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Diakonie-Präsident
20. September 2018

Dass manche AfD wählen, wundert mich nicht

Der Präsident der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie. Foto: Diakonie Deutschland/Thomas Meyer
Der Präsident der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie. Foto: Diakonie Deutschland/Thomas Meyer

Wetzlar (idea) – Viele Menschen in Deutschland werden mit ihren Sorgen und Problemen alleingelassen. Dass sie politische Signale setzen, indem sie etwa AfD wählen, ist ein „Hilferuf“ und nicht verwunderlich. Diese Ansicht vertritt der Präsident der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie (Berlin), in einem Interview mit der Evangelischen Nachrichtenagentur idea (Wetzlar). Ihm zufolge sollte man den Leuten nicht erklären, wie sie die Welt zu sehen haben, sondern ihnen helfen, ihre Probleme zu lösen. Dazu gehörten in manchen Stadtteilen die Zunahme von Kriminalität und Gewaltbereitschaft. Ein weiteres Topthema sei mangelnder Wohnraum. Es gebe zu wenig bezahlbare Wohnungen. Das habe zu einem Verdrängungswettbewerb geführt. Man dürfe Bevölkerungsgruppen, etwa Rentner und Flüchtlinge, nicht gegeneinander ausspielen: „Wir als Diakonie sind für alle da – auch für Flüchtlinge.“ Heute seien ein Viertel der Bürger in Deutschland „Menschen mit Migrationsgeschichten“. Viele Deutsche seien jedoch nicht darauf eingestellt, dass das Land bunter werde: „Das müssen wir mit den Menschen einüben.“ Man müsse eine Vision bieten, wie man in einer vielfältiger werdenden Gesellschaft erfolgreich zusammenleben könne.

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Kritik an Kommunikation von Bundeskanzlerin Merkel

Kritik übte Lilie an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Es sei unverständlich, warum sie ihre Flüchtlingspolitik nicht besser erklärt habe. Nötig wäre es, sowohl die vorhandenen Schwierigkeiten als auch die Chancen zu benennen. Wenn 1,6 Millionen Menschen aus einem anderen Kulturraum kommen, seien sie nicht sofort in der neuen Gesellschaft zu Hause. Darauf müsse man die Gesellschaft vorbereiten, etwa durch viele „runde Tische“ in der Kommunalpolitik. Zugleich hätten die Flüchtlinge ein großes Potenzial. Es seien wunderbare Menschen, die man brauche, um den Herausforderungen der alternden Gesellschaft zu begegnen. Bereits 300.000 Geflüchtete gingen einer Arbeit nach und zahlten in die Sozialsysteme ein. Die Entscheidung der Bundeskanzlerin sei politisch rational gewesen. Sie war weder nur ein Akt der Barmherzigkeit noch ein Akt der Nützlichkeit, sondern ein Zeichen der Menschlichkeit und des Friedens zwischen den Religionen. Europa erhalte damit die Menschenrechtsidee aufrecht und komme seiner Verantwortung nach.

Diakonie ist kein „Flüchtlingsgewinnler“

Lilie wies den Vorwurf zurück, die Diakonie sei „Flüchtlingsgewinnler“ und betreibe „Asylindustrie“. Dies seien „ausgesprochene Böswilligkeiten“, auf die er sehr verärgert reagiere. Ohne das Engagement der Diakonie und anderer Partner in der freien Wohlfahrt wäre der Staat mit der humanitären Herausforderung der Flüchtlingsaufnahme überfordert gewesen. Die Integration der Geflüchteten sei „ein Marathonlauf, den man nicht an einem Tag gewinnt“. Lilie: „Wir bleiben dieser Aufgabe treu – auch wenn sich der Wind im Lande dreht.“ Die Diakonie Deutschland beschäftigt 525.000 hauptamtliche Mitarbeiter und ist nach der Caritas der zweitgrößte Arbeitgeber in Deutschland. Der Diakonie angeschlossen sind in Deutschland 31.500 Einrichtungen und Dienste mit 1,15 Millionen Betten bzw. Plätzen. Rund zehn Millionen Menschen nehmen die Arbeit der Diakonie in Anspruch. Experten schätzen den Jahresumsatz auf mehr als 20 Milliarden Euro. Etwa 90 Prozent davon werden durch Leistungsentgelte der Krankenkassen sowie staatliche Zuschüsse finanziert.

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