Montag • 18. März
„Rock my Church“
17. Februar 2019

In der Kirche muss die Musik des Volkes gespielt werden

Der Referent für missionarisches Handeln und geistliche Gemeindeentwicklung im Zentrum Verkündigung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Pfarrer Klaus Douglass. Foto: idea/Rösler
Der Referent für missionarisches Handeln und geistliche Gemeindeentwicklung im Zentrum Verkündigung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Pfarrer Klaus Douglass. Foto: idea/Rösler

Frankfurt am Main (idea) – „Eine Volkskirche, die die Musik des Volkes nicht spielt, ist keine Volkskirche.“ Davon ist der Referent für missionarisches Handeln und geistliche Gemeindeentwicklung im Zentrum Verkündigung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Pfarrer Klaus Douglass (Frankfurt am Main), überzeugt. Wie er bei der Veranstaltung „Rock my Church“ am 16. Februar vor 120 Besuchern in Frankfurt am Main sagte, ist die Kirche mit ihrer von Orgelmusik und Klassik geprägten Musik in dieser Hinsicht „nur Kirche für einen Teil des Volkes“. Douglass, der zu dem Thema bereits 1998 in seinem Buch „Gottes Liebe feiern“ geschrieben und als Gemeindepastor von verschiedenen Musikgruppen begleitete Gottesdienste ins Leben gerufen hat, sagte wörtlich: „Die Kirche kann mit Klassik allein viele Menschen nicht abholen und prägen.“ Er verwies auf aktuelle Statistiken aus der Musikindustrie. Rock- und Popmusik würden von rund 60 Prozent aller Deutschen regelmäßig gehört, gefolgt von neuen Musikstilen wie House-, Techno- und Hiphop-Musik mit 15 bis 20 Prozent. Traditionelle Volksmusik hörten rund 10 bis 15 Prozent aller Deutschen, Jazz 2 Prozent sowie Klassik weniger als fünf Prozent. Orgelmusik werde heute als eigenständige Rubrik nicht einmal mehr aufgeführt. Douglass sagte weiter: „Für heutige Jugendliche ist ein Song aus den 70er oder 80er Jahren keine moderne Musik mehr.“ Rockmusik drücke ein Lebensgefühl aus, das neben Beschwingtheit, Lebensfreude und Freiheitswille immer auch „eine fast verzweifelte Sehnsucht nach Anbetung“ widerspiegele. Douglass führte als Beispiel ein Konzert an, das die Musikgruppe Coldplay 2017 im brasilianischen Sao Paulo gegeben hatte. Die Aufzeichnung im sozialen Netzwerk YouTube zeige, wie Zuhörer lachten und weinten, ihre Hände erhoben, die Dunkelheit mit ihren Handys erleuchteten und mitsangen. Douglass: „Das ist Religion pur.“ Ziel müsse es sein, als Kirche solche jungen Menschen in ihrer religiösen Sehnsucht abzuholen.

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Mehr Gottesdienste mit moderner Musik

Um das zu erreichen, bedürfe es konkreter Veränderungsschritte. So könnten in der Kirche ausscheidende klassisch ausgebildete Kirchenmusiker durch Popkantoren ersetzt werden, bis zumindest ein Gleichstand zwischen klassischen und modernen Kirchenmusikern erreicht sei. Zudem müsse es mehr Gottesdienste geben, die sich an den kulturellen Vorlieben jüngerer Menschen orientierten. Douglass zeigte sich skeptisch, ob mit weniger radikalen Maßnahmen wirklich eine umfassende Veränderung einhergehen könne. Den Einwand, dass eine Umstellung auf Popmusik die Kirche spalten werde, ließ er nicht gelten: „Wir haben doch schon jetzt eine Gemeindespaltung – zwischen denen, die kommen, und denen, die zu Hause bleiben.“ Wer mithilfe von zeitgenössischer Musik Menschen in die Kirche zurückhole, überwinde vielmehr diese Spaltung.

Landeskirchenmusikdirektorin: 120 hauptamtliche Kirchenmusiker

Die Landeskirchenmusikdirektorin der EKHN, Christa Kirschbaum (Frankfurt am Main), sagte der Evangelischen Nachrichtenagentur idea am Rande der Tagung, es gebe in der Kirche 120 hauptamtliche Kirchenmusiker, aber mehr als zehnmal so viele Pfarrer. Wenn in der Kirche wirklich Veränderungen gewünscht seien, müsse die Synode der Kirche entsprechend die Weichen stellen. Doch schon heute gebe es in den Kirchengemeinden von breites musikalisches Spektrum.

Was eine 80-Jährige zu moderner Musik sagt

Der Pfarrer, Kabarettist und Musiker Fabian Vogt (Darmstadt) unterstrich die Notwendigkeit, auch moderne Lieder im Gottesdienst anzustimmen. Gegenüber idea verwies er auf eigene Erfahrungen. Er hatte als Gemeindepfarrer jeden Sonntag ein anderes musikalisches Konzept umgesetzt. Eine 80-jährige Frau habe ihm nach einem Gottesdienst gesagt, dass sie zwar die Musik nicht möge, aber begeistert sei, dass jetzt auch ihre Kinder und Enkelkinder mit in den Gottesdienst kämen. An Pfarrer appellierte er, ihre Gemeindemitglieder zu fragen, welche Art von Musik sie gerne hätten. Gute Erfahrungen habe er mit Musikpredigten gemacht, in denen er die Liedertexte von alten Kirchenliedern wie auch modernen Popsongs im Licht des Wortes Gottes auslege.

Nicht allein über Musik definieren

Der Lobpreismusiker Arne Kopfermann (Friedrichsdorf bei Frankfurt am Main) plädierte für unterschiedliche Musikstile im Gottesdienst, die aber die Elemente der Liturgie mit aufgriffen. Das sei mit modernen Lobpreisliedern ebenso möglich wie mit alten Hymnen. Allerdings reiche es nicht aus, wenn eine Gemeinde sich allein über ihre Musik definiere. Nötig sei es auch, dass sie sozialdiakonisch tätig sei und sich für mehr Gerechtigkeit engagiere.

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