Freitag • 30. Oktober

30.10.2012

Würde Jesus Auto fahren?

„Gerechtigkeit fängt bei mir selber an“, sagt der Dozent für Praktische Theologie und Soziologie am Marburger Bibelseminar, Tobias Faix. Er warnt davor, sich von den „Glücksversprechungen der Warenwelt täuschen zu lassen“. Die Konsumgesellschaft sei für viele zu einer Ersatzreligion geworden. In der Wirtschaft beobachtet Faix „vier geistige Gesetze“, die sich negativ auswirken: 1. Fortschritt entsteht durch schnelles Wachstum, 2. Besitz und Konsum versprechen Glück und Gelassenheit, 3. Rettung entsteht allein durch Wettbewerb, 4. die Freiheit wird durch unverantwortliche Konzerne missbraucht. Diese vier Prinzipien seien täglich in der Wirtschaft zu beobachten. Faix fordert Christen dazu auf, sich Gerechtigkeit im Wirtschaftsalltag etwas kosten zu lassen: „Eigentlich wissen wir es, dass jemand dafür bezahlen muss, wenn ein T-Shirt nur 7,99 Euro kostet oder ein Pfund Kaffee nur 3,99 Euro.“ So sollten Kirchengemeinden nur noch fair gehandelten Kaffee trinken.

Würde Jesus bei Ikea einkaufen?

Allerdings gebe es dagegen oft Widerstand: Auch in seiner Gemeinde in Marburg hätten viele dagegen gestimmt. Faix: „Wir merken gar nicht, wie sehr die unsichtbare Hand der Konsumgesellschaft schon in unsere Gemeinden eingedrungen ist.“ Faix stellt viele Fragen: Würde Jesus bei Ikea einkaufen? Wo würde Jesus sein Geld anlegen? Welche Kleider würde er kaufen? Welche Lebensmittel? Wo in den Urlaub fahren? Würde er Auto fahren? Welchen Computer würde er nutzen? Zugleich gibt Faix zu, dass er bisher nur wenige Antworten hat. Er wolle nicht, dass Christen zu „verbitterten Moralisten“ werden oder ein schlechtes Gewissen bekommen, sondern dass sie ihr Bewusstsein dafür schärfen, dass sie „Teil des Spiels“ der Konsumgesellschaft sind.

Was Christen tun sollten? Vier praktische Ratschläge:

1. Regional einkaufen, um Transportwege zu vermeiden und die Landwirtschaft vor Ort zu fördern.

Wie hilfreich ist Entwicklungshilfe wirklich?

2. Sozial einkaufen, also nur Produkte, die nicht durch Ausbeutung entstanden sind. So sei 99 % der in Deutschland verkauften Schokolade nicht „fair gehandelt“ und beute Mensch und Natur aus.

„Brich dem Hungrigen dein Brot“

3. Saisonal einkaufen, also keine Erdbeeren im Winter.

Auch in Zukunft wird es Erdbeben und Dürre geben

4. Ökologisch einkaufen, also Bio-Lebensmittel und Bio-Bekleidung. Faix’ Fazit: „Informieren, verzichten und teilen sind die effektivsten Möglichkeiten, einen nachhaltigen Lebensstil einzuüben.“

Die internationale Direktorin des christlich-humanitären Hilfswerkes World Vision, Ruth Padilla DeBorst (Costa Rica), forderte dazu auf, Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, mit offenen Armen zu empfangen. So sollten sich Christen in Deutschland für Roma einsetzen und für Asylbewerber, die in Kriegsgebiete zurückgeschickt werden. Nötig sei es auch, dagegen zu protestieren, dass deutsche Rüstungskonzerne ihre Waffen in den Mittleren Osten und nach Afrika verkaufen. Zudem sollten Christen sich mit ihrer Unterschrift an einer Aktion der Micha-Initiative beteiligen. Diese fordert Handy-Hersteller dazu auf, dass sie für ihre Handys auf das Erz Coltan aus dem Kongo verzichten, weil damit der Bürgerkrieg finanziert wird.

Einen kritischen Blick auf den Nutzen von Entwicklungshilfe warf der langjährige World-Vision-Mitarbeiter, Kurt Bangert (Bad Nauheim). Hilfe könne das Selbstwertgefühl des Empfängers verletzen. Autos, Computer, Satellitentelefone sowie teure Hotelübernachtungen von Entwicklungshelfern machten den Hilfsempfängern oft erst ihren Mangel bewusst. Zudem könne Hilfe von außen zu bewaffneten Konflikten führen, wenn nur bestimmte Gruppen von einer Hilfslieferung begünstigt werden. Auch könnten Nahrungslieferungen aus dem Ausland lokale Märkte kaputt machen, die Verzehrgewohnheiten dramatisch verändern oder zu Erkrankungen führen, weil die Nahrung unverträglich ist. Oft verändere Entwicklungshilfe das Wertesystem der Hilfsempfänger: Plötzlich seien Schnelligkeit und Effizienz wichtiger als Freundlichkeit und Zeit füreinander zu haben. Plötzlich sei das Wissen der Einheimischen nichts mehr wert. Für Entwicklungshelfer bestehe wiederum die Gefahr, ange­sichts von Unfähigkeit oder Unwilligkeit von einheimischen Mitarbeitern zynisch zu werden. Der wohl schwerwiegendste Einwand gegen Entwicklungshilfe ist die Gefahr, dass sie endlos fortbesteht, abhängig macht und die Eigeninitiative tötet. Bangert: „Manchmal ist der Schaden von Hilfe größer als der Nutzen.“ Was sich dagegen tun lässt? Bangert gibt darauf eine allgemein gehaltene Antwort: „Wir müssen die Wirksamkeit der Hilfe immer wieder infrage stellen.“

Wie vielfältig sich Christen gegen Armut einsetzen, zeigte der Dokumentarfilm „58“, der vom christlichen Hilfswerk Compassion in Auftrag gegeben wurde. Der Titel des Films spielt an auf das 58. Kapitel des Propheten Jesaja. Dort heißt es unter anderem: „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend sind, führe ins Haus.“ Der Film nimmt den Zuschauer in 75 Minuten mit an zahlreiche Orte der Erde: Gezeigt werden die Folgen der Erdbebenkatastrophe in Haiti, eine alleinerziehende Mutter in Äthiopien, ein Slum in Kenias Hauptstadt Nairobi, ein Armenviertel in der brasilianischen Küstenstadt Recife, schließlich in Schuldsklaverei geratene Steinbrucharbeiter in Südindien und Kinderbordelle in Kalkutta – durchweg bewegende Lebensgeschichten und Bilder dieser Erde. Ab 2013 soll „58“ in hiesigen Kirchengemeinden zum Einsatz kommen und zudem im Internet zum kostenlosen Download zur Verfügung stehen.

Fragwürdig bleibt indes die Kernaussage des Films: Extreme Armut kann beseitigt werden – und wenn, dann nur durch uns Christen. So wichtig der Einsatz von Christen auch ist: Etwas mehr Bescheidenheit wäre schön. Fraglich ist auch, ob allein die im Film gezeigten Aktivitäten (etwa Schulbildung, Bäume pflanzen, Moskitonetze gegen Malaria verwenden) ausreichen, um Armut dauerhaft zu beseitigen. Denn was der Film nicht sagt: Viele Gründe für Armut liegen weitgehend außerhalb der Reichweite von Hilfsorganisationen: Auch in Zukunft ist mit Erdbeben, Dürreperioden und Ernteausfällen zu rechnen. Zudem machen allzu oft ungerechte Gesetze, korrupte Regime und Bürgerkriege die Aufbauarbeit wieder zunichte. Dass der Kampf gegen Armut eine Sisyphysarbeit bleibt, hat Jesus selbst festgestellt: „Arme habt ihr allezeit bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun“ (Markus 14,7). Zu bezweifeln ist deshalb die Prämisse des Films, dass eine Erhöhung des Spendenvolumens ausreicht, um Armut zu beseitigen. Viel hilft viel? Wenn es doch nur so einfach wäre!

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