Ressorts

icon-logo

Interview

Vetter: Missionarisches Anliegen verbindet Christen

02.08.2022

Im Juli kamen in Passau zum zweiten Mal katholische, landes- und freikirchliche Vertreter zusammen, um über zukunftsorientierte missionarische Gemeindearbeit zu sprechen. Foto: Susanne Schmidt/pbp
Im Juli kamen in Passau zum zweiten Mal katholische, landes- und freikirchliche Vertreter zusammen, um über zukunftsorientierte missionarische Gemeindearbeit zu sprechen. Foto: Susanne Schmidt/pbp

Warum sind aus Sicht der Evangelischen Allianz in Deutschland (EAD) Gespräche über Konfessionsgrenzen hinweg so wichtig? Was können Protestanten von Katholiken lernen? Wo hat die evangelikale Bewegung Nachholbedarf? Zu diesen Fragen hat Ekkehart Vetter gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur IDEA Stellung bezogen. Er ist EAD-Vorsitzender.

IDEA: Im Juli kamen in Passau zum zweiten Mal katholische, landes- und freikirchliche Vertreter zusammen, um über zukunftsorientierte missionarische Gemeindearbeit zu sprechen. Warum sind aus Ihrer Sicht konfessionsübergreifende Gesprächsformate grundsätzlich so wichtig?

Vetter: Die Herausforderungen sind für alle Kirchen und Freikirchen ähnlich. Wie können wir Menschen in einer sich immer mehr säkularisierenden Gesellschaft mit dem Evangelium von Jesus erreichen? Weniger als die Hälfte aller Deutschen gehören einer der beiden großen Kirchen an. Viele aber sind spirituell Suchende. Traditionell kirchliche Angebote sind jedoch für viele nicht von Interesse. Also stellt sich für alle Kirchen und Freikirchen die Frage: Wenn Menschen eine Kirche – welcher Couleur auch immer – hinter sich gelassen oder nie dazu gehört haben: Wie kann in diesen Personen das Interesse am Evangelium geweckt werden? Klar: Das ist ein Werk des Heiligen Geistes, aber unsere Aufgabe ist es doch, wie Paulus Brücken zu bauen zu den so unterschiedlichen Menschen, denen er das Evangelium predigen wollte. Und hier können wir voneinander lernen!

IDEA: In welche konfessionsübergreifenden Formate ist die Evangelische Allianz in Deutschland eingebunden?

Vetter: Formal gibt es da nicht allzu viel. Die Evangelische Allianz in Deutschland hat einen Beobachterstatus bei der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Deutschland. International hat es ausführliche theologische Gespräche zwischen der Weltallianz und der römisch-katholischen Kirche gegeben. Was missionarische Arbeit angeht, haben wir als Weltweite Evangelische Allianz zusammen mit dem Ökumenischer Rat der Kirchen und dem Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog das wichtige Dokument „Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt“ unterzeichnet. Auf diesen sehr unterschiedlichen Begegnungsebenen entdecken wir, dass viele Fragestellungen, die uns beschäftigen, sehr ähnlich sind.

Weiter gibt es Begegnungsflächen in ganz unterschiedlichen Formaten, z. B. beim Christlichen Convent Deutschland oder auch, um etwas ganz anderes zu nennen, beim jährlichen „Marsch für das Leben“ in Berlin. Auch die großen Willow-Creek-Leitungskongresse werden von immer mehr katholischen Mitchristen besucht.

IDEA: Was können Protestanten grundsätzlich von Katholiken lernen?

Vetter: Die Begegnung in Passau hatte intern die ganz pragmatische Fragestellung: „Wo wächst etwas?“. Wir wollten im Bezug auf missionarische Arbeit voneinander lernen. Die grundsätzlichen theologischen Themen und auch Differenzen waren nicht im Fokus. Es ging auch um sehr persönliche Erfahrungen der Teilnehmer gerade in der missionarischen Arbeit. Wir haben einander Anteil an den eigenen Glaubenserfahrungen gegeben, und haben dabei tiefen und engagierten Glauben in der je anderen Konfession kennengelernt. Gelernt haben wir miteinander, dass man differenziert hinschauen muss: „Die Katholiken“, „die Protestanten“ oder auch „die Evangelikalen“ sind unzulässige Vereinfachungen, die nicht weiterhelfen.

IDEA: Auch Christen sind häufig mit sich selbst beschäftigt: Wie kann es gelingen, Christen wieder stärker für ihre Gemeinde vor Ort zu begeistern und dort missionarisch tätig zu werden?

Vetter: Da geht es nicht in erster Linie um methodische Fragen, sondern dies ist ein geistlicher Prozess.

Jesus benutzt ein Bild und sagt, er sei gekommen, um sein Leben als „Lösegeld für viele“ zu geben. Lösegeld für einen anderen Menschen wird dann gezahlt, wenn er oder sie für jemand anderen unendlich wichtig ist, letztlich aus Liebe. Wir müssen von dieser Sicht Gottes auf Menschen lernen. „So sehr hat Gott die Welt geliebt …“ – viele Christen kennen diesen Vers aus Johannes 3,16. Die Zuwendung Gottes zu dieser Welt ist eine Zuwendung aus Liebe. Wenn Liebe zu Menschen unter uns wächst, brechen erweckliche Zeiten an.

Und erst danach stellen sich viele methodische und eher formale Fragen, die alle auch wichtig sind. Wie können wir Gemeindeleben so gestalten, dass es für Menschen ohne kirchlichen Hintergrund zugänglich und verständlich ist, dass gerade auch ihre Fragen vorkommen und ernst genommen werden? Wie können wir Gottesdienste so gestalten, dass nicht nur das Bildungsbürgertum und konservatives Milieu angesprochen werden?

IDEA: Was haben Sie von dem Treffen in Passau mitgenommen? Welches missionarische Projekt hat Sie beeindruckt?

Vetter: Sehr wertvoll waren die persönlichen Begegnungen – sei es in Erfahrungsberichten, der inhaltlichen Diskussion oder abends beim Bier. Wir haben miteinander gebetet und wollen weiter füreinander beten. Es sind Beziehungen zwischen Menschen gewachsen, die sich, gerade aus den verschiedenen Konfessionen, vorher nicht kannten.

Unter der Fragestellung „Wo wächst etwas?“ stellten die katholischen Geschwister zwei Projekte aus ihrem Kontext vor: Zum einen die Initiative der „HOME Base“ in Passau mit einer Jüngerschaftsschule, einem Gebetshaus und „LaCantina“ – so etwas wie ein großer, öffentlicher Küchentisch für alle. Und zum anderen die aus den USA kommende Bewegung FOCUS, die auch an der Universität Passau Fuß gefasst hat, und „deren Aufgabe es ist, die Hoffnung und Freude des Evangeliums mit Studenten zu teilen“ – wie es auf deren Homepage heißt. Ähnliche Projekte gibt es ebenso im evangelischen und evangelikal-charismatischen Kontext, und es war beeindruckend zu sehen, wie sehr sich die geistlichen Ziele und Inhalte gleichen.

IDEA: Von dem Treffen in Passau gibt es Gruppenfoto. Was vielen Beobachtern in den sozialen Medien sofort auffiel: Es sind nur sehr wenige Frauen zu sehen. Warum waren so wenige Frauen dabei?

Vetter: Wir haben Leitungspersonen aus missionarischen Bewegungen aus dem katholischen und evangelisch-evangelikalen Kontext eingeladen. Da sind Männer in der Mehrheit. Die Zahl der Eingeladenen war etwa zwei- bis dreimal größer als die der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Wie das so ist: Es gibt naturgemäß auch viele Absagen – von Frauen und von Männern.

In der evangelikalen Bewegung gibt es einen klaren Nachholbedarf bei dieser Frage. Veränderungen brauchen auch hier Zeit. Damit Frauen oder auch gerade Mütter im evangelikalen Spektrum signifikant häufiger in Leitungsfunktionen gewählt oder berufen werden, muss an vielen Stellschrauben gedreht werden. Konstruktives miteinander Nachdenken hilft mir diesbezüglich mehr als Entrüstungskommentare in den Sozialen Medien.

IDEA: Vielen Dank!

Ekkehart Vetter (Mülheim an der Ruhr) ist Erster Vorsitzender der Evangelischen Allianz in Deutschland. Er hat die Fragen von IDEA schriftlich beantwortet.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

IDEA liefert Ihnen aktuelle Informationen und Meinungen aus der christlichen Welt. Mit einer Spende unterstützen Sie unsere Redakteure und unabhängigen Journalismus. Vielen Dank. 

Jetzt spenden.