Dienstag • 15. Oktober
Kritik: „Politisch motiviert“
23. September 2016

Dortmund: Stadt lädt Islamkritiker Hamed Abdel-Samad aus

Der deutsch-ägyptische Politologe und Buchautor Hamed Abdel-Samad. Foto: picture-alliance/dpa
Der deutsch-ägyptische Politologe und Buchautor Hamed Abdel-Samad. Foto: picture-alliance/dpa

Dortmund (idea) – Die Stadt Dortmund hat aus Angst vor Krawallen eine geplante Veranstaltung mit dem Islamkritiker Hamed Abdel-Samad (Berlin) abgesagt. Das bestätigte Stadtsprecherin Katrin Pinetzki gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Der deutsch-ägyptische Politologe und Buchautor („Mohamed – Eine Abrechnung“) sollte am 23. September in einer Diskussionsveranstaltung im Kulturzentrum Dietrich-Keuning-Haus auftreten. Auf Facebook kritisierte Abdel-Samad die Absage scharf als wahrscheinlich politisch motiviert. Die von der Stadt vorgebrachten Sicherheitsbedenken seien fragwürdig. So sei etwa auch der Islamkritiker Ahmad Mansour (Berlin) in der Vergangenheit in dem Kulturzentrum aufgetreten: „Auch er wird von Islamisten bedroht und steht unter Polizeischutz. Warum war das Haus sicher für ihn, aber nicht für mich?“. Die Absage richte sich nicht gegen Abdel-Samad und seine islamkritischen Positionen, betonte dagegen Pinetzki. Der Grund sei die Sorge um die Sicherheit anderer Besucher des Kulturzentrums gewesen. Es sei „ein Haus der offenen Kinder- und Jugendarbeit“, in dem ständig verschiedene Veranstaltungen stattfänden. Anders als bei Mansour habe man bei Abdel-Samad nicht nur Aktionen von Islamisten, sondern auch von Links- oder Rechtsradikalen fürchten müssen, da der Autor in der Vergangenheit bei Kundgebungen der AfD aufgetreten sei. Die Stadt werde Abdel-Samad anbieten, die Veranstaltung an einem anderen Termin und an einem anderen Ort nachzuholen.

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Wie viel Aufwand macht die Freiheit?

Zur Ausladung des Islamkritikers Hamed Abdel-Samad in Dortmund ein Kommentar von idea-Redakteur David Wengenroth:

Hamed Abdel-Samad polarisiert. Das darf er. Radikale Muslime wollen ihn ermorden. Das dürfen sie nicht. So einfach ist das. Und deshalb ist die Absage der Dortmunder Diskussion, an der er teilnehmen sollte, ein verheerendes Signal. Da klingt der lahme Hinweis der Stadt auf die angeblich drohenden Krawalle von Links- und/oder Rechtsradikalen wenig überzeugend. Hängen bleibt, dass ein Islamkritiker ausgeladen wurde, weil islamistische Fanatiker mit Gewalt drohen. Dabei tut Hamed Abdel-Samad nicht mehr und nicht weniger, als legitime Fragen zu stellen. Er fordert eine kritische Auseinandersetzung mit den historischen Grundlagen des Islams, wie sie im Christentum seit Jahrzehnten stattfindet – ohne dass noch irgendein Kirchenkritiker um sein Leben fürchten müsste. Mag sein, dass es im Fall des prominenten Islamkritikers für Polizei und Veranstalter großen Aufwand bedeutet hätte, das Sicherheitsrisiko auf ein vertretbares Maß zu reduzieren. Offenbar fragte man sich bei der Stadt Dortmund: Ist es das wert? Aber: Soll in Zukunft wirklich in jedem Einzelfall die entscheidende Frage sein, wie viel Aufwand die Freiheit machen darf? Das hätte zur Folge, dass die Staatsgewalt vor besonders gewaltbereiten Gegnern besonders schnell einknickt. Das darf sie nicht. So einfach ist das.

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