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Kommentar

Von Kirchenschwund, Besserwisserei und einem neuen Weg

10.03.2022

Steffen Kern ist Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes. Foto: privat
Steffen Kern ist Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes. Foto: privat

Die EKD hat am 9. März ihre neue Statistik veröffentlicht. Dazu ein Kommentar von Pfarrer Steffen Kern (Walddorfhäslach bei Reutlingen), dem Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes (Vereinigung Landeskirchlicher Gemeinschaften). Der 49-Jährige ist auch EKD-Synodaler.

Erstmals unter 20 Millionen Evangelische in Deutschland. Die neue Statistik dokumentiert einen Rückgang von 2,5 Prozent von 20,2 auf 19,7 Millionen Mitglieder. Das ist so wenig überraschend wie zugleich dramatisch. Statistisch ist die Beschreibung einfach: Mehr Sterbefälle als Taufen. Mehr Austritte als Eintritte. Zu notieren ist: Das Tempo der Austritte nimmt zu. 27 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Der Kirchenschwund beschleunigt sich.

Solche Statistiken sind ein gerne genommener Anlass für Besserwissende verschiedener Couleur, das zu verlautbaren, was sie ja schon immer besser wussten und schon immer sagten: Die Kirche müsse politischer werden, sagen die einen, weniger politisch, die anderen. Lauter, leiser, grüner, frömmer, progressiver, konservativer, weiblicher, männlicher, familienfreundlicher, diverser, bibeltreuer, moderner, bekenntnisfester, liberaler, missionarischer, sozialer… – all das wird gesagt. Alle sagen es noch einmal – und alles bleibt beim Alten. Nur wird alles kleiner.

Das regelmäßige Echauffieren verschiedenster Einzelakteure und Gruppierungen gegeneinander ist so erwartbar wie das Amen in der Kirche. Es gehört inzwischen zur Routine binnenkirchlicher Kommunikation. Es kommt stets reflexhaft, ist ermüdend und hilft nicht weiter. Es lähmt. Alle miteinander. Es ist viel mehr Ausdruck einer kollektiven Hilflosigkeit als ein Wettstreit um gute Ideen und verheißungsvolle Wege.

Woran sind wir schuld?

Lasst uns doch einmal anders fragen: Wo haben wir Anteil daran, dass so viele Menschen der Kirche den Rücken kehren? Wir in unserer Gemeinde, in unserem Arbeitsbereich, in unserer Gruppierung, in unserem kirchenpolitischen „Lager“, in unserer Gesinnungsgemeinschaft? Wie wäre es, wenn wir uns um mehr Erkenntnis und um mehr Ehrlichkeit mühen würden?

Klar ist, wir alle in der Kirche sind mitschuldig am Kirchenschwund. Wir alle sind mitverantwortlich dafür, dass die Kirche für immer mehr Menschen immer weniger relevant ist. Es sind nicht nur „die anderen“, wie wir so gerne reflexhaft sagen und mit dem Zeigefinger anzeigen. Etwas mehr Selbstkritik stünde uns gut an, mehr Demut und Bereitschaft zur Umkehr. Letztere sind eigentlich evangelische Tugenden. Sie werden aber immer nur von den jeweils anderen Evangelischen gefordert. Daran leidet unsere Kirche.

Und dann lasst uns damit rechnen, dass nicht wir die Kirche retten. Lasst uns darauf vertrauen, dass unsere Kirche das Herzensprojekt eines lebendigen Gottes ist, das er von Anfang an zu seiner Sache gemacht und sich auf den Leib geschrieben hat. Er ist es, der die Kirche baut. Nein, das macht unser Ringen nicht überflüssig, aber es richtet uns auf das Wesentliche aus. Es entlastet und befreit. Ein gesundes kirchliches Selbstbewusstsein wächst mit unserer Christus-Gewissheit. Und mit ihr wächst unsere Strahlkraft nach außen.

Lesen Sie zu dem Thema auch die Meldung „Kirchenaustritte: ,Jesus-Demenz ist die tödliche Seuche‘“

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