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Gerhard Besier
04. Oktober 2019

Konservative Bürgerrechtler wünschen sich einen neuen Aufbruch

Der habilitierte evangelische Theologe, promovierte Historiker und Diplom-Psychologe Gerhard Besier. Foto: Privat
Der habilitierte evangelische Theologe, promovierte Historiker und Diplom-Psychologe Gerhard Besier. Foto: Privat

Wetzlar (idea) – Aus der Perspektive konservativer Bürgerrechtler der DDR ist es durchaus nachvollziehbar, dass sie die „Wende“ für unvollendet halten und sich einen neuen Aufbruch wünschen. Diese Ansicht vertritt der habilitierte evangelische Theologe, promovierte Historiker und Diplom-Psychologe Gerhard Besier (Dresden) in einem Beitrag für die Evangelische Nachrichtenagentur idea (Wetzlar).

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Anlass ist das 30-jährige Jubiläum der Friedlichen Revolution. Zahlreiche Bürgerrechtler hätten im demokratischen Verfassungsstaat empfindliche lebensgeschichtliche Rückschläge zu verkraften gehabt. Dagegen hätten die „Normalos“ – etwa Angela Merkel – in der Bundesrepublik eine steile politische und wirtschaftliche Karriere hinlegen können.

Bürgerrechtlern fehlte es an Wendigkeit und Opportunismus

Ein Bespiel sei der evangelische Theologe und Kirchenjurist Steffen Heitmann. Als 1993 der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (1930–2017) und seine CDU ihn als ihren Bundespräsidentschaftskandidaten aufstellten, sei ein Aufschrei der Entrüstung durch die linksliberalen Milieus und deren Medien gegangen. Der Streit um den Nationalkonservativen habe Züge eines Kulturkampfes angenommen. Schließlich sei die CDU von ihrem Plan abgerückt.

Den Bürgerrechtlern habe es im Gegensatz zu ehemaligen SED-Funktionären und auch den stets vorsichtigen „Normalos“ an jener Wendigkeit und jenem Opportunismus gefehlt, die „in pluralistischen Gesellschaften wohl nötig sind, um nicht abgehängt zu werden“.

Viele Bürgerrechtler konnten den Kurs der Merkel-CDU nicht mitgehen

Viele ehemalige Bürgerrechtler hätten den neuen Links-Mitte-Kurs der Merkel-CDU nicht mitgehen können und hätten die vormals konservative Partei verlassen oder sich „unversehens an deren rechtem Rand“ gefunden, etwa der Mathematiker und Bürgerrechtler Arnold Vaatz.

Der Bundestagsabgeordnete gehöre zu den entschiedensten innerparteilichen Gegnern der Merkel-CDU. Er habe etwa den „erbarmungslosen Konformitätsdruck“ und Formen der „Gleichschaltung“ beklagt, die ihn an europäische Diktaturen erinnerten.

Ein weiteres Beispiel sei die frühere Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld, die erst für Bündnis 90/Die Grünen und anschließend für die CDU bis 2005 im Bundestag gesessen habe. Sie habe etwa in der von ihr initiierten „Gemeinsamen Erklärung 2018“ zur Wiederherstellung der „rechtsstaatlichen Ordnung an den Grenzen unseres Landes“ aufgerufen. Sie sei immer weiter von der Merkel-CDU abgerückt und sympathisiere heute mit der rechtskonservativen Bewegung.

Evangelische Kirche war für die Bürgerrechtsbewegung nicht so wichtig

Ferner vertritt Besier die Auffassung, dass die evangelische Kirche für die DDR-Bürgerrechtsbewegung nicht so wichtig gewesen sei wie die katholische für Solidarnosc.

Es habe in der DDR viele tapfere Pfarrer in der vordersten Reihe gegeben, als es um die Planung und Durchführung von Bürgerprotesten gegangen sei: „Aber diese beherzten Pfarrer waren nicht ,die‘ evangelische Kirche.“

Vielmehr hätten sich die couragierten Theologen oftmals der gemeinsamen Disziplinierungsmaßnahmen von Staat und Kirchenleitung erwehren müssen: „Diesen Pfarrern und ihren Mitstreitern aus anderen Berufen gebührt der besondere Dank aller Deutschen am Zustandekommen der Friedlichen Revolution – nicht den schließlich mobilisierten Massen. Es sind eben meist aufbegehrende Minderheiten, die revolutionäre Prozesse anstoßen.“

Den ausführlichen Kommentar von Gerhard Besier können Sie hier lesen.

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