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Bischof Hein
13. August 2019

Latenter Antisemitismus auch in evangelischen Gemeinden

Der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Martin Hein. Foto: MedioTV/Schauderna
Der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Martin Hein. Foto: MedioTV/Schauderna

Kassel (idea) – Manche evangelischen und katholischen Christen tun sich nach wie vor schwer im Umgang mit Juden. Davon ist der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Martin Hein (Kassel), überzeugt. Wie in der deutschen Gesellschaft gebe es auch in den Kirchen einen wachsenden Antisemitismus, sagte Hein der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Nötig sei es, „vor der eigenen Haustür zu kehren“ und genau zu beobachten, „was sich in den Gemeinden tut“. Man müsse antisemitische Entwicklungen aufzeigen und aufarbeiten. Dafür sei ein Antisemitismusbeauftragter in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) dringend notwendig, so Hein. Eine entsprechende Anregung habe er bereits im August vergangenen Jahres gemacht. Die EKD habe darauf aber bis heute nicht reagiert. Deshalb habe er die Forderung vor kurzem wiederholt.

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EKD: Wichtige Anregung

Wie dazu ein EKD-Sprecher idea sagte, wird der Rat der EKD im September „über die wichtige Anregung von Bischof Martin Hein“ diskutieren. „Mit den Themen Rechtsradikalismus und Rechtspopulismus setzt sich die EKD kontinuierlich auseinander. Dazu gehört auch der Blick auf entsprechende Tendenzen in den eigenen Reihen, die systematisch untersucht werden sollen“, so der Sprecher. Er verwies ferner auf die von der EKD 2017 herausgegebene Schrift „Antisemitismus – Vorurteile, Ausgrenzungen, Projektionen und was wir dagegen tun können“ sowie auf eine 2018 in Berlin eingerichtete Stiftungsprofessur für Geschichte und Gegenwart des jüdisch-christlichen Verhältnisses. Weiter sagte der EKD-Sprecher: „Der Widerspruch gegen Judenhass ist nicht nur die Sache einiger weniger, sondern eine Verantwortung aller Christen.“

Für Begegnungen zwischen Juden und Christen

Wie Hein weiter erläuterte, muss es Ziel eines solchen Beauftragten sein, als kirchlicher Ansprechpartner für jüdische Organisationen und Bürger zur Verfügung zu stehen und Konzepte zu entwickeln – in Zusammenarbeit mit religionspädagogischen Instituten und Akademien – „um den unterschwelligen Antisemitismus aus den Köpfen zu bekommen“. Dazu seien besonders Begegnungen zwischen Juden und Christen geeignet. „Wir haben zu wenig im Blick, wie viele junge Menschen jüdischen Glaubens es bei uns gibt“, sagte der 65-Jährige, der im September nach 19 Jahren an der Spitze der kurhessen-waldeckischen Kirche in den Ruhestand geht. Nach seinen Worten ist vielen Schülern nicht bekannt, welches Leid die Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 über Juden gebracht hätten. Heute gebe es neben einem rechten auch einen linken sowie einen muslimischen Antisemitismus in Deutschland.

Das Existenzrecht Israel niemals infrage stellen

Hein zufolge muss es möglich sein, die Politik Israels gegenüber den Palästinensern zu kritisieren: „Auf der anderen Seite darf das Existenzrecht des Staates Israels niemals infrage gestellt werden.“ Die evangelische Kirche wie auch der Weltkirchenrat müssten mehr Verständnis für die Lage Israels aufbringen, so Hein. Der Staat Israel sei „von Ländern mit ausgeprägter Israelfeindschaft umgeben“.

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