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Pro & Kontra
18. Juni 2019

Paktiert die evangelische Kirche mit dem links-grünen Zeitgeist?

v. l.: Der Historiker und Schriftsteller Klaus-Rüdiger Mai und der Kulturbeauftragte des Rates der EKD, Johann Hinrich Claussen. Fotos: Olivier Favre; Andreas Schoelzel
v. l.: Der Historiker und Schriftsteller Klaus-Rüdiger Mai und der Kulturbeauftragte des Rates der EKD, Johann Hinrich Claussen. Fotos: Olivier Favre; Andreas Schoelzel

Wetzlar (idea) – Fünf AfD-Landtagsfraktionen werfen der evangelischen Kirche in einem 49-seitigen Papier eine zu große Nähe zum „links-grünen Zeitgeist“ vor. Das gemeinsame Papier aus Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen trägt den Titel „Unheilige Allianz – Der Pakt der evangelischen Kirche mit dem Zeitgeist und den Mächtigen“. Ist diese Kritik berechtigt?, fragt die Evangelische Nachrichtenagentur idea (Wetzlar) in ihrer Serie „Pro und Kontra“?

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Historiker: Kirche wird als parteipolitischer Akteur wahrgenommen

Der Historiker und Schriftsteller Klaus-Rüdiger Mai (Zossen) unterstützt die Feststellung der AfD: „Die Kirche wird im politischen Raum als parteipolitischer Akteur wahrgenommen. Nicht nur von der AfD, sondern auch von den Grünen, die mit der EKD umgehen wie mit einer Vorfeldorganisation.“ Ein Protestantismus in der Tradition von Martin Luther (1483–1546) sollte nach den Worten von Mai wissen, „dass sowohl eine politische Theologie als auch eine theologische Politik von Übel ist, weil sie die jenseitige Perspektive der Kirche ganz im Diesseits auflöst“. Werde die Kirche als parteipolitischer Akteur wahrgenommen, fehle ihr die Autorität, „alle an einen Tisch zu bringen“. Die AfD greife die Flanke an, die von der EKD selbst aufgemacht worden sei. Mai: „Ein Tempolimit ist keine Frage des Glaubens, die ‚Ehe für alle’ ist nur unter erheblichen Verrenkungen mit dem biblischen Menschenbild vereinbar.“ Die EKD verliere den christlichen Glauben, wenn sie der neuen Klimareligion huldige, „die aus christlicher Sicht heidnisch ist, weil sie das Klima zu einer göttlichen Wesenheit erhebt“. Nötig sei eine Reformation der Kirche „hin zur Verkündigung, hin zur Mission, hin zum Glauben“. Mai ist Autor des Buches „Geht der Kirche der Glaube aus?“.

EKD-Kulturbeauftragter: „Zeitgeist“ ist eine Verleumdungsfloskel

Anderer Ansicht ist Prof. Johann Hinrich Claussen (Berlin), der Kulturbeauftragte des Rates der EKD. Der Begriff „Zeitgeist” sei eine Verleumdungsfloskel geworden: „Er existiert heute nur noch als polemische Plattitüde erregter Meinungshändler“ sowie als „ein Zeichen des allgemeinen Bildungsverfalls“. Claussen: „‚Zeitgeist’ – das sind immer nur die anderen, die Verworfenen, von denen man sich als vermeintlich politisch-moralisch-religiös Höherstehender abhebt.“ Man selbst sei wundersamerweise von den Geistern der Zeit gänzlich unberührt. Claussen zufolge dient „dieser rein aggressive Gebrauch“ des Begriffs zwar der eigenen Ego-Stabilisierung, eröffne „aber kein Verständnis der Gegenwart“ eröffne. Er leite zu keiner ehrlichen Selbsteinsicht an und ermögliche keine Verständigung mit anderen. Der Kulturbeauftragte: „Deshalb empfehle ich, sich von diesem semantischen Pappkameraden zu verabschieden.“ Besser sei es, sich an das Paulus-Wort zu halten: „Prüft aber alles, und das Gute behaltet“ (1. Thessalonicher 5,21).

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