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14.11.2012

Muss man an den Teufel glauben?

Für viele Menschen gehört die Vorstellung vom Teufel oder Satan und der Glaube an seine zerstörerische Macht in die Welt der Mythen und Märchen. Sie belächeln sie als Ausdruck eines primitiven Aberglaubens. Sicher hat zu dieser Einschätzung auch die Art seiner mittelalterlichen Darstellung beigetragen: als furchterregende Gestalt mit Hörnern, Schwanz, Pferdefüßen und Fledermausflügeln. Die moderne Ablehnung des Teufels geht auf das Zeitalter der Aufklärung und des Idealismus zurück. Ihre Vertreter lehnten es ab, von einem persönlichen Bösen zu reden; allenfalls sprachen sie noch von einer „Idee“ oder dem „Prinzip“ des Bösen. Der Mensch galt fortan in seinem innersten Wesen als gut; seine „Bosheit“ bestand in einem Mangel an Gutem, der aber durch eine entsprechende Erziehung überwunden werden konnte. Hinzu kam, dass sich aus Sicht von Theologen die Allmacht Gottes nicht mit der Existenz einer zerstörerischen Macht des Bösen in Einklang bringen ließ und ihm daher allenfalls der Charakter des „Nichtigen“ zugestanden wurde. Er glich damit einer „Wespe ohne Stachel“, entbehrte also jeder Gefährlichkeit. Doch diese Verharmlosung des Bösen lässt sich nach den Erfah¬rungen des 20. Jahrhunderts mit den schlimmsten Verbrechen der bisherigen Menschheitsgeschichte nicht mehr aufrechterhalten. Holocaust, Gulag, Völkermorde in Kambodscha und Ruanda bis hin zu der gegenwärtigen Welle von Gewalt durch islamistische Terroranschläge haben uns ernüchtert und lassen uns neu nach der Wirklichkeiten des Bösen fragen.

... dann könnten wir nicht verantwortlich sein

In der Bibel tritt das Böse ganz unvermittelt nach der Schöpfungsgeschichte in der Gestalt der Schlange an den Menschen heran. Als große Versucherin sät sie Misstrauen gegenüber den guten Absichten Gottes und verleitet Adam und Eva mit einem großspurigen Versprechen („Ihr werdet sein wie Gott!“) dazu, das Gebot Gottes zu übertreten. Das wirft die spannende Frage auf: Wie kommt überhaupt das Böse in die Welt, wo es doch am Ende der Schöpfungsgeschichte heißt: „Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut“ (1. Mose 1,31)? Doch die Frage nach dem Woher des Bösen bleibt in der Bibel unbeantwortet. Der entscheidende Grund liegt wohl darin: Wenn es eine Erklärung für die Ursache des Bösen gäbe, dann wäre die Sünde des Menschen keine persönlich zu verantwortende Schuld mehr. Dann könnte der Mensch die Verantwortung für seine Schuld von sich weisen und dem Verursacher in die Schuhe schieben. Der Alttestamentler Walther Zimmerli (1903–1983) schreibt dazu in einem Bibelkommentar: „Die Verführung, die Sünde des Menschen steht als etwas absolut Unerklärtes unversehens da inmitten der guten Schöpfung Gottes. Sie wird als Rätsel stehengelassen. Auch auf die Frage, wie denn der von Gottes Güte geschaffene und mit allem Guten ausgestattete Mensch dazu kommt, der Verführung nachzugeben, wird keine Antwort gegeben … Ein Böses, das irgendwoher erklärt und abgeleitet werden könnte, wäre ein entschuldigtes Böses, weil dieses Irgendwoher doch in jedem Fall vom Sünder abführte.“ Es ist darum müßig, darüber zu spekulieren, ob es sich bei dem Bösen um einen von Gott abgefallenen „Engel des Lichts“ (Luzifer bzw. Satan) handelt, wie später einige Kirchenväter der Frühen Kirche meinten (so z. B. Origines). Der Anfang des Hiobbuches (Kapitel 1 und 2) mit seiner Schilderung einer himmlischen Ratsversammlung und der zwischen Gott und Satan abgeschlossenen Wette macht immerhin so viel klar: Der Satan als Widersacher Gottes hat nur so weit Macht und Einfluss auf den Menschen, wie sie ihm von Gott zugestanden wird. Seine Macht stellt keine eigenständige, schöpferische Kraft dar. Er bleibt ein von Gott Abhängiger, auch wenn er die ihm von Gott eingeräumte Macht dazu missbraucht, Menschen zu verführen, sich ihm zu unterwerfen, und ihr Leben zu zerstören. Und auch das andere macht diese Szene bereits deutlich: Der Satan empfindet offensichtlich eine sadistische Lust dabei, Menschen zu quälen, sie leiden zu sehen und ihren Untergang herbeizuführen.

Das Neue Testament redet 110 Mal vom Teufel

Wird Satan bzw. der Teufel im Alten Testament nur einige Male erwähnt, so überrascht seine häufige Erwähnung im Neuen Testament: insgesamt 110 Mal, wobei auffällt, dass er immer wieder mit ganz unterschiedlichen Namen bezeichnet bzw. Verhaltensweisen charakterisiert wird, darunter Beelzebul, Beliar, Widersacher, Verderber, Verführer, Drache, Ankläger, Schlange, Fürst dieser Welt. Wollte man aus allen Aussagen einen „Steckbrief“ über den Teufel entwerfen, so sähe der etwa folgendermaßen aus: Der Teufel ist der große Aufrührer und Unruhestifter (das griechische Wort für Teufel = diabolos bedeutet Durcheinanderwerfer, Auseinanderbringer), der die Menschen dazu verführt, Gott zu misstrauen. Er ist ein großer Lügner, der sich aber gerne mit dem Schein der Wahrheit umgibt und als ein „Engel des Lichts“ verkleidet. Er verspricht den Menschen das Blaue vom Himmel nur, um sie seinem Einfluss gefügiger zu machen und schließlich als ihr Ankläger aufzutreten und sie dem Verderben preiszugeben. Ja, er ist ein „Mörder von Anfang an“ (so Jesus in Johannes 8,44).

Der Angriff Gottes auf den Satan

Jesu Kommen in unsere Welt ist der entscheidende Angriff Gottes auf die satanische Macht, die die Menschen in ihren zerstörerischen Bannkreis gezogen hat. Der Lebensweg Jesu ist daher gekennzeichnet durch seine Auseinandersetzung mit der Macht der Finsternis. Die beginnt am Anfang seines Wirkens mit der Versuchung durch den Teufel, der Jesus siegreich widersteht. Sie setzt sich fort in Krankenheilungen und Dämonenaustreibungen, in denen sich Jesus stärker als der Teufel und seine bösen Geister erweist. Und sie findet ihren Höhepunkt im Triumph des auferstandenen Jesus über die Todesgewalt des Teufels, der den Apostel Paulus jubilieren lässt: „Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“ (1. Korinther 15, 54 und 55). So ließe sich das ganze Wirken von Jesus unter der Überschrift zusammenfassen: „Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre“ (1. Johannes 3,8).

Der Böse gibt sich noch nicht geschlagen

Hat Jesus mit seinem Triumph über den Teufel ihn endgültig aus dem Feld geschlagen? Nein, so weit sind wir noch nicht. Zwar ist Satan durch Jesus endgültig das Rückgrat gebrochen, aber er gibt sich noch nicht geschlagen. Er setzt alles daran, sein böses Spiel mit den Menschen weiter zu treiben, d. h. sie zu verführen und zu verderben. Darum mahnen die Apostel die ersten Christen, die Schliche des Teufels zu durchschauen, sich geistlich gegen seine Angriffe zu wappnen und ihm mit Jesu Hilfe zu widerstehen. Er kann uns befähigen, das Böse mit Gutem zu überwinden. Es mag dem Teufel immer wieder gelingen, auch Christen zur Sünde zu verführen, doch hat er als Ankläger der „Auserwählten Gottes“ verspielt und wird sie darum nicht mehr von Gottes Seite wegreißen können. Das Versprechen Jesu steht: „Ich gebe meinen Schafen das ewige Leben … und niemand wird sie aus meiner Hand reißen“ (Johannes 10,28). Wenn wir als Christen im Vaterunser beten „… und erlöse uns von dem Bösen!“, dann verbinden wir damit die Zuversicht, dass der Tag kommt, an dem Gott den Bösen endgültig schachmatt setzt und ihn für immer vernichtet. Zwar wird der Widersacher Gottes vor der machtvollen Wiederkunft Jesu noch einmal alles daransetzen, in einem letzten dramatischen Aufbäumen das Blatt zu seinen Gunsten zu wenden, um den Himmel zu entvölkern, doch wird es ihm nicht gelingen.

Je älter ich werde

Müssen wir an den Teufel glauben? So lautete die Ausgangsfrage. Als Christ antworte ich auf diese Frage klipp und klar: Ich glaube nicht an den Teufel. Nein, so viel Ehre möchte ich ihm nun wirklich nicht antun! Im Übrigen ist in keinem einzigen christlichen Glaubensbekenntnis vom Teufel die Rede. Wenn wir uns im Apostolischen Glaubensbekenntnis zum dreieinigen Gott bekennen, dann hat der Teufel daneben keinen Platz. Er ist auch kein selbstständiges Thema der Verkündigung. Teufels- und Höllenpredigten mögen zwar die Nerven frommer Seelen kitzeln, tatsächlich aber haben sie in der Vergangenheit eher zur Verbreitung von Unsicherheit und Angst unter den Hörern beigetragen. Es kann nicht die Aufgabe eines Predigers des Evangeliums sein, den Menschen erst die Hölle heiß und anschließend den Himmel schmackhaft zu machen. Auf einem anderen Blatt steht allerdings, ob ich den Bösen als widergöttliche Macht ernst nehme oder im Bösen allenfalls einen Mangel an Gutem sehe, der sich durch Erziehung und ehrliches Bemühen beheben lässt. Ich muss gestehen: Je älter ich werde, umso ernüchterter und desillusionierter bin ich im Blick auf die Fähigkeit des Menschen zur Humanität. Oder deutlicher gesagt: Gerade in unserer heutigen Zeit offenbaren materielle Gier und Unersättlichkeit, Unterdrückung, Ausbeutung und Missbrauch von Schwächeren, Hass, Feindseligkeit und Gewalt gegenüber Andersdenkenden ein solches Potenzial an diabolischer Macht, dass man darüber immer wieder nur erschrecken kann. Wer den Bösen unterschätzt, öffnet ihm damit Tür und Tor zu ungestörtem Wirken.

Ist der Teufel eine Person?

Bleibt schließlich noch die Frage: Ist der Teufel nun ein eigenständiges, personales Wesen – oder handelt es sich um eine unpersönliche Macht? Zwar überwiegt in der Bibel die personifizierende Rede vom Teufel bzw. Satan, aber er wird auch als „finstere Macht“ – oder einfach als „Bosheit“ bzw. „das Böse“ benannt. Der griechische Wortlaut der Vaterunser-Bitte „Erlöse uns von dem Bösen“ lässt beide Übersetzungsmöglichkeiten zu, der oder das Böse. Wenn ich der sachlichen Vorstellung den Vorzug gebe, so aus einem einfachen Grund: Ich möchte dem Bösen nicht die Würde einer eigenständigen Person zukommen lassen. Ich erkläre den Bösen in jeder Beziehung für unwürdig und darum zur Unperson.

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