Samstag • 4. Juli

30.09.2012

Russland: Kein Platz für Evangelikale?

Moskau (idea) – Ein geplantes neues Religionsgesetz in Russland könnte die Evangelikalen in Schwierigkeiten bringen. Das befürchtet Wally Kulakoff (Moskau) vom internationalen Missionswerk Russian Ministries (Wheaton bei Chicago). Der Gesetzentwurf könnte bis zu dreijährige Haftstrafen für die Verletzung religiöser Gefühle und die Schändung heiliger Stätten vorsehen. Bisher gelten diese Vergehen als Ordnungswidrigkeit, die mit höchstens 25 Euro Buße geahndet wird. Die Gesetzesinitiative wird unter anderem von der Regierungspartei „Geeintes Russland“ und der russisch-orthodoxen Kirche unterstützt. Kulakoff hegt die Sorge, dass Evangelikale leicht mit dem geplanten Gesetz in Konflikt geraten werden, da nur die Orthodoxie, der Islam, das Judentum und der Buddhismus als offizielle Religionen gälten. Zum Beispiel könne man es ihnen als Beleidigung der Muslime auslegen, wenn sie von Jesus Christus als Gottes Sohn sprächen. Auch könnte es die russisch-orthodoxe Kirche als anstößig ansehen, wenn aus einer anderen Bibelübersetzung als der vor ihr autorisierten zitiert werde. Kulakoff fürchtet, dass nicht-traditionelle Religionen in Russland an den Rand gedrängt und möglicherweise verboten werden: „Es gibt dann keinen Platz für die protestantische Kirche.“ Er bittet, für ein Scheitern der Gesetzesinitiative zu beten.

Punkband-Mitglieder verurteilt

Großen Unmut hatte die Punkband „Pussy Riot“ erregt, die am 21. Februar in der orthodoxen Moskauer Kathedrale „Christus der Erlöser“ ein „Punkgebet“ gegen Präsident Wladimir Putin und Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche angestimmt hatten. Der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill I. hatte die Verwendung von Schimpfwörtern im Zusammenhang mit dem Namen Jesus Christus und der „Gottesmutter“ Maria als „blasphemisch“ bezeichnet. Drei Mitglieder der Gruppe waren am 17. August wegen „Rowdytums aus religiösem Hass“ zu zwei Jahren Straflager verurteilt worden.

Hilfswerke als „ausländische Agenten“

Im Juli war in Russland bereits ein Gesetz zu Nichtregierungsorganisationen verabschiedet worden. Davon betroffen sind alle Vereinigungen und Organisationen, die Geld aus dem Ausland erhalten und als politisch tätig gelten. Sie müssen den Zusatz „ausländische Agenten“ tragen, um weiter legal arbeiten zu können und sich in einem Sonderregister registrieren lassen. Bei Verstößen drohen Geld- und Haftstrafen. Von den etwa 142 Millionen Einwohnern Russlands sind 35 Millionen orthodoxe Kirchenmitglieder. Hinzu kommen etwa 500.000 Katholiken. Die Zahl der Evangelikalen wird auf etwa eine Million geschätzt.

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