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Wissenschaft und Technologie
09. April 2019

Chancen und Gefahren des „Transhumanismus“

Eingriffe in die menschliche Natur müssten aus christlichen Sicht nicht an sich negativ bewertet werden, schreibt Kohler. Symbolbild: pixabay.com
Eingriffe in die menschliche Natur müssten aus christlichen Sicht nicht an sich negativ bewertet werden, schreibt Kohler. Symbolbild: pixabay.com

Stuttgart (idea) – Der Transhumanismus, also die Weiterentwicklung des Menschen durch Wissenschaft und Technologie, birgt Chancen, muss aus christlicher Sicht aber auch kritisch betrachtet werden. Diese Ansicht vertritt der Referent an der Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Philipp Kohler (Stuttgart), in einem Blogbeitrag auf der Internetseite der Landeskirche. Die Grundidee des Transhumanismus ist laut Kohler, die menschliche Natur weiterzuentwickeln, so dass schließlich „eine neue Spezies“ entsteht. „Ihr Ziel ist ein neuer, besserer Mensch, der mit unglaublicher Intelligenz, emotionaler Reife, Kreativität und absolut gerechter moralischer Urteilsfähigkeit ausgestattet ist.“ Ferner gehe es darum, „Krankheit, Altern und vielleicht sogar den Tod“ zu überwinden. Die Mittel dafür seien teilweise noch Utopie, etwa die molekulare Nanotechnologie, die im Körper kaputte Zellen reparieren kann. Andere Technologien entstehen laut Kohler gerade, etwa neuronale Implantate, die als biomedizinische Prothese Funktionen von ausgefallen Hirnregionen übernehmen. Eine Kategorie von Technologien werde bereits eingesetzt, etwa Cochlea-Implantate, die schwer Hörgeschädigten das Hören ermöglichen.

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Entwicklung zum vollkommenen Wesen

Eingriffe in die menschliche Natur müssten aus christlichen Sicht nicht an sich negativ bewertet werden, schreibt Kohler. Das zeigten die Beispiele eines Herzschrittmachers oder eines Tattoos. Grundsätzlich könne man auch Schnittmengen zwischen dem Transhumanismus und dem Christentum sehen, wenn es um den „Wandel des Menschen vom ‚alten Selbst’ zum ‚neuen Selbst’“ gehe. „Der Gedanke einer Transformation der menschlichen Natur z. B. scheint auch einer der Leitgedanken christlicher Theologie zu sein.“ Unvereinbar sei dagegen die Verbindung des Transhumanismus „mit einer bereits vorherrschenden Weltanschauung, Ideologie oder Religion“. Viele Befürworter des Konzepts haben laut Kohler ein „naturalistisches bzw. evolutionär humanistisches Menschen- und Weltbild und verstehen sich als religiös indifferent bzw. atheistisch“. Sie gingen davon aus, dass der Mensch sich zu einem „besseren, vollkommenen Wesen“ entwickeln könne. Zudem werde „die Veränderung der menschlichen Natur moralisch als geboten und gerechtfertigt verstanden“.

Gott bleibt Herr über das Leben

Aus christlicher Sicht muss nach Ansicht Kohlers betont werden, „dass das Leben von Gott gegeben und auch wieder von ihm genommen wird“. Zwangsläufig stoße der Mensch an Grenzen, etwa bei der Frage der Sterblichkeit, die letztlich nicht überwunden werden könne. Selbst wenn Menschen endlos leben könnten, sei doch das Universum endlich. Andererseits könne „eine Verlängerung der Gesundheitsspanne oder einer Verbesserung der mentalen und körperlichen Funktionalität (...) durchaus als Teil eines (von Gott gewollten) Schöpfungsprozesses interpretiert werden“. Wichtig sei es, ethische Fragen zu bedenken, etwa nach den möglichen negativen Folgen einer „Herrschaft der Maschinen“ oder gesundheitlich zerstörerischen Folgen genetischer Veränderungen. Kohler sprach sich dafür aus, die Veränderungen nicht nur passiv zu beobachten, sondern sie aktiv zu gestalten: „Auch, wenn wir als Kirche oder als Einzelperson die Welt nicht steuern können, so können und sollen wir sie doch beeinflussen.“

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