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Kirchentag
23. Juni 2019

Holthaus: Kirche muss Evangelium stärker in den Mittelpunkt stellen

v.l.: Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) diskutiert mit dem Rektor der Freien Theologischen Hochschule (FTH) Gießen, Prof. Stephan Holthaus, auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dortmund. Foto: idea/M. Pletz
v.l.: Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) diskutiert mit dem Rektor der Freien Theologischen Hochschule (FTH) Gießen, Prof. Stephan Holthaus, auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dortmund. Foto: idea/M. Pletz

Dortmund (idea) – Die evangelische Kirche muss die Verkündigung des Evangeliums stärker in den Mittelpunkt stellen. Politische Aussagen stehen in den Aussagen ihrer Vertreter zu oft im Vordergrund. Diese Ansicht vertrat der Rektor der Freien Theologischen Hochschule (FTH) Gießen, Prof. Stephan Holthaus, auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dortmund. Er nahm an einer Podiumsdiskussion zu dem Thema „Wie politisch darf Religion sein?“ teil. Es sei zwar gut und richtig, dass Christen gesellschaftliche und politische Verantwortung übernehmen, aber dabei dürfe es ihnen „nicht nur um ein innerweltliches Wohlfühlprogramm gehen“, so Holthaus. Für die Kirche müsse die Leitlinie gelten: „Das Heil zuerst und dann das Wohl dieser Welt.“ Diese Haltung habe Jesus Christus selbst vorgelebt. Im Neuen Testament werde berichtet, dass versucht wurde, ihn zum König auszurufen. Das habe er abgelehnt und vielmehr die Frage gestellt: „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne aber Schaden nähme an seiner Seele“ (Lukas 9,25). Holthaus sagte weiter, viele evangelikale Christen empfänden die politische Entscheidungen der Kirche als einseitig. So gebe es beim Thema Abtreibung in der evangelischen Kirche „kaum noch größere Gruppierungen, die hier ein Fragezeichen setzen“. Es gehe nicht um „Lebensschutz um jeden Preis“. Ihm sei bewusst, dass Schwangere sich nicht leichtfertig für eine Abtreibung entschieden. Darüber dürfe das Lebensrecht der ungeborenen Kinder aber nicht unbeachtet bleiben.

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Wahrheitsanspruch ist kein Hindernis für Dialog

Holthaus kritisierte außerdem die verbreitete Auffassung, es sei intolerant, für die eigene religiöse Überzeugung einen Wahrheitsanspruch zu erheben. „Wir brauchen Menschen, die ein klares Wahrheitsverständnis haben“, sagte der Theologe. Das sei die Voraussetzung für Dialog. Wichtig sei aber, die religiösen Überzeugungen anderer Menschen zu respektieren und gesprächsbereit zu sein. Holthaus räumte ein, es gebe auch in der evangelikalen Bewegung „problematische Gruppierungen, die da noch einiges lernen müssen“.

Käßmann: Wo wir Menschen zur Seite stehen, begegnen wir Jesus

Die frühere EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann sagte in der Diskussion, die Kirche müsse zwar in erster Linie das Evangelium verkünden, aber auch politisch sein. Es sei falsch, das politische Engagement der Kirche als „Wohlfühlreligion“ abzutun. „Wo wir Menschen zur Seite stehen, die bedrängt und in Not sind, da begegnen wir Jesus Christus.“ Käßmann kritisierte außerdem die „Glaubensprüfungen“ für Flüchtlinge, die zum Christentum übergetreten sind, durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Dabei würden teilweise Fragen gestellt, die nicht in ein Asylverfahren gehörten, etwa: „Wie unterscheidet sich das Gottesbild im Alten und Neuen Testament?“. Sie ärgere sich auch über die Unterstellung, Flüchtlinge würden leichtfertig getauft. „Ich kenne keinen Kollegen, sei er katholisch, evangelisch oder freikirchlich, der einem Taufbegehren leichtfertig stattgibt“, erklärte die Theologin.

Schäuble: In der Flüchtlingspolitik gibt es keine einfachen Lösungen

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) sagte auf dem Podium, die evangelische Kirche müsse in politischen Diskussionen „darauf achten, dass wir als Kirche erkennbar bleiben“. Politische Entscheidungen seien oft „furchtbar schwierig“ und ihre Folgen schwer zu überblicken, so der Protestant. Als Beispiel nannte er die Flüchtlingspolitik. In ihr gebe es keine einfachen Antworten. „Wenn man die Möglichkeit hat, Flüchtlinge aus dem Mittelmeer zu retten, muss man es natürlich tun“, sagte der Politiker. Es sei aber problematisch, wenn durch die Rettungsaktionen weltweit der Eindruck entstehe, „jeder kann jetzt nach Europa kommen“. Bei der Aufnahme von Flüchtlingen müsse außerdem beachtet werden, dass Toleranz und Solidarität der in Deutschland lebenden Menschen Grenzen haben könnten. „Wenn wir das nicht berücksichtigen, werden wir unserer politischen Verantwortung nicht gerecht.“

Kirchenasyl: Staat sollte „das Problem nicht auf die Spitze treiben“

Schäuble nahm auch Stellung zur aktuellen Diskussion über das Kirchenasyl. Es gebe zwar keinen Rechtsanspruch darauf, dass der Staat es akzeptiere, aber es sei nicht klug, „das Problem auf die Spitze treiben“. Es stelle den Rechtsstaat nicht grundsätzlich infrage, wenn er hinnehme, dass Kirchengemeinden einzelnen Flüchtlingen Asyl gewährten.

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