Bericht
Texttreue auf Pergament
28.05.2026

Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen zeigt das „Israel Museum“ in Jerusalem erstmals die vollständige Jesaja-Rolle von Qumran. Der Qumran-Experte Alexander Schick hat die Ausstellung besucht.
Die Ausstellung gilt als Sensation: Erstmals zeigt das „Israel Museum“ in Jerusalem öffentlich die große Jesaja-Rolle aus den Höhlen von Qumran, einer antiken Siedlung am Toten Meer, im Original und in der gesamten Länge.
Die Ausstellung der gut sieben Meter langen Pergamentrolle aus dem 2. Jahrhundert vor Christus wurde am 23. Februar feierlich eröffnet – doch wenige Tage danach, mit Beginn des Iran-Kriegs, brachten Mitarbeiter des Museums die Schriftrolle mit anderen wertvollen Kunstschätzen in einen bombensicheren Schutzraum. Seit Mitte Mai ist die Ausstellung „A Voice from the Desert“ („Eine Stimme aus der Wüste“) nun wieder eröffnet.
Anlass ist das 60-jährige Bestehen des Museums. Dort wird als größter Schatz eine komplette Abschrift des biblischen Prophetenbuches Jesaja in hebräischer Sprache gezeigt – allerdings waren bislang nur eine Kopie und ein kleines Teilstück vom Original der Jesaja-Rolle ausgestellt.
Für die Präsentation der Originalhandschrift wurde eine rund acht Meter lange Vitrine aus Spezialglas angefertigt. Da menschlicher Atem für das Schriftstück schädlich sein kann, dürfen nur maximal 25 Besucher gleichzeitig für jeweils zehn Minuten den klimatisierten Raum betreten.
Neben der großen Jesaja-Rolle sind ein Teilstück der kleineren Jesaja-Rolle sowie Fragmente einer weiteren Rolle ausgestellt. Daneben werden Originaltonkrüge aus den Höhlen von Qumran gezeigt sowie ein Leinentuch, in dem die Schriftrollen vermutlich eingewickelt waren.
Ein einzigartiger Fund
Die Fragmente sind die Überreste der Bibliothek der Essener. Diese besonders strenge jüdische Gemeinschaft betrieb in der Siedlung Qumran offenbar eine Art „Bibelseminar“. Im Jahr 68 n. Chr. hatten die Essener ihre kostbare Sammlung vor den heranrückenden Römern in den umliegenden Höhlen versteckt.
1947 wurde die Jesaja-Rolle in einer Höhle nur wenige Kilometer von Jericho entdeckt. Ein arabischer Bischof hatte sie und drei weitere Rollen 1948 aufgekauft und 1954 in den USA per Zeitungsanzeige im „Wall Street Journal“ zum Kauf angeboten. Durch den israelischen Archäologen Yigael Yadin und den späteren Jerusalemer Bürgermeister Teddy Kollek konnten die vier Schriftrollen für 250.000 US-Dollar (damals umgerechnet eine halbe Million Euro) gekauft werden.
Drei weitere Rollen hatte die Hebräische Universität schon 1948 von den Beduinen erworben. Spätere Untersuchungen haben gezeigt, dass in der sogenannten 1. Höhle mindestens 70 Schriftrollen vor den Römern versteckt worden waren. Bis 1956 wurden zehn weitere Höhlen nahe Qumran entdeckt, in denen sich über 1.000 Schriftrollen befanden. Sie waren leider zu Fragmenten zerfallen.
Wissenschaftliches Puzzlespiel
Jahrzehntelang haben Forscher die Handschriften im größten wissenschaftlichen Puzzlespiel der Welt wieder zusammengefügt und die Texte rekonstruiert, darunter 240 Rollen mit biblischem Inhalt. Wissenschaftler sehen in der Jesaja-Rolle einen wichtigen Beleg für die Texttreue der biblischen Überlieferung.
Von dem Prophetenbuch wurden 22 Handschriften gefunden. Noch häufiger belegt sind das 5. Buch Mose und die Psalmen mit jeweils 39 Rollen. Die Ausstellung der Jesaja-Rolle ist noch bis zum 31. August im Israel Museum für Besucher zu sehen.

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