? Gewiss nicht.“

Reutlinger Nachrichten: Weihnachten ist auf dem Rückzug

Die „Reutlinger Nachrichten“ sehen Weihnachten in rasantem Tempo auf dem Rückzug: „2017 antworteten von 1.000 Befragten, ob sie Weihnachten feierten, 90 Prozent mit Ja. 2018 waren es noch 88 Prozent, in diesem Jahr purzelte der Wert gar auf 79 Prozent. Hat Weihnachten ausgedient? Ist es nur noch eine Hülle, die nett mit Tannenzweigen ausstaffiert ist, ziemlich süß, schön kitischig, und die sich vor allem mit Dauerbeschallung ‚Last Christmas‘ am Leben erhält? Der Befunde wäre dramatisch – nicht nur aus christlicher Sicht. Die religiöse Bedeutung des Festes ist für viele Menschen längst bedeutungslos. Nur 25 Prozent der Deutschen nennen die Geburt des Gottessohnes als wichtigsten Grund, um das Fest zu feiern. Drei Viertel ist dieser Hintergrund gleichgültig oder sie kennen ihn nur vage – wenn überhaupt. Dramatisch ist dieser Befund aber auch aus gesellschaftlicher Sicht. Selbst wenn man die Geburt Jesu nur als eine Legende und den Brauchtum um dieses Fest als Folklore abtut – es ist immerhin ein Anlass, ein gemeinsames Fest zu feiern, das die Grundwerte unseres Staatswesens und unserer modernen Gesellschaft überhaupt erst ermöglicht hat: Nächstenliebe, Vergebung und vor allem die unteilbare Menschenwürde. Dass der Schwächste und sein Leben genauso wertvoll sind wie das von Königen und Kaisern.“

Thüringer Allgemeine: Atheisten im Gottesdienst

Die „Thüringer Allgemeine“ (Erfurt) wundert sich über die vielen Gottesdienstbesucher am Heiligabend: „Es wirkt wie eine merkwürdige Erscheinung, dass viele Menschen, die in ihrem Selbstverständnis Atheisten sind, an diesem Tag in der Predigt der Anrufung eines Gottes beiwohnen, an den sie nicht glauben, im Krippenspiel einer naiv vorgetragenen Geschichte folgen, die eine Religion begründet, die sie nicht haben. Und doch wohnt diesem besonderen Raum Kirche eine Kraft, eine Spiritualität inne, die gottferne Menschen suchen an diesem Tag. Vielleicht, so ließe sich sagen, dass die Grundbotschaft des Menschen Jesus, die Aufforderung zu gelebten Nächstenliebe, die Hoffnung auf Frieden und Harmonie, an diesem Tag die Grenzen überschreitet von einer Religion, an die man nur glauben kann, zu einer Sehnsucht, die jeder teilen kann. Vielleicht, dass an diesem Tag die Sehnsucht zwischen Religion und Hoffnung unscharf wird.“

Augsburger Allgemeine: Wahre Botschaft, skandalöse Zustände

Die „Augsburger Allgemeine“ erzählt die Weihnachtsgeschichte nach und kommentiert: „Leicht gerät dieser schlichte Kern des Christentums, der Glaube an Gottes rettendes Eingreifen in die Welt, ins Hintertreffen. Dabei stellt diese Botschaft die Verhältnisse völlig auf den Kopf. Recht behalten werden am Ende nicht die Gewaltsamen, die Rücksichtslosen und die Hassenden. Sondern die Sanftmütigen, die Liebevollen und die Mutmachenden. Intuitiv spüren die Menschen, die zu Weihnachten in die Gottesdienste strömen, offenbar die Wahrheit der Botschaft. Auch wenn sie ihren Überbringern immer weniger vertrauen. Sie verlassen in Scharen die Kirche – teils erzürnt über skandalöse Zustände wie den aufgedeckten sexuellen Missbrauch, teils verzweifelt über die Unfähigkeit zu überfälligen Reformen, teils gelangweilt von einer aus der Zeit gefallenen Institution.“

Rheinische Post: Christmas for Future

Die „Rheinische Post“ (Düsseldorf) schreibt: „Wer selbst barmherzig handelt, dem kann der Glaube an eine höhere Barmherzigkeit zuteil werden… An diesem Tag, an dem wir Christi Geburt feiern, soll uns das Erlebnis von Glaube, Liebe, Hoffnung stärken. So glauben die Christen: Gott hat sich der Menschheit erbarmt, indem er seinen Sohn als Erlöser auf die Welt brachte. Die Menschen des guten Willens sollten erfahren, dass Barmherzigkeit auf Gegenliebe stößt. Diese Botschaft ist 2000 Jahre alt, doch keineswegs überholt. Modern ausgedrückt könnte sie lauten: Christmas for Future.“

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