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Kommentar

Zwölf Leitsätze: Ende gut, alles gut?

31.10.2020

Der evangelische Theologieprofessor Ulrich Körtner. Foto: Hans Hochstöger
Der evangelische Theologieprofessor Ulrich Körtner. Foto: Hans Hochstöger

Zu den überarbeiteten „Zwölf Leitsätzen für eine aufgeschlossene Kirche“ des EKD-Zukunftsteams ein Kommentar von dem evangelischen Theologieprofessor Ulrich Körtner (Wien).

Sage noch einer, die EKD sei nicht lernfähig. Die teils massive Kritik, die es von allen Seiten an den „Leitsätzen für eine aufgeschlossene Kirche“ hagelte, hat offenkundig Wirkung gezeigt. Nicht nur die konkreten Vorschläge zur Reform bestehender Kirchenstrukturen sind rechtzeitig vor der EKD-Synode überarbeitet worden, auch theologisch hat das für den Text verantwortliche Z-Team – Z wie Zukunft – deutlich nachgebessert. Das ist erfreulich.

Das Wort Sünde kommt den Autoren nicht über die Lippen

Was als Erstes ins Auge springt: Aus elf Leitsätzen sind nun zwölf geworden. Neu hinzugekommen ist das Thema Seelsorge, dessen Fehlen selbst von wohlmeinenden Kommentatoren der Leitsätze bemängelt worden ist. Wie es dem Z-Team überhaupt passieren konnte, die Seelsorge komplett zu vergessen, bleibt ein Rätsel. Nun aber wird ihr der gebührende Platz eingeräumt. Seelsorge wird als „Muttersprache der Kirche“ gewürdigt, habe sich doch Gott in Jesus Christus „als seelsorgerlicher Gott“ erwiesen, „der Leben schenkt, Versöhnung schafft und Heil verheißt“. Das Wort Sünde kommt dem Z-Team allerdings auch jetzt nicht über die Lippen. Positiv sei ebenso vermerkt, dass die Neufassung der Leitsätze nicht nur den Zusammenhang von Seelsorge und diakonischer Praxis stärken wollen, sondern auch auf die Gefahren von Machtmissbrauch, sexualisierter Gewalt und sonstigen körperlichen wie psychischen Grenzüberschreitungen hinweisen.

Der autoritäre Ton ist verschwunden

Verändert hat sich zudem die Gewichtung der ersten Leitsätze. Das Thema Frömmigkeit ist nun an den Anfang gestellt, gefolgt vom neuen Leitsatz zur Seelsorge, während das Thema Kirche und Öffentlichkeit von der ersten an die dritte Stelle gerückt ist. Auch in anderen Punkten hat die EKD auf den teils heftigen Widerspruch reagiert. So wird nun die weiterhin tragende Rolle der Ortsgemeinden sowie der Pfarrerinnen und Pfarrer gewürdigt.

Dass das Zukunftspapier wie schon in der Erstfassung Fragen der Kirchenmitgliedschaft und neue Formate von Kirchenzugehörigkeit thematisiert und das besondere Augenmerk auf junge Menschen in der Berufseinstiegsphase richtet, ist zu begrüßen. Dass auch über Ideen zur Verbesserung des Kirchensteuersystems und ergänzende Finanzierungsmodelle zu reden ist, steht außer Streit. Erfreulicherweise ist die EKD nun aber etwas zurückgerudert, hatte sich doch namentlich die katholische Kirche von der anfänglichen Idee, Berufseinsteiger von der Kirchensteuer zu befreien, überfahren gefühlt. Nun heißt es, man wolle mit der katholischen Kirche und anderen Religionsgemeinschaften, die Kirchensteuer erheben, ergebnisoffen diskutieren. Zum Glück ist auch aus den Thesen zu Kirchentwicklung, Leitung, Strukturen und künftigem Verhältnis zwischen EKD und Landeskirchen der autoritäre Ton verschwunden, der am einigen Stellen in der Erstfassung der Leitsätze zu vernehmen war. Allerdings muss man das Kleingedruckte lesen. Die Leitsätze, so ist gleich auf der ersten Seite zu lesen, konkretisieren sich in den Vorschlägen, die der „Begleitende Finanzausschuss für eine Finanzstrategie der EKD“ unterbreitet. Diese sehen zum Beispiel die ersatzlose Auflösung des 2016 geschaffenen „Evangelischen Zentrums für Männer und Frauen“ vor, dem unter anderem vorgeworfen wird, Positionen der EKD zu oft unter Beschuss zu nehmen. Was immer man von der Arbeit des Zentrums halten mag: Bei allzu ausgeprägtem Widerspruchsgeist hört der Spaß in der „Kirche der Freiheit“ offenbar auf. Man darf gespannt sein, in welchen weiteren Arbeitsbereichen es sonst noch zum Hauen und Stechen kommt.

Manches Fragezeichen steht noch hinter der Zielsetzung, „digitale Kirche“ werden zu wollen. Die EKD will nicht nur zur Klärung ethischer Fragen beitragen, die in der digitalen Welt entstehen. Zu klären seien, wie es nun heißt, auch theologische Fragen, die durch den Einsatz digitaler Medien aufgeworfen werden. Welche das sind, bleibt allerdings im Dunkeln.

Text hat an theologischer Qualität gewonnen

Gegenüber der Erstfassung hat der Text an theologischer Qualität gewonnen. Einleitend und wiederholt liest man nun, „Christusbindung, Geistverheißung und Liebesgebot“ seien „die elementarsten Zukunftsprinzipien der Kirche“, die nach Gottes Führung frage, nach seinen Wegen suche und sich seiner Führung anvertraue. In der Neufassung wird nun endlich auch von Kreuz und Auferstehung Christi gesprochen. Hingegen hat man problematische Formulierungen, die auf eine moralisierende Urbild- und Vorbildchristologie, besser gesagt: auf eine bloße Jesulogie hinausliefen, erfreulicherweise getilgt. Auch werden biblischen Bezüge in der Neufassung stärker sichtbar.

Konfliktträchtige Themen werden ausgeklammert

Allerdings fehlt nach wie vor jeder Hinweis auf 1. Korinther 3,11, was man von einem Text mit dem programmatischen Titel „Kirche auf gutem Grund“ wohl erwarten dürfte. Offenbar tut sich die EKD weiterhin mit dem in diesem Wort anklingenden Exklusivanspruch des Christusbekenntnisses schwer, wie auch das Missionsverständnis weiterhin theologisch und inhaltlich unzureichend bleibt. Mit anderen Religionen weiß man sich im friedlichen Dialog, wobei alle konfliktträchtigen Themen – insbesondere was den Islam betrifft – ausgeklammert werden. Im Wettbewerb mit anderen Glaubensrichtungen weiß sich die EKD laut eigenem Bekunden nur mit „zum Teil neuen religiösen Gemeinschaften, fundamentalistischen Gruppen und charismatischen Bewegungen“. Das ist doch wohl eine etwas verengte Sicht auf die Probleme unserer religiös und weltanschaulich pluralen Gesellschaft.

Was eine Form von Realitätsverweigerung ist

Im knapp gehaltenen Abschnitt zur Ökumene wird die Absicht zu verstärkter Kooperation auf Handlungsfeldern wie Polizei-, Militär- und Gefängnisseelsorge mit dem Ziel von finanziellen Einsparungen bekräftigt. Neue Formen ökumenischer Gemeindearbeit sollen gefördert werden bis hin zu mehrkonfessionellen Gemeinden. Wohl auch mit Blick auf den Ökumenischen Kirchentag 2021 bekräftigt die EKD ihren Willen zur „‚Einheit in Vielfalt‘, die eucharistische Gastfreundschaft zulässt und individuelle Gewissensentscheidungen respektiert“. Angesichts der harschen Abfuhr, die diese Idee vor kurzem aus Rom erfahren hat, haben deutsche Sonderwege in der Abendmahlsfrage allerdings kaum eine Chance. Ob man die Argumente der Glaubenskongregation gegen die Vorschläge des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen (ÖAK) nun teilt oder nicht: Sie bedeuten das vorläufige Ende weiterer Anläufe in Richtung eucharistischer Gastfreundschaft und zeigen, wie eng der verbleibende Spielraum für künftige Gespräche ist. Das zu ignorieren, wie es auch katholische Beteiligte tun, ist eine Form vor Realitätsverweigerung. Statt unverdrossen falsche Hoffnungen zu befeuern, wären die beiden Kirchen in Deutschland gut beraten, eine Denkpause einzulegen. Der Ökumene wäre damit jedenfalls besser als mit einem „Weiter so!“ gedient.

Nachbesserungen zeigen das Ausmaß der bestehenden Kirchen- und Glaubenskrise

Ende gut, alles gut? Allein schon der Umstand, dass die EKD zunächst ein von ihr offenbar für gut befundenes, in Substanz und Zielsetzungen aber höchst problematisches Strategiepapier veröffentlicht hat und sich dann – neben Präzisierungen der praktischen Vorschläge zur Organisationsentwicklung – zu theologischen Nachbesserungen genötigt sah, zeigt das Ausmaß der bestehenden Kirchen- und Glaubenskrise, von der die Leitsätze selbst sprechen. Zum Schluss heißt es, alle in den Leitsätzen angestellten Zukunftsüberlegungen seien von einem einzigen Grundgedanken getragen: „Die Kirche ist nie fertig, das Beste kommt noch.“ Die evangelische Kirche stehe damit „in der Tradition der Reformatoren“. Martin Luther war freilich der Überzeugung, dass die Reformation der Kirche nicht das Werk der Menschen, sondern die alleinige Sache Gottes sei. Und das Beste, was der christliche Glaube von Gott erhofft, ist nicht eine immer besser werdende evangelische Kirche, sondern das Reich Gottes, um dessen Kommen Sonntag für Sonntag im Vaterunser gebetet wird.