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Kritik
21. März 2018

Lutherische Bischöfe besuchen vom Verfassungsschutz erfasste Moschee

Bischöfe der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands besuchten die „Islamische Gemeinde Nürnberg”. Foto: Facebook/Evangelische Kirche in Deutschland
Bischöfe der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands besuchten die „Islamische Gemeinde Nürnberg”. Foto: Facebook/Evangelische Kirche in Deutschland

Nürnberg/München/Berlin (idea) – Auf Kritik stößt ein Besuch von lutherischen Bischöfen in der Islamischen Gemeinde Nürnberg. Der Grund: Sie wird vom bayerischen Verfassungsschutz beobachtet und hat Verbindungen zur Muslimbruderschaft. Das Treffen fand während der Bischofskonferenz der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) vom 17. bis 19. März in Nürnberg statt. Dabei habe man, so heißt es in einer VELKD-Pressemitteilung, „engagiert über Pluralität innerhalb des Islam“ diskutiert. Anschließend habe der Leitende Bischof der VELKD, Landesbischof Gerhard Ulrich (Schwerin), für die Gastfreundschaft gedankt: „Sie haben uns teilhaben lassen an Ihren Glaubenserfahrungen und Ihrer Gemeinschaft.“

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Landesamt für Verfassungsschutz: Es gibt hinreichend Anhaltspunkte für Extremismus

Wie der Pressesprecher des Bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutz (München), Markus Schäfert, auf Anfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur idea mitteilte, taucht die muslimische Gemeinde seit 2005 durchgehend im Verfassungsschutzbericht auf. Es gebe „hinreichende Anhaltspunkte, die den Extremismus innerhalb der Islamischen Gemeinde Nürnberg belegen, insbesondere die Tätigkeit des aktuellen Imams Abdullah al-Jalladi, der aufgrund seines Werdegangs mit hoher Wahrscheinlichkeit das extremistische Gedankengut der ,Islamischen Gemeinschaft in Deutschland‘ (IGD) verbreitet“. Für eine abschließende Bewertung reiche die bisherige Tätigkeit des Imams aber noch nicht aus. Er sei aber bereits Imam in einer anderen IGD-nahen Einrichtung in einem anderen Bundesland gewesen und haben an Veranstaltungen IGD-naher Organisationen teilgenommen.

Gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung gerichtet

Die Nürnberger Gemeinde sei dieser IGD zugeordnet. Die IGD versuche „durch politisches Engagement in Deutschland ihre von der Ideologie der Muslimbruderschaft geprägten Ziele zu erreichen“. Die Anhänger der IGD seien bemüht, Verbindungen zur Muslimbruderschaft öffenlich zu vermeiden: „Die Bestrebungen der ,Islamischen Gemeinschaft in Deutschland’ richten sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland.“ Die Ideologie der Muslimbruderschaft sei auf die Errichtung islamischer Herrschaftsordnungen ausgerichtet. Das angestrebte politische System weise deutliche Züge eines totalitären Herrschaftssystems auf. Ein Großteil der ideologischen Grundsätze der Muslimbruderschaft sei „somit unvereinbar mit den im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankerten Prinzipien der Demokratie, des Rechtsstaats und einer auf der Menschenwürde basierenden politischen Ordnung“.

Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen: Das passt nicht

Der Islam-Experte der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW), Friedmann Eißler (Berlin), sagte idea, der Islamdialog befinde sich in schwierigen Zeiten. Es gebe Argumente, dass es gerade dann notwendig sei, die Brücken der Verständigung auch in „konservative“ islamische Milieus hinein zu stärken. Jedoch passe der Besuch in einem vom Verfassungsschutz beobachteten Umfeld nicht zu den Grundsätzen, die die lutherischen Kirchen im Dialog leiten sollten, und noch weniger zu der vom EKD-Ratsvorsitzenden, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (München), in einem Grußwort am 18. März geforderten „Humanitätsoffensive“ aller Religionsgemeinschaften, so Eißler. Bedford-Strohm hatte an dem Treffen mit der „Islamischen Gemeinde Nürnberg“ ebenfalls teilgenommen.

Der Besuch trägt nicht zur Glaubwürdigkeit der Kirche bei

Eißler betonte, dass die Kirchen den Verband DITIB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion) zu Recht kritisierten. Es sei aber keine Alternative, sich Kreisen zuzuwenden, in denen die Ideologie der islamistischen Muslimbruderschaft eine wichtige Rolle spiele oder zumindest geduldet werde. Eißler geht abschließend auf ein Foto der Gesprächspartner ein, das sowohl die muslimische Gemeinde als auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) auf ihren Facebookseiten hochgeladen haben. Dort sind die leitenden deutschen Bischöfe ohne Bischofskreuze zu sehen. Dazu Eißler: „Wenn man dann noch fragen kann, ob das Ablegen des Bischofskreuzes dem legeren Charakter der Zusammenkunft geschuldet ist oder bewusst erfolgte – einige Geistliche haben auch Kreuze getragen, vor allem ist der gastgebende muslimische Geistliche als Amtsträger zu erkennen –, trägt ein solcher Besuch sicher nicht zur Glaubwürdigkeit der Kirche bei.“

Ulrich weist Kritik zurück: Wir lehnen Gespräche nicht aufgrund einer Beobachtung ab

Ulrich wies gemeinsam mit dem Nürnberger Regionalbischof, Stefan Ark Nitsche, auf Anfrage von idea die Kritik in einer Stellungnahme zurück: „Die Beobachtung durch den Verfassungsschutz alleine ist kein Grund, Gespräche abzulehnen.“ Man habe „die Frage der Pluralismusfähigkeit der Religionen und insbesondere des Islams angesprochen und damit ein deutliches Zeichen für die demokratische, offene Gesellschaft gesetzt“. Es sei die gemeinsame Verantwortung der Religionen, zu einem friedlichen Zusammenleben in einer offenen Gesellschaft beizutragen. Trotz der Verbindung zur IGD und zur Muslimbruderschaft beteilige sich die Gemeinde „engagiert sowohl am interreligiösen Dialog als auch mit zivilgesellschaftlichem Engagement in Nürnberg“. Ohne Gespräche mit verschiedenen Seiten könne dieses Ziel nicht erreicht werden. Der VELKD gehören sieben Landeskirchen mit insgesamt 9,5 Millionen Mitgliedern an.

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