Mittwoch • 14. November
Neue Perikopenordnung
16. Oktober 2018

Künftig mehr Altes Testament und weniger Paulus im Gottesdienst

Der Leiter des Liturgiewissenschaftlichen Instituts der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Prof. Alexander Deeg. Foto: Privat
Der Leiter des Liturgiewissenschaftlichen Instituts der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Prof. Alexander Deeg. Foto: Privat

Wetzlar (idea) – Künftig werden in evangelischen Gottesdiensten mehr Texte aus dem Alten Testament und weniger vom Apostel Paulus gelesen werden. Das hat der Leiter des Liturgiewissenschaftlichen Instituts der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Prof. Alexander Deeg (Leipzig), in einem Interview mit der Evangelischen Nachrichtenagentur idea (Wetzlar) angekündigt. Zum Hintergrund: Ab dem 1. Advent tritt in der EKD eine neue Perikopenordnung in Kraft. Sie regelt, welche Bibeltexte zu Sonn- und Festtagen gelesen und gepredigt werden. Bisher kam ein Sechstel der im Gottesdienst verlesenen Texte aus dem Alten Testament, fünf Sechstel aus dem Neuen. Deeg zufolge wird sich die Zahl alttestamentlicher Texte auf etwa ein Drittel verdoppeln. Ziel der Neuordnung sei es, „die Bibel vielgestaltiger zu Wort zu bringen“. Man habe versucht „bisherige Einseitigkeiten zu korrigieren“. Neu hinzugekommen seien etwa Erzähltexte aus den fünf Büchern Mose. Zudem kämen künftig mehr Weisheitstexte aus den Büchern Hiob, Prediger, Sprüche und Hohelied vor. Ferner seien jetzt auch Psalmen als Predigttexte vorgesehen. Dies sei bisher nicht der Fall gewesen. Dafür sind laut Deeg vor allem Brieftexte aus dem Neuen Testament sowie Passagen aus der Apostelgeschichte und der Offenbarung des Johannes gestrichen worden.

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Pfarrer wollen weniger über Briefe des Neuen testaments predigen

Bei einer Umfrage hätten Pfarrer erklärt, nicht so häufig über die Briefe des Neuen Testaments predigen zu wollen. Dennoch machten diese Briefe immer noch ein Drittel der gesamten Leseordnung aus und damit genauso viel wie das gesamte Alte Testament: „Wir haben ein deutliches quantitatives Ungleichgewicht ein wenig korrigiert.“ Deeg zufolge müssen die ausgesuchten Bibeltexte theologisch gewichtig und für heute relevant sein. Weitere Voraussetzung sei, dass sie sich gut vorlesen und predigen lassen. Unberücksichtigt blieben etwa Texte zu den jüdischen Speisegeboten, den Opfergesetzen und zum Bau der Bundeslade. Innerhalb des Perikopenzyklus von sechs Jahren komme etwa ein Drittel der gesamten Bibel zur Sprache.

Künftig mehr „starke Frauengestalten“

Mehr vertreten sind ab 1. Advent auch „starke Frauengestalten“. Sie seien bisher unterrepräsentiert geblieben. Neu dabei sei etwa die Geschichte von Hagar, der ägyptischen Magd Saras und zugleich Nebenfrau Abrahams und Mutter Ismaels (1. Mose 16ff.). Ebenfalls hinzugekommen sei die Geschichte von der Hure Rahab, die zwei Kundschafter Josuas in ihrem Haus in Jericho versteckt und dafür bei der Zerstörung der Stadt verschont wird (Josua 2). Erstmals komme auch das Buch Rut in der Perikopenordnung vor. Es berichtet vom Schicksal der verwitweten Moabiterin Rut, die mit ihrer ebenfalls verwitweten Schwiegermutter Noomi nach Israel zieht und dort als Tagelöhnerin arbeitet.

Perikopenordnung befreit Pfarrer von einer Last

Nach Worten Deegs ist die Mehrheit der Pfarrer für die Perikopenordnung dankbar. Dadurch seien Pfarrer von der Last befreit, Woche für Woche eine Auswahl treffen zu müssen. Sonst bestehe die Gefahr, dass „ich nur meine Lieblingstexte auswähle und der Gemeinde nur das sage, was ich ihr ohnehin schon immer sagen wollte“. Dagegen fordere die Perikopenordnung dazu heraus, auch über fremde und herausfordernde Texte zu predigen.

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