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Zweiter Weltkrieg
12. Februar 2020

„Die Arbeit der Kriegspfarrer galt als kriegsnotwendig“

Die Historikerin und Buchautorin Dagmar Pöpping. Foto: Privat
Die Historikerin und Buchautorin Dagmar Pöpping. Foto: Privat

Wetzlar (idea) – Die Arbeit von Kriegspfarrern galt während des Zweiten Weltkriegs als kriegsnotwendig. Ihre Aufgabe war es, mittels Predigt und Seelsorge die Schlagkraft des Heeres zu steigern. Das sagt die Historikerin Dagmar Pöpping (München) in einem Interview mit der Evangelischen Nachrichtenagentur idea (Wetzlar). Am 8. Mai jährt sich das Kriegsende zum 75. Mal.

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Pöpping zufolge mussten die im Zweiten Weltkrieg eingesetzten mehr als 1.000 Kriegspfarrer national denken und eine positive Einstellung zum Nationalsozialismus haben. In der psychologischen Kriegsführung seien sie Partner der Truppenkommandeure gewesen.

In Predigt und Seelsorge hätten sie die Soldaten darauf eingestellt, dass sie für Volk und Vaterland sterben könnten. Sie hätten verkündigt, dass ihr Tod im Krieg nicht das Ende sei, sondern dass ewiges Leben auf sie warte.

Die Kriegspfarrer hätten die Soldaten auf einen harten Kampf gegen den atheistischen Bolschewismus eingeschworen. Die Soldaten der Roten Armee seien als „Bestien“ dehumanisiert worden, weil sie nicht an Gott glaubten. Damit habe man den brutalen Angriffskrieg gegen die Sowjetunion gerechtfertigt und das Gefühl vermittelt, für eine gute christliche Sache zu kämpfen.

Die Todesnähe im Krieg hätten viele Kriegspfarrer mit der Nähe zu Gott verbunden. So sei der Krieg verherrlicht und mit theologischen Analogien verbrämt worden. Die Pfarrer seien verpflichtet gewesen, eine positive Haltung zum Krieg zu bewahren, und hätten versucht, den schrecklichen Ereignissen einen Sinn zu verleihen.

Kriegspfarrer bekamen Konkurrenz durch NS-Offiziere

Pöpping zufolge veränderte sich die Bedeutung der Kriegspfarrer im Lauf des Zweiten Weltkrieges. Adolf Hitler und Joseph Goebbels hätten die Militärseelsorge zunächst als für ihre Zwecke nützlich, ab dem Kriegswinter 1941 jedoch für entbehrlich gehalten, da die atheistische Rote Armee auch ohne Seelsorger „tapfer und zäh“ kämpfe. Zudem hätten kirchenfeindliche Kräfte in der NSDAP zunehmend Oberwasser bekommen.

Ab 1944 seien mehr als 1.000 nationalsozialistische Führungsoffiziere in der Wehrmacht installiert worden. Diese hätten als „Prediger des Glaubens an Führer und Endsieg“ die Kampfkraft stärken sollen und zu „nationalsozialistischen Morgenfeiern“ eingeladen. Kriegspfarrer hätten dadurch zunehmend Konkurrenz bekommen.

Kriegspfarrer sahen sich als Opfer des Nationalsozialismus

Nach Worten Pöppings sah sich die Wehrmachtseelsorge nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als Opfer des Nationalsozialismus. Durch diesen sei man immer weiter beschnitten worden, bis es keine Neueinstellungen mehr gegeben habe. Zudem seien die Kriegspfarrer für den verbrecherischen Krieg mitverantwortlich gemacht worden, weil sie die Soldaten zum Kampf angespornt hätten.

Pöpping: „Ehemalige Kriegspfarrer fühlten sich also sowohl von den Nazis als auch von der Nachkriegsgesellschaft schlecht behandelt.“ Obwohl die Kirchen universelle Werte verträten, seien sie vom Geist ihrer Zeit geprägt worden. Kriegsschuld und Verbrechen habe man weitgehend ausgeblendet. Erst in den 1960er Jahren habe sich das gesellschaftliche Klima und damit auch die Haltung der Kirchen verändert.

Pöpping arbeitet für die Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte an der Universität München. Die Historikerin veröffentlichte das Buch „Passion und Vernichtung. Kriegspfarrer an der Ostfront. 1941–1945“ (Vandenhoeck & Ruprecht).

Lesen Sie auch das ausführliche Interview mit der Historikerin Dagmar Pöpping.

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