Kommentar

Klar, aufrichtig, zugewandt

Lesezeit: 4 min

Annette Weidhas: „Besonders deutlich zeigt sich das Problem von Wahrheit und Lüge derzeit in der Politik.“ Foto: Evangelische Verlagsanstalt Leipzig
Annette Weidhas: „Besonders deutlich zeigt sich das Problem von Wahrheit und Lüge derzeit in der Politik.“ Foto: Evangelische Verlagsanstalt Leipzig

Apostel Paulus fordert in Epheser 4 dazu auf, einander die Wahrheit zu sagen. Wie lässt sich das in Familie, Freundschaften und Politik umsetzen? Eine Auslegung von Annette Weidhas

Menschen wollen sich auf Menschen verlassen können. Das gilt besonders in Familien- und Freundschaftsbeziehungen. Verlässlichkeit ist aber ebenso in der Politik sowie in Arbeitsbeziehungen zentral – und natürlich in der Kirche.

Verlässlichkeit beginnt damit, dass wir uns auf das Wort des anderen verlassen können. „Deshalb sollt ihr die Lüge ablegen. Vielmehr soll jeder die Wahrheit sagen, wenn ihr miteinander redet. Denn wir alle sind Glieder am Leib von Christus.“ So schlicht fasst Paulus den Sachverhalt in Epheser 4,25 zusammen.

Denn noch bevor wir kluge und dicke Bücher zum Thema lesen, wissen wir intuitiv, was Paulus fordert: Klarheit, Aufrichtigkeit und Zugewandtheit. Letztere unterstreicht Paulus, indem er in Vers 29 hinzufügt: „Kein böses Wort soll über eure Lippen kommen. Vielmehr sollt ihr stets ein gutes Wort haben, um jedermann zu stärken, wenn es nötig ist. Dann bringt dieses Wort Segen denen, die es hören.“

Fehler ohne böse Worte benennen

Ist damit alles klar? Ja und nein. Paulus‘ Worte sind durchaus eindeutig. Aber können oder wollen wir sie erfüllen? Keiner von uns sagt zum Beispiel Familienangehörigen, Freunden oder Kollegen immer, was er gerade über sie denkt. Zum Glück. Hier sticht Vers 29 den Vers 24, weil Wahrheit immer auf das Ganze eines Beziehungsgefüges zielt.

Wichtig dabei ist jedoch, die Grenzen der wohlmeinenden Lüge oder des Verschweigens der Wahrheit deutlich zu ziehen. Gerade in beruf lichen Zusammenhängen müssen Fehler benannt werden. Natürlich ohne „böse Worte“. Und nicht immer ist es gut, unsere Kinder zu loben, obwohl sie es gerade nicht so recht verdient haben.

„Was ich kaum noch ertragen kann, ist die Unduldsamkeit, die sich allenthalben breitmacht, und die Freude daran, andere zu verunglimpfen.“

Fragen sachlich diskutieren

Besonders deutlich zeigt sich das Problem von Wahrheit und Lüge derzeit in der Politik. Dabei geht es mir nicht um Wahlversprechen, die dann nicht eingelöst werden können, weil Koalitionen Kompromisse erfordern. Unterschiedliche Positionen müssen gesetzt und dann verhandelt werden, das ist demokratisches Geschäft. Schwierig wird die Sache allerdings, wenn die Differenzen zwischen dem Davor und dem Danach zu lange zu groß werden. Nun, warten wir es ab.

Was ich kaum noch ertragen kann, ist die Unduldsamkeit, die sich allenthalben breitmacht, und die Freude daran, andere zu verunglimpfen. Wer nicht glaubt, dass ein Tempo 130 auf deutschen Autobahnen das Weltklima rettet, ist kein „Klimaleugner“, und wer illegale Migration um unseres Sozialstaats willen eindämmen will, ist kein Rassist.

Eine sonderbare Veranstaltung über queere Tiere auf der Arche desavouiert nicht den ganzen Deutschen Evangelischen Kirchentag. Wer mit Russland verhandeln will, muss kein „Putinfreund“ sein, und wer sich für Aufrüstung in Deutschland und Europa einsetzt, kein Kriegstreiber. Weil offensichtlich nicht „Schluss mit Sünde“ ist, braucht der Frieden wie eh und je militärische Stärke – und Europa braucht für den Frieden wie eh und je Amerika, US-Präsident Donald Trump hin oder her.

Warum scheint es unmöglich, solche Fragen in freundlicher Sachlichkeit zu debattieren? Weil es vielleicht doch zu sehr um ideologische Deutungshoheit und Macht geht? Wer hier weiterdenken möchte, lese das Buch von Michael Bröning, Mitglied der SPD-Grundwertekommission: „Die Hetzer sind immer die anderen. Anstiftungen zum Verlassen des Meinungsbunkers.“ Vor allem aber lese er Paulus und setze sich in unseren Kirchen für die Verlässlichkeit des Evangeliums ein.

Annette Weidhas ist seit 1998 bei der Evangelischen Verlagsanstalt in Leipzig tätig und seit 2010 deren Programm- und Verlagsleiterin. Die promovierte Theologin ist zudem seit 1990 Redakteurin der Theologischen Literaturzeitung. In Leipzig findet 2027 der nächste von IDEA veranstaltete Kongress Christlicher Führungskräfte (KCF) statt.

Dieser geistliche Impuls ist in unserem neuen KCF-Magazin erschienen - hier können Sie ein kostenloses E-Paper der Ausgabe anfordern.

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