Donnerstag • 12. Dezember
EKD-Synode
12. November 2019

Sexualisierte Gewalt: EKD richtet Beirat für Betroffene ein

Die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs. Foto: Marcelo Hernandez
Die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs. Foto: Marcelo Hernandez

Dresden (idea) – Die EKD richtet einen Betroffenenbeirat für die Opfer von sexuellem Missbrauch im Bereich der evangelischen Kirche ein. Das gab die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs am 12. November vor der EKD-Synode in Dresden bekannt.

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Das Gremium soll im Frühjahr 2020 die Arbeit aufnehmen, erklärte Fehrs im Bericht des EKD-Beauftragtenrates zum Schutz vor sexualisierter Gewalt. Betroffene könnten sich ab sofort bewerben. Der Beirat solle ihre Perspektive „als kritisches Gegenüber zur EKD in die verschiedenen Arbeitsprozesse einbringen und eigene Positionen formulieren“.

770 Fälle sind bisher bekannt

Zurzeit sind 770 Fälle von sexuellem Missbrauch innerhalb der evangelischen Kirche bekannt, erklärte der Leiter des bayerischen Landeskirchenamtes, Nikolaus Blum (München). Rund 60 Prozent beträfen den Bereich der Diakonie. Dabei handele es sich vor allem um Heime. Die übrigen Fälle hätten sich im Raum der verfassten Kirche ereignet, etwa bei Teilnehmern an Freizeiten.

Die Kirche dürfe sich beim Umgang mit den Betroffenen nicht auf juristische Verfahren beschränken, sagte der Jurist. Für die Opfer von sexualisierter Gewalt sei eine individuelle Aufarbeitung ihrer persönlichen Erlebnisse und der Folgewirkungen wichtig. „Wir haben gelernt, dass es den meisten Betroffenen zunächst darum geht, dass die Kirche ihre Schuld eingesteht und Verantwortung übernimmt.“

Hohe Entschädigungszahlungen helfen nicht

Kritisch äußerte sich Blum zu Überlegungen, den Opfern hohe Summen als Entschädigung zu zahlen. In der katholischen Kirche würden derzeit Zahlungen „in gehobenen sechsstelligen Größenordnungen“ diskutiert. Forderungen in dieser Höhe könnten das erlittene Leid nicht ungeschehen machen, führten aber zwangsläufig zu Auseinandersetzungen über die Beweisbarkeit von Sachverhalten. Die entsprechenden Verfahren würden die Betroffenen über lange Zeit stark belasten und retraumatisieren.

Die EKD und die Landeskirchen böten den Opfern stattdessen individuelle „Anerkennungs- und Unterstützungsleistungen“ in geringerer Höhe an, die ohne strenge Nachweispflichten gewährt werden könnten. In 18 Landeskirchen gebe es bereits Unabhängige Kommissionen, die über solche Leistungen entschieden. In einzelnen Fällen seien Beträge in einer mittleren fünfstelligen Größenordnung gezahlt worden.

Der fünfköpfige EKD-Beauftragtenrat zum Schutz vor sexualisierter Gewalt wurde 2018 auf Beschluss der EKD-Synode in Würzburg eingerichtet. Sprecherin ist Bischöfin Kirsten Fehrs.

Betroffene: Zusage von „Null Toleranz“ ist noch nicht eingelöst

Ein Mitglied des Betroffenenrates des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Kerstin Claus, sagte in einem Bericht vor der Synode, die evangelische Kirche habe noch keinen Weg gefunden, den Opfern von sexualisierter Gewalt gerecht zu werden.

Claus erinnerte an die Aussage des EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm (München) vor der EKD-Synode 2018 in Würzburg, für Täter und Mitwisser müsse es in der evangelischen Kirche „Null Toleranz“ geben. Diese Zusage sei bisher nicht eingelöst worden. Die Betroffenen von sexuellem Missbrauch empfänden die kirchlichen Ermittlungen in Verdachtsfällen „oft als unzureichend“.

Bei Disziplinarverfahren gegen beschuldigte kirchliche Mitarbeiter stünden oft Taten und Täter im Mittelpunkt, während die Opfer „auf den Zeugenstatus reduziert“ würden. Bei der Aufarbeitung der Fälle müsse es aber vor allem um die Opfer und ihre Bedürfnisse gehen.

Täter werden immer noch geschützt

Es gebe auch immer noch Fälle, in denen Täter von der Kirche geschützt würden, sagte Claus weiter. So sei ihr ein Fall bekannt, in dem ein Pfarrer einen schweren Missbrauch zugegeben habe und trotzdem immer noch im Pfarrdienst tätig sei und in seiner Funktion Kontakt zu Kindern habe.

Zu den Anerkennungs- und Unterstützungsleistungen, die bisher in einigen Landeskirchen für die Opfer von sexualisierter Gewalt geleistet werden, sagte Claus, sie reichten nicht aus. Viele Betroffene trügen so schwer an den Folgen der Taten, dass sie teilweise keine Ausbildung machen konnten und keinen Beruf ausüben könnten. Zudem seien die Verfahren für die Vergabe nicht transparent.

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