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Kirchentag
22. Juni 2019

Wulff bekräftigt: „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“

Der frühere Bundespräsident Christian Wulff (CDU) auf dem Evangelischen Kirchentag in Dortmund. Foto: idea/Städter
Der frühere Bundespräsident Christian Wulff (CDU) auf dem Evangelischen Kirchentag in Dortmund. Foto: idea/Städter

Dortmund (idea) – Den Satz, dass der Islam inzwischen auch zu Deutschland gehört, würde der frühere Bundespräsident Christian Wulff (CDU) heute noch vehementer sagen, „weil ich ihn für richtig halte“. Das erklärte der Katholik am 22. Juni auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dortmund. Er äußerte sich im Rahmen einer Podiumsdiskussion unter dem Thema „Nicht nur der Islam gehört zu Deutschland – Wie viel Religion verträgt unsere Gesellschaft?“. 2010 hatte Wulff am 3. Oktober in einer Rede zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit als damaliger Bundespräsident gesagt: „Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ Damit löste er langanhaltende Debatten aus. Wie Wulff auf dem Kirchentag ausführte, stimmten dem Satz damals 60 Prozent der Deutschen zu, heute seien es nur noch 40 Prozent. Deutschland vertrage eine ganze Menge Religion, wenn sich alle an die gemeinsamen Regeln hielten, die vor allem im Grundgesetz formuliert seien. Das schließe die Scharia aus, betonte Wulff.

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Wulff: Warum die Diskussion schwieriger geworden ist

Die Debatte um den Islam sei mittlerweile schwieriger geworden. Er verwies unter anderem auf die Einweihung der DITIB-Zentralmoschee im September 2018 in Köln. Viele Verantwortliche vor Ort hätten sich für den Bau eingesetzt. Es habe aber sehr viele Menschen in Deutschland enttäuscht, dass sie durch den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan eingeweiht worden sei, obwohl es eine Moschee in Deutschland ist: „Da ist ganz viel kaputt gemacht worden.“ Den Muslimen in Deutschland müsse geholfen werden, die Abhängigkeit von den Geldgebern zu überwinden. Er wünsche sich, dass Imame in Deutschland ausgebildet und Gebete in deutscher Sprache gesprochen werden.

Begehen „fundamentalistische Christen“ Anschläge?

Die Auslandsbischöfin der EKD, Petra Bosse-Huber (Hannover), nannte es „billige Propaganda, Terroranschläge fundamentalistischer Sorte dem Islam pauschal zuzuschreiben. Man könnte das Gleiche auch mit fundamentalistischen Christen machen.“ Auf die Aussage antwortete der Moderator der Veranstaltung, der muslimische Journalist Abdul-Ahmad Rashid (Mainz), er habe an eine Szene aus dem Kinofilm „Willkommen bei den Hartmanns“ denken müssen, in der der Hauptdarsteller Heiner Lauterbach zu Senta Berger sage, er habe noch keinen Christen erlebt, der sich in die Luft sprenge und dabei rufe: „Jesus ist groß.“ Darauf antwortete Bosse-Huber, dass es diese Form von Terror nicht gebe. Aber Menschen, „die Terroranschläge begehen – auf muslimische Einrichtungen, Moscheen oder auf Synagogen – und sich dabei auf ein vermeintlich christliches Menschenbild beziehen, die gehören genau in exakt die gleiche Kategorie“. Die muslimische Journalistin und Bloggerin Merve Kayikci (Aarhus/Dänemark) ergänzte, dass der Attentäter im neuseeländischen Christchurch in seinem Manifest sehr klar festgehalten habe, dass er mit seiner Tat das christliche Abendland in Europa vor dem Islam schützen wollte. Viele Menschen, die rassistisch oder gegen Muslime und Flüchtlinge seien, glaubten, dass sie durch ihre Ablehnung das christliche Gut des Abendlandes bewahren könnten, auch wenn sie selbst keine Christen seien.

„Wir sind stolz darauf, dass Menschen das Kopftuch tragen“

Ferner sagte Kayikci, sie habe es nicht nur dem Kirchentag zu verdanken, dass sie mit Kopftuch auf dem Podium sitzen könne, sondern auch dem Internet. Dadurch habe sie ein Sprachrohr bekommen. Es sei keine Selbstverständlichkeit in Deutschland, mit Kopftuch eingestellt zu werden. Sie ermutigte, bei Bewerberinnen mit Kopftuch darüber nachzudenken, ob das für eine Einstellung wirklich ein Hindernis sei, oder ob es nicht eine Bereicherung für das Unternehmen sein könne. Daran anschließend sagte die EKD-Auslandsbischöfin Bosse-Huber: „Ich fände eine Haltung klasse, wo wir sagen würden: Wir sind stolz darauf, dass Menschen das Kopftuch tragen. So wie ich stolz darauf bin, das Kreuz zu tragen.“

Mazyek: Der Feind der Demokratie steht heute rechts

Der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime, Aiman Mazyek (Köln), sagte, dass der Feind der Demokratie heute rechts stehe: „Das müssen wir klar und deutlich bekennen.“ 2015 und 2016 habe es eine wunderbare Atmosphäre gegenüber Geflüchteten gegeben. Man sei ihnen mit einem Lächeln begegnet. Es seien aber die Gegenkräfte unterschätzt worden, die versuchten, einen Spalt in die Gesellschaft hineinzutragen. Die Rechtspopulisten seien in der Minderheit und setzten auf die Trägheit der Massen. Er sei froh, dass die Kirchen klare Kante zeigten: „Dieses Land ist ein Land des Respektes, der Vielfalt und der Demokratie.“ Die Einweihung der DITIB-Moschee in Köln sei ausschließlich auf die Türkei und die dortigen Wahlen ausgerichtet gewesen. Es sei ein „Bärendienst“ für Muslime in Deutschland gewesen: „Mein Bundespräsident heißt Frank-Walter Steinmeier, meine Bundeskanzlerin ist Angela Merkel.“ Wie die Veranstalter des Kirchentags am 22. Juni in einer Abschlusspressekonferenz mitteilten, kamen rund 121.000 Teilnehmer. Davon seien gut 80.000 Dauerteilnehmer und 40.000 Tagesteilnehmer. Der Kirchentag endet am 23. Juni mit einem großen Abschlussgottesdienst.

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