Ressorts
icon-logo

Kommentar

Waffenlieferungen aus Nächstenliebe?

28.04.2022

Carsten Rentzing. Foto: IDEA/ kairospress
Carsten Rentzing. Foto: IDEA/ kairospress

Fordert das Gebot der Nächstenliebe, schwere Waffen an die Ukraine zu liefern? Ein Kommentar von Carsten Rentzing

Es ist schwer zu ertragen, jeden Tag mit den schrecklichen Bildern und Nachrichten vom Krieg in der Ukraine konfrontiert zu werden. Emotionen ergreifen die Menschen. Ehemalige Grenzlinien verschwimmen. Pazifisten rufen nach Waffen, Militärs mahnen zur Zurückhaltung. Unübersehbar bleibt, dass sich unsere Zeit und Welt in einer Krise wiederfindet, die alte Fragen neu stellt.

Wofür das Gebot der Nächstenliebe steht

Auch die Christenheit kann sich dem nicht entziehen. So hört man die These, dass das Gebot der Nächstenliebe von uns fordert, auch schwere Waffen an die Ukraine zu liefern. Diese These reiht sich ein in die Art und Weise, wie seit längerem das Gebot der Nächstenliebe in der Öffentlichkeit Verwendung findet. Nächstenliebe diente der Begründung einer bestimmten Migrationspolitik, sie diente der Rechtfertigung von Corona-Maßnahmen. Und nun soll sie Militärhilfe unterstützen. All das aber ruft in mir geistliche Skepsis hervor. Nein: Ich glaube nicht, dass die Nächstenliebe von uns Waffenlieferungen fordert! Überhaupt glaube ich nicht, dass sich das Gebot der Nächstenliebe zur Begründung moralischer und politischer Vorstellungen eignet. Betrachtet man den barmherzigen Samariter als Urbild der Nächstenliebe, so zeigt uns dieser, worum es der Nächstenliebe geht: um Pflege und Heilung aus Barmherzigkeit. Der Samariter hat nicht verhindert, dass der Mensch unter die Räuber fiel. Er hat ihm wieder aufgeholfen. Das ist das Evangelium.

Von den zwei Regimentern Gottes

Pazifist bin ich deshalb nicht. Als eine estnische Pfarrerin mich jüngst auf einer Tagung fragte, ob ich als Deutscher bereit sei, sie zu verteidigen, antwortete ich aus ganzem Herzen: ja! Mein „Ja“ erwächst aber nicht aus dem Gebot der Nächstenliebe, sondern aus der Rede Martin Luthers von den zwei Regimentern Gottes. In nüchterner Klarheit und erfahrungsgesättigt hatte Luther einst auf die Macht des Bösen in dieser Welt hingewiesen. Und zugleich sah er, wie Gott in zweifacher Weise auf diese Macht reagiert. Durch das Evangelium verwandelt er die Herzen einzelner Menschen und macht sie heilig, gerecht und gut. Durch das Schwert, also die staatliche Gewalt, schafft er äußerlichen Frieden und wehrt den bösen Taten.

Die schwerste Waffe der Christenheit

Wenn wir also von Waffen reden, sollten wir uns nicht auf das Evangelium, sondern auf das Schwert berufen. Das schützt uns auch vor einer moralischen Überhöhung militärischer Mittel, die diesen nicht zukommt. Und es hält uns frei und offen für den Tag, an dem auch das Gebot der Feindesliebe als Evangelium neu erschallen kann, erschallen muss und erschallen wird. Bis dahin bleibt der Christenheit die schwerste Waffe, die ihr von Gott anvertraut ist: das Gebet!

(Der Autor, Carsten Rentzing (Dresden), ist Beauftragter der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) für Mittel- und Osteuropa.)

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

IDEA liefert Ihnen aktuelle Informationen und Meinungen aus der christlichen Welt. Mit einer Spende unterstützen Sie unsere Redakteure und unabhängigen Journalismus. Vielen Dank. 

Jetzt spenden.

4 Wochen IDEA Digital 8,95 Euro 1,00 Euro

Entdecken auch Sie das digitale Abo mit Zugang zu allen Artikeln auf idea.de