Mittwoch • 21. August
Ethik
08. August 2019

Wenn manche Medikamente Millionen Euro kosten

Der Geschäftsführende Direktor des Instituts für Medizinmanagement an der Universität Bayreuth, Prof. Eckhard Nagel. Foto: Andre Zelck
Der Geschäftsführende Direktor des Instituts für Medizinmanagement an der Universität Bayreuth, Prof. Eckhard Nagel. Foto: Andre Zelck

Wetzlar (idea) – Häufig verlangen Pharmaunternehmen insbesondere für neue Medikamente horrende Preise. Ist das ethisch vertretbar, und sollte die Gemeinschaft der Krankenversicherung für solche Zahlungen aufkommen? Dazu äußert sich der Geschäftsführende Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der Universität Bayreuth, Prof. Eckhard Nagel, in einem Beitrag für die Evangelische Nachrichtenagentur idea (Wetzlar). Der evangelische Christ war von 2008 bis 2016 Mitglied des Deutschen Ethikrates. Wie er schreibt, ist in Deutschland ein Medikament, „das einen echten medizinischen Fortschritt darstellt und die Lebensqualität und/oder Lebenszeit eines kranken Menschen deutlich verlängern kann, unabhängig von seinen Kosten zu beurteilen“. Das spiegele sich auch in der Gesetzgebung wider. Sie mache die Entscheidung, ob eine neuartige medizinische Intervention erstattet wird hauptsächlich vom Nutzen für den Patienten abhängig. Nagel: „Ist ein Patient von einer Erkrankung betroffen, die mit einem hochpreisigen Medikament behandelt werden kann, so ist es die ärztliche Pflicht, die entsprechenden therapeutischen Maßnahmen einzuleiten.“ Christliche Nächstenliebe bemesse sich nicht nach dem Aufwand. Deshalb könne auch ein Medikament mit einem Preis von über zwei Millionen Euro gerechtfertigt sein, „wenn es dem Patienten zugutekommt und sich eine signifikante Verbesserung seiner Lebensqualität oder gewonnene Lebenszeit einstellt“.

ANZEIGE

„Unbegrenzte Renditen sind nicht zu rechtfertigen“

Das bedeute jedoch nicht, „dass den Pharmazieunternehmen dadurch ein Freifahrtschein ausgestellt werden darf“. Es existiere auch für diese Unternehmen eine Sozialpflichtigkeit im Hinblick auf die Versichertengemeinschaft. „Unbegrenzte Renditen sind im Gesundheitswesen nicht zu rechtfertigen“, so Nagel. Nach seinen Worten muss der betriebene Aufwand der Unternehmen hinsichtlich ihrer Forschungs- und Entwicklungskosten transparent sein. Er verweist darauf, dass die Hersteller im ersten Jahr nach der Zulassung eines neuen Medikamentes selbst den Preis dafür festlegen. „Problematisch daran ist, dass für eine Vielzahl von Medikamenten Mondpreise von den Pharmaunternehmen verlangt werden und die Preisbildung vollkommen intransparent ist.“ Oft werde behauptet, dass die Unternehmen nicht mehr selbst forschen würden, wenn sie keine hohen Preise für ihre innovativen Medikamente erhielten. Allerdings betrieben die meisten Pharmazieunternehmen selbst gar keine größere eigenständige Grundlagenforschung, sondern seien zu diesem Zweck eng mit Institutionen der Universitäten vernetzt. Nagel zufolge ist und bleibt Solidarität ein Grundprinzip der deutschen Gesellschaft. So sollten auch generell bei der Preisfindung und Entscheidungen über den Umfang solidarisch finanzierter medizinischer Leistungen sowohl ärztliche, ökonomische, ethische, sozialwissenschaftliche und juristische Expertisen vereint werden.

Diskutieren

Die Kommentarfunktion für diesen Beitrag ist geschlossen. Nach dem Erscheinen eines Artikels kann dieser 48 Stunden kommentiert werden.

7 Kommentare
Kommentare sind ausgeblendet.
Zum Einblenden der Kommentare hier klicken.
Diese Woche lesen Sie
  • Leid „Der Tumor ist immer noch da“
  • Asien Hongkong: Neuer Samen für die Kirche
  • Biografie Von Schuld, Scheitern und Wiederaufstehen
  • Pro und Kontra Über die Kirchensteuer selbst entscheiden?
  • Verkündigung Wie Bibelübersetzer die Welt verändern
  • mehr ...
ANZEIGE