Freitag • 20. September

19.04.2013

Wenn Gott alles umfasst

Die erste Überraschung erlebe ich am Telefon, als ich mit Werner Küstenmacher einen Termin vereinbaren will: „Ich freue mich, wenn idea mit mir reden will. Andere reden nur über mich.“ Die zweite Überraschung erreicht mich im Zug bei der Anreise. Er schickt mir eine SMS, um mir mitzuteilen, dass er mich am Bahnhof abholen will.Dazu muss man wissen: Wir kennen uns bisher nur vom Telefon. Früher – in den 80er Jahren – habe ich ihn jeden Freitag angerufen und eine Karikatur für die nächste Ausgabe von ideaSpektrum bestellt. Auch mit seinen beliebten Zeichnungen sorgt er dafür, dass ideaSpektrum ein erfolgreiches Magazin wird. Und umgekehrt hilft idea, dass Küstenmacher weit über seine Landeskirche hinaus bekannt wird.Warum nennen ihn eigentlich alle „Tiki“? Seine Mutter war ein Fan des norwegischen Forschers Thor Heyerdahl. Der segelte 1947 über den Pazifik mit einem Boot, genannt Kon-Tiki – nach dem Schöpfergott in der Mythologie (Götterlehre). Und tatsächlich scheint es irgendwie eine Wechselwirkung zwischen dem Spitznamen und der Sympathie Küstenmachers für Mythologie zu geben.

6 Millionen Bücher verkauft

In den letzten 20 Jahren ist viel passiert. Küstenmachers idea-Karikaturen gibt es nicht mehr. idea und er trennten sich Ende der 80er Jahre, weil man inhaltlich nicht mehr übereinstimmt. Küstenmacher ist inzwischen Bestsellerautor geworden. Sein Lebensberatungsbuch „Simplify your Life“ mit Tipps für ein einfacheres Leben ist in über 40 Sprachen (Auflage 4 Millionen Exemplare) erschienen. Viele Jahre ist er Chefredakteur des gleichnamigen Monatsmagazins; jetzt wacht er als Herausgeber darüber, dass sein Kurs beibehalten wird. Doch damit nicht genug: Er hat über 100 Bücher (Auflage 6 Millionen Exemplare) veröffentlicht – einige davon gemeinsam mit seiner Ehefrau. In evangelikalen Kreisen sind manche heftig umstritten. Kritiker werfen den beiden Religionsvermischung vor – etwa im neuesten Buch „Gott 9.0 – Wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird“. In ideaSpezial schreibt der evangelikale Theologe Ron Kubsch darüber: „Gott 9.0 propagiert eine esoterische Version der ‚Gott-ist-tot-Theologie’. Wer sich auf dieses spirituelle ‚Wachstumsmodell’ einlässt, wird Gott verlieren.“

Ihr Glaube hat sich verändert

Ist das so? Ihr Glaube habe sich verändert, räumen die Küstenmachers ein. Sie meinen „gereift“ und holen weit aus. Die beiden lernen sich während des Theologiestudiums kennen. Sie ist damals bei den Jesus-People, der evangelikalen Antwort auf die Hippie-Bewegung, er im CVJM: „Wir waren beide richtig in Gott verknallt.“ Und schon damals ist Werner Küstenmacher nicht nur evangelikal: Er ist fasziniert von dem katholischen Befreiungstheologen und Dichter Ernesto Cardenal aus Nicaragua. Bis heute liebt er dessen „Buch von der Liebe“ mit Zitaten aus der christlichen Mystik.

Bekehrung mit 14 im CVJM München

Werner Küstenmacher wird bei einer Jugendevangelisation des Münchener CVJM Christ. Dem 14-Jährigen leuchtet ein: Ohne Jesus geht er auf ewig verloren. Das will er nicht – und bekehrt sich. Die CVJM-Jugendsekretäre sind für ihn Vorbilder. Wichtig wird für ihn später das Bekenntnis eines Leiters, er kenne auch geistlich dürre Zeiten – Wochen, in denen er nicht die Bibel lese und bete. Küstenmacher: „Ich stürzte von der Welt der religiösen Superhelden in den Alltag eines Christenmenschen.“ Heute ist er darüber sehr froh, habe er doch dadurch gelernt, dass man als Christ nicht heucheln muss.

Ich baute unter zwei Dächern

Neben dem CVJM nimmt er an einer zweiten Jugendgruppe teil, die der lutherischen Gethsemanekirche in München. Dort wird eine emanzipatorische Jugendarbeit betrieben. So muckt man gemeinsam gegen den Pfarrer auf, der „dämliche Vorschriften macht“, so erinnert sich Küstenmacher. Die Gruppe demonstriert gegen den Krieg in Vietnam und gegen Polizeigewalt in Deutschland. „Freiheit und Frömmigkeit, das waren meine Themen“, so der Autor heute. Er habe „unter zwei Dächern gebaut“. Erst später wird ihm klar, dass er auch deshalb auf die Straße geht, um sich gegen seinen verstorbenen Vater abzugrenzen, der ein „linientreuer“ Nationalsozialist war. Küstenmacher verweigert den Kriegsdienst, wird aber nicht anerkannt. Man glaubt seiner Gewissensentscheidung nicht. Weil er aber sowieso Pfarrer werden will, wird er nicht eingezogen. Durch das Theologiestudium kommt er ohne Blessuren. Die historisch-kritische Methode der Bibelauslegung ist für ihn ein Arbeitsmittel, aber keine Glaubensanfechtung. Mehr zu schaffen macht ihm die hierarchisch organisierte lutherische Landeskirche. Soll er wirklich dort Pfarrer werden? Antworten hofft er bei einer zweiwöchigen Freizeit in der ökumenischen Kommunität von Taizé in Frankreich zu finden. 14 Tage verbringt er schweigend. Zum Abschluss geht er für einen Tag in ein verfallenes Dorf mit einer Kathedrale ohne Dach. Seine Hoffnung: „Dort wird Gott zu mir sprechen.“ Doch Gott schweigt.

„Die Bibel ist nicht unser Gott“

Dass Gott nicht zu reagieren scheint, verändert sein Gottesbild. Küstenmacher: „Gott ist immer größer“ als das, was er erlebe. Das ist sein Lebensmotto heute. Die Bibel ist für ihn „eine Sammlung von großartigen Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben ... Die Bibel ist aber nicht unser Gott.“ Schließlich hätten die ersten Christen unsere heutige Bibel noch nicht gekannt. Das Leitmotiv der Bibel ist für ihn die Liebe Gottes. Und er ist sich sicher, dass diese Liebe nicht aufhören wird, „bevor nicht auch der letzte Mensch erlöst ist“.

Vermischt die Bibel Religionen?

Die Bibel hält er nicht für eindeutig. Sie sei sogar religionsvermischend. Als Beispiel dient ihm die Jungfrauengeburt Jesu. Dass wichtige Gestalten von einer Jungfrau geboren werden – diese Vorstellung gäbe es nicht nur im Christentum. Dass in manchen Stammbäumen Josef als der Vater von Jesus angegeben werde, führt bei ihm zu dem Schluss: „Auch in der Bibel gibt es mehrere Wahrheitsstränge nebeneinander.“ Für Küstenmachers wirkt Jesus nicht nur in Christen, sondern in vielen Menschen – sogar in anderen Religionen. Und genau diesem Gott, der in allem und überall wirkt, dem wollen sie nachspüren. Ihn meinen sie auch in den Liedern des pietistischen Dichters Gerhard Tersteegen (1697–1769) zu entdecken. So werde in seinem Lied „Gott ist gegenwärtig“ deutlich, dass er ein protestantischer Mystiker gewesen sei.

Gott als Licht oder Wind

Sie entdecken Gott in Menschen, wenn diese sich zum Wohl anderer engagieren. Glauben – das ist für sie kein starres System von Richtig und Falsch. Auch in der Bibel werde von Gott nicht nur als Person gesprochen, etwa wenn er als Licht oder Wind beschrieben wird. Dass bibeltreue Christen damit Probleme haben und sagen, Küstenmachers seien nun keine Christen mehr, verwundert sie nicht. Es ist ihnen egal: „Wir wollen vor allem die Menschen erreichen, die gar nicht mehr mit Gott rechnen.“ Sie sehen sich ins „Heidenapostolat“ berufen. Manche haben sie schon erreicht. Die treffen sich im Spirituellen Zentrum St. Martin in München, das von Pfarrer Andreas Ebert geleitet wird. Dieses landeskirchliche Zentrum ist für sie ihre geistliche Heimat. In ihre lutherische Kirchengemeinde in Gröbenzell gehen sie dagegen „eigentlich nicht mehr“.

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