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Bericht

Jüdische Ukrainer – Heimkehr nach Israel zu Zeiten des Krieges

23.03.2022

Die Begrüßung am Flughafen in Israel ist herzlich. Foto: privat
Die Begrüßung am Flughafen in Israel ist herzlich. Foto: privat

„Christen an der Seite Israels“ (CSI) unterstützt seit Jahren Holocaustüberlebende und Bedürftige in der Ukraine. Wie der Verein nun seine Arbeit im Krieg weiterführt, berichtet Anemone Rüger.

Stadt um Stadt versinkt das Land der Sonnenblumenfelder unter russischem Bombenhagel in Schutt und Asche. Millionen von Menschen sind auf der Flucht. Hunderte Biografien von Holocaustüberlebenden und bedürftigen Nachkriegskindern in der Ukraine, die in den vergangenen Jahren über Christen an der Seite Israels (CSI) an Paten in Deutschland vermittelt wurden, ranken sich um den Satz „Als der Krieg begann …“. Noch leben schätzungsweise 400 ukrainische Juden, die in einem Ghetto oder Konzentrationslager inhaftiert waren, und weitere 16.000, die durch Flucht überlebt haben. Nun entsteht eine neue Generation solcher Biografien.

Jüdische Flüchtlinge aus der Ukraine bei ihrer Ankunft in Israel. Foto: privat

200.000 Ukrainer sind in Israel einwanderungsberechtigt

„Aber heute gibt es einen bedeutsamen Unterschied zu damals: den Staat Israel“, sagt der Belgier Koen Carlier, der seit 20 Jahren ein CSI-Mitarbeiterteam in der Ukraine leitet. Seit dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems in der Sowjetunion vor gut 30 Jahren sind mehr als 600.000 Juden aus der Ukraine nach Israel eingewandert. Doch viele sind geblieben – haben Angehörige gepflegt, auf Papiere gewartet oder auf bessere Zeiten gehofft. Derzeit sind schätzungsweise 200.000 ukrainische Staatsbürger in Israel einwanderungsberechtigt, haben also mindestens einen jüdischen Großelternteil. „Schon seit Monaten haben wir die dunklen Wolken aufziehen sehen“, so Carlier. „Wir haben Vorräte angelegt und viele Tausend Lebensmittelpakete in die jüdischen Gemeinden gefahren. Viele Spender haben mitgeholfen. Wir haben Notfallpläne erarbeitet und Notunterkünfte vorbereitet – nur für den Fall der Fälle. Als dann der Krieg ausbrach, konnten wir sofort handeln.“

Viele ukrainische Juden verlassen das Land – wie hier über die moldawische Grenze. Foto: privat

Es herrscht Chaos

Seitdem arbeitet Carliers Team Tag und Nacht, um jüdische Flüchtlinge in Sicherheit zu bringen. Viele wollen jetzt nach Israel. In einer Notunterkunft im Westen des Landes kommen rund um die Uhr Flüchtlinge an. Von dort geht es weiter nach Moldawien mit CSI-eigenen und angemieteten Bussen. Auf beiden Seiten der Grenze herrscht Chaos; jeder Luftangriff, jeder Korridor, der geöffnet wird, löst neue Fluchtbewegungen aus. Nach einer weiteren Fahrt zu einem moldawischen oder rumänischen Flughafen werden die jüdischen Flüchtlinge dann von der israelischen Einwanderungsorganisation „Jewish Agency“ ausgeflogen. „Gott hat uns auf diese Zeit vorbereitet“, sagt CSI-Mitarbeiterin Natalia, die selbst am Rand ihrer Kräfte ist. „Seit Jahrzehnten setzen wir uns dafür ein, das jüdische Volk nach Hause zu bringen, und jetzt erleben wir das im Zeitraffer!“ In den Wochen seit Kriegsbeginn sind schon mehr Juden aus der Ukraine nach Israel gekommen als im gesamten letzten Jahr.

Natalia (rechts) verabschiedet jüdische Flüchtlinge. Foto: privat

Geburtstag im Luftschutzkeller

Ira ist mit ihrem Sohn David aus Charkow entkommen. „Uns haben die Bomben aus dem Schlaf gerissen. Die ganze Zeit hat man uns erzählt, dass keine zivilen Ziele angegriffen werden. Am zweiten Tag haben sie angefangen, Wohnhäuser zu bombardieren. Etliche Freunde von mir sind umgekommen.“ In vielen Städten, besonders im stark angegriffenen Norden und an der Schwarzmeerküste, gibt es kaum noch Lebensmittel, die Apotheken sind leer, öffentliche Verkehrsmittel fahren nicht mehr. Gezielt wurden Heiz- und Elektrizitätswerke angegriffen, in Mariupol sogar das Wasserwerk. „David ist gerade fünf geworden“, sagt Ira. „Wir haben seinen Geburtstag im kalten Luftschutzkeller gefeiert.“ Nun sind Mutter und Sohn auf dem Weg nach Israel. Die wehrpflichtigen Männer müssen bleiben, um das Land zu verteidigen.

Ludmila (76) aus Belaja Zerkow ist nun in Israel. Foto: privat

Tränen der Erleichterung

Das Handy klingelt. Meine holländische Kollegin, die zur Unterstützung des Teams an die moldawische Grenze gefahren ist, sagt: „Jemand möchte dich sprechen.“ Gerade ist ein Bus mit jüdischen Flüchtlingen aus Belaja Zerkow südlich von Kiew angekommen. Ich traue meinen Ohren kaum: Es ist Ludmila aus unserem CSI-Patenschaftsprogramm! Sie hat viele Verwandte im Holocaust verloren und gerade ihren Mann nach schwerer Krankheit begraben. „Ich fahre nach Israel, zu meinem Sohn.“ Ludmila weint vor Erleichterung, dass sie es sicher über die Grenze geschafft hat. „Schon in der Notunterkunft waren alle so lieb zu uns, und jetzt werden wir hier auch wieder so gut versorgt – das hätte ich nicht zu hoffen gewagt!“

Einigen Tausend ukrainischen Juden hat das CSI-Team in den letzten Wochen schon auf dem Weg nach Israel helfen können. Doch in den nächsten Tagen und Wochen könnten Zehntausende hinzukommen. Gleichzeitig versucht CSI über Spenden weiterhin, die jüdischen Gemeinden in der Ukraine mit humanitären Gütern zu unterstützen. Oft riskieren die Sozialarbeiter ihr Leben, um dringend benötigte Medikamente, Hygieneartikel und Lebensmittel zu überbringen. Die Gemeinden in den noch einigermaßen intakten Städten werden selbst von einem nicht abreißenden Strom von Hilfesuchenden überrollt. Dort werden die Menschen aber noch von Hilfstransporten erreicht. Für die von der Versorgung abgeschnittenen Städte müssen wir weiter um ein Wunder beten.

(Die Autorin, Anemone Rüger, leitet das CSI-Patenschaftsprogramm für Holocaustüberlebende und bedürftige Juden in der Ukraine. Sie ist als Sprecherin und Autorin für die CSI-Arbeit in der Ukraine tätig und war in der Vergangenheit oft vor Ort.)

Über Christen an der Seite Israels

Aus christlicher Überzeugung und vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte steht die Organisation „Christen an der Seite Israels“ (CSI) an der Seite der jüdischen Gemeinschaft und des Staates Israel – auf persönlicher, kirchlicher und gesellschaftlicher Ebene. CSI unterstützt Holocaustüberlebende und bedürftige Juden in Israel und Europa, setzt sich gegen Antisemitismus ein, fördert die deutsch-israelischen Beziehungen und vermittelt christlichen Gemeinden ein Verständnis für Israel und das Judentum. Ein besonderes Augenmerk gilt der großen jüdischen Gemeinschaft in der Ukraine, wo die Spätfolgen des Holocaust bis heute zu spüren sind. Seit mehr als 20 Jahren ist CSI mit einem Team in rund 100 Städten aktiv, um das Leid und die Armut vieler jüdischer Menschen dort zu lindern – durch Patenschaften für Bedürftige, Suppenküchen, Lebensmittelpakete und umfassende Unterstützung bei der Auswanderung nach Israel.

csi-aktuell.de | 07032 7846700 | info@csi-aktuell.de

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