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Altbischof Wolfgang Huber
13. Juni 2020

Corona: Viele Menschen erwarteten eine vernehmbare Kirche

Der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende und Altbischof Wolfgang Huber. Foto: Dirk von Nayhauss
Der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende und Altbischof Wolfgang Huber. Foto: Dirk von Nayhauss

Berlin (idea) – Viele Menschen haben das Gefühl, dass sich die Kirchen in der Corona-Krise zu still verhalten haben. Diese Ansicht vertrat der frühere EKD-Ratsvorsitzende, Altbischof Wolfgang Huber (Berlin), gegenüber der Wochenzeitung „Die Kirche“.

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Er äußerte sich zu der Kritik der früheren thüringischen Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) an den Kirchen. Die evangelische Theologin hatte im Mai in einem Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“ unter anderem gesagt, die Kirche habe in der Corona-Krise „Hunderttausende Menschen alleingelassen – Kranke, Einsame, Alte, Sterbende“.

Huber sagte, die Vorwürfe seien Verallgemeinerungen, die nicht durch Faken gedeckt seien, aber sie zeigten, dass viele Menschen die Kirchen als „so schweigsam“ wahrgenommen hätten. „Viele Menschen erwarteten aber eine vernehmbare Kirche“, so Huber. Sie hätte sich zum Beispiel klar dagegen aussprechen müssen, dass durch die Kontaktbeschränkungen in Alten- und Pflegeheimen auch die Besuche enger Verwandter unterbunden worden seien. Die Kirche könne aus der Debatte lernen, „Anwalt derer zu sein, auf die niemand achtet, weil alle so fixiert sind auf das Thema Corona“.

Weiter sagte der Altbischof, es sei falsch, darüber zu diskutieren, ob die Kirche „systemrelevant“ sei. Mit diesem Begriff würden Einrichtungen bezeichnet, ohne die „die materielle Struktur der Gesellschaft kollabiert“, also beispielsweise die Bereiche Energie, Ernährung oder das Gesundheitswesen. Dazu gehörten Seelsorge und die Verkündigung des Evangeliums nicht. Bei ihnen gehe es um die Freiheit für Religion und Glauben. „Die Kirche, das Evangelium sind nicht systemrelevant, sondern existenzrelevant. Das haben wir deutlich zu machen.“

Stäblein: Wahre Netzwerke der Nächstenliebe

Der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), Christian Stäblein, sagte gegenüber der Zeitung, durch die Kritik Lieberknechts könne sich in der öffentlichen Meinung allzu schnell der Eindruck festsetzen: „Die Kirche hat versagt, die Kirche hat geschwiegen.“ Das sei aber falsch im Blick auf das, was Seelsorger und Gemeinden geleistet hätten. Sie seien in den vergangenen Monaten „wahre Netzwerke der Nächstenliebe“ gewesen.

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