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Kommentar
28. Juli 2020

Allianzvorsitzender widerspricht Grabe: Gleichstellung ist nicht möglich

Der Vorsitzende der Evangelischen Allianz in Deutschland, Ekkehart Vetter. Foto: Privat
Der Vorsitzende der Evangelischen Allianz in Deutschland, Ekkehart Vetter. Foto: Privat

Der Ärztliche Direktor der christlichen Klinik Hohe Mark, Martin Grabe, hat in seinem Buch „Homosexualität und christlicher Glaube: ein Beziehungsdrama“ (Francke-Verlag) folgenden Einigungsvorschlag gemacht: „Homosexuelle Christen dürfen ebenso wie heterosexuelle Christen eine verbindliche, treue Ehe unter dem Segen Gottes und der Gemeinde eingehen und sind in der Gemeinde in jeder Hinsicht willkommen.“ Die Evangelische Nachrichtenagentur idea hat daraufhin den Vorsitzenden der Evangelischen Allianz in Deutschland, Ekkehart Vetter (Mülheim an der Ruhr), um eine Stellungnahme gebeten.

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Kaum erschienen, schlägt ein neues Buch von Martin Grabe, Chefarzt der Abteilung für Psychotherapie und Psychosomatik der Klinik Hohe Mark (Oberursel), bereits Wellen. Grabe, auch Vorsitzender der Akademie für Psychotherapie und Seelsorge (APS), entfaltet das Thema als Psychiater, Psychotherapeut – und Christ. Am Ende des gut zu lesenden populärwissenschaftlichen Buches, das auch in aller gebotenen Kürze exegetische Thesen liefert, macht Grabe „nach allem Gesagten“ einen Vorschlag zur Einigung angesichts der kontroversen Diskussion unter Christen und zwischen Kirchen: „Homosexuelle Christen dürfen ebenso wie heterosexuelle Christen eine verbindliche, treue Ehe unter dem Segen Gottes und der Gemeinde eingehen und sind in der Gemeinde in jeder Hinsicht willkommen.“

Mehrfach erwähnt er in seinem Buch die inhaltlichen Initiativen der Evangelischen Allianz in Deutschland (EAD) in den vergangenen Jahren, um das Thema „Homosexualität und christlicher Glaube“ zu diskutieren und zwischen kontroversen Positionen möglicherweise zu einer Verständigung zu kommen. So gab es zwischen 2013 und 2016 drei Symposien mit unterschiedlichen Schwerpunkten (exegetisch; humanwissenschaftlich etc.) mit jeweils rund 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Martin Grabe war einer von ihnen. Im Herbst 2017 veröffentlichte der Hauptvorstand der EAD schließlich eine prägnante Erklärung: „Ehe als gute Stiftung Gottes – EAD beschließt Leitgedanken zur Ehe und Homosexualität.“

Es ist über die Jahre sehr viel zum Thema geschrieben worden. Kirchen und Freikirchen haben zum Teil sehr umfangreiche Stellungnahmen zum Thema Homosexualität und christlicher Glaube veröffentlicht. Die Argumente sind ausgetauscht. All dies ist nachzulesen und ich kann in diesem Rahmen dieser sicher notwendigen inhaltlichen Diskussion keinen weiteren ausführlichen Beitrag hinzufügen. Ich möchte vielmehr einige Leitgedanken der EAD-Erklärung von 2017 aus meiner persönlichen Sicht als Vorsitzender der EAD fokussieren.

1. Faktencheck: Wir sind mit unterschiedlichen Überzeugungen unterwegs

Die inhaltlich sehr intensiven Symposien der EAD von 2013 bis 2016 haben in der direkten Begegnung in vertraulicher Atmosphäre und im Austausch unterschiedlicher Standpunkte deutlich gemacht: Ja, wir sind in dem Kontext, den man evangelikal, charismatisch, pietistisch, konservativ-evangelisch nennt – oder wie auch immer die Schubladen sonst heißen mögen –, mit „unterschiedlichen Überzeugungen“ in Bezug auf das Thema Homosexualität und Glaube unterwegs. Diese plurale Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten wird durchaus unterschiedlich bewertet. Die einen leiden darunter, die anderen halten es für einen Ausdruck nötiger Bewegung.

2. Der Diskussionsprozess muss, auch wenn er inhaltlich kontrovers ist, von Wertschätzung, Sachlichkeit und Differenzierung geprägt sein

An vielen Stellen gelingt es, diese Diskussionskultur zu leben – aber oft, gerade in den sozialen Medien, leider auch nicht. Wer, wie man so sagt, eine „konservative“ Position vertritt, sollte auch bei den Vertretern einer „offenen“ Position das Bemühen um einen evangeliumsgemäßen Weg anerkennen, selbst wenn inhaltliche Kontroversen bestehen bleiben. Umgekehrt sollten Vertreter einer offenen Position nicht unterstellen, dass Andersdenkende nicht theologisch fundiert arbeiten und mit fundamentalistischen Scheuklappen unterwegs sind. Es ist kontraproduktiv, wenn Menschen die Etikette „homophob“ oder „Schwulenhasser“ angeheftet werden, nur weil sie konservative biblische Überzeugungen vertreten. Wo immer über Homosexualität und Glaube diskutiert wird, sollten Wertschätzung, Sachlichkeit und die notwendigen Differenzierungen die Debattenkultur prägen.

3. Die Heilige Schrift ist von Gottes Geist eingegeben, zuverlässig und höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung

Diese Formulierung aus der sogenannten Glaubensbasis der EAD gilt natürlich auch für die Frage nach der theologischen Bewertung von Homosexualität. Wir fragen nach humanwissenschaftlichen Erkenntnissen, wie es in den EAD-Symposien geschehen ist, aber entscheidender Maßstab ist letztlich die Heilige Schrift – wohl wissend, dass diese ausgelegt werden muss und dass dies auch nicht kontextfrei und voraussetzungslos geschieht. Insofern geht es hier nicht einfach nur um eine ethische Frage, sondern die Frage unseres Schriftverständnisses, die auch im evangelikalen Raum nicht einheitlich beantwortet wird, steht mit auf der Agenda. Die „saubere theologische Arbeit“, die Martin Grabe zu Recht einfordert und gleichzeitig einräumt, dass er kein Theologe sei, leistet aber auch sein Büchlein nicht. Und dies ist nicht allein eine Frage der gebotenen Kürze.

4. Ehe als lebenslange Verbindung zwischen Mann und Frau ist gute Stiftung Gottes. Es ist seine Schöpfungsordnung für seine Geschöpfe

Dies ist sehr bewusst der erste inhaltliche Schwerpunkt dieser Erklärung. Menschen sind nach dem Bild Gottes als Mann und Frau geschaffen. Die lebenslange Ehe zwischen Mann und Frau als göttliches Modell auch für sexuelle Gemeinschaft kann nicht hoch genug bewertet werden. Bemerkenswert ist, dass eheloses, zölibatäres Leben bei Paulus als vollwertige Alternative zur Ehe gewertet wird. In einer von Sünde geprägten Welt müssen sowohl Ehe als auch Ehelosigkeit verantwortlich gelebt werden.

5. Die in der Bibel beschriebene homosexuelle Praxis ist mit dem Willen Gottes und damit dem biblischen Ethos unvereinbar

Dieser Satz ist viel diskutiert worden. Manche sehen in ihm eine vorsichtige, verschlüsselt formulierte Öffnung für eine offenere Position. Ja, es mag sein, dass einige dieser Erklärung zugestimmt haben, weil sie mit dieser Formulierung einen leicht geöffneten Türspalt empfunden haben. Mag sein, dass andere dagegen gestimmt haben, weil sie dies ebenso empfunden haben und genau diese potenzielle Öffnung verhindern wollten.

Darum ein paar persönliche Gedanken meinerseits zu dieser These. Dazu müssen wir einen Blick auf Römer 1,18-32 werfen, insbesondere die Verse 24 bis 27. Die Vertreter einer offenen Position, auch Martin Grabe, argumentieren, dass die scharfe Kritik des Paulus an homosexueller Praxis sich nicht auf eine in Liebe und Treue gelebte homosexuelle Beziehung beziehen könne, weil es solche Beziehungen in der damaligen Gesellschaft gar nicht gegeben habe. Paulus kritisiere vielmehr nur ausbeuterische und missbräuchliche gleichgeschlechtliche Beziehungen.

Nun gibt es aber eine ganze Reihe Neutestamentler, die genau diese These bestreiten und mit zahlreichen Zitaten aus der antiken Literatur belegen, dass es auch zu neutestamentlicher Zeit homosexuelle Treuebeziehungen gab, von denen Paulus als guter Kenner der griechischen Welt sicher wusste.

Die exegetische These der Vertreter der offenen Position in Bezug auf Römer 1, und dies ist der zentrale Text im Neuen Testament zum Thema, steht auf sehr, sehr dünnem Eis. Der gesamte Kontext von Römer 1 bis 3 macht doch klar: Alle Menschen sind Sünder. Die Juden, weil sie das Gesetz kannten, und es dennoch nicht gehalten haben, aber auch die Heiden, die Gott hätten erkennen können, die Gott aber wegen ihres gottlosen Lebens „dahin gegeben hat“. Und dann nennt Paulus in Römer 1 zahlreiche Ausdrucksformen dieses von Gott gelösten Lebenswandels, eine davon ist homosexuelle Sexualität.

Die vollmundige Behauptung, dass Paulus es so nicht gemeint haben könnte, wie der offensichtliche Wortsinn ist, weil er angeblich keine Kenntnis von homosexuellen Treubeziehungen gehabt habe, steht angesichts des exegetischen Pro und Kontras in dieser Frage auf ziemlich tönernen Füßen.

6. Homosexuelle Partnerschaften können der Ehe nicht gleichgestellt werden und dürfen von Kirchen nicht gesegnet werden

Dies ist die Konsequenz des gesamtbiblischen Befundes, der hier als Begründungszusammenhang aber nicht umfassend dargestellt werden kann. Natürlich ist uns seitens der EAD bewusst, dass diese Überzeugung einerseits konträr gegenüber weiten Teilen evangelischer Theologie und kirchlicher Praxis hierzulande ist, andererseits im globalen Kontext viel Zustimmung findet. Wie gehen wir damit um?

7. Wir wünschen den Dialog mit allen, die in dieser Frage andere Überzeugungen vertreten

Alle theologische Meinungsbildung geschieht im Spannungsfeld von „Jeder sei seiner Meinung gewiss“ und „Unser aller Erkenntnis ist Stückwerk“. Wir brauchen die konstruktive, kontroverse Diskussion, die von „Wertschätzung, Sachlichkeit und Differenzierung“ geprägt sein soll und plädieren für einen weitergehenden zwischenkirchlichen Dialog.

8. Das Evangelium von Jesus Christus fordert die vorbehaltlose Annahme aller Menschen

Christen, gerade auch aus dem evangelikalen Spektrum, haben Schuld auf sich geladen, weil sie Homosexuelle missachtet haben und ihnen nicht in der Liebe Jesu begegnet sind. Gleichzeitig erleben Menschen, die homosexuelle Praxis als Sünde bezeichnen, dass die gesellschaftliche Pluralität offensichtlich nicht für ihre Überzeugung gilt und ihnen nicht tolerant begegnet wird.

Wie kann es gelingen, dass Menschen Liebe und Wertschätzung als von Gott geliebte Menschen erleben? Die britische Evangelische Allianz hat in dem von Andrew Goddard und Don Horrocks herausgegebenen Buch „Homosexualität: Biblische Leitlinien, ethische Überzeugungen, seelsorgerliche Perspektiven“ (Brunnen-Verlag) zahlreiche wertvolle Praxisbeispiele gegeben.

Wir glauben, dass wir alle die Nähe zu Jesus in seiner Nachfolge suchen sollten, von dem es heißt:

• Wer zu ihm kommt, den wird er nicht hinausstoßen. (Johannes 6,37)
• Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. (Römer 5,8) ER hat uns zuerst geliebt und hat seinen Sohn gesandt zur Versöhnung für unsere Sünden. (1. Johannes 4,10)
• … dass er ein Freund der Zöllner und Sünder war. (Matthäus 11,19)
• Ich verdamme dich nicht. Geh hin und sündige hinfort nicht mehr. (Jesus zur Ehebrecherin in Johannes 8,11)

Denn für uns alle gilt: „Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.“ (Epheser 2,8)

Der Autor, Ekkehart Vetter (Mülheim an der Ruhr), ist Vorsitzender der Evangelischen Allianz in Deutschland sowie Präses des Mülheimer Verbandes Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden.

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