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Bericht

Israelis und Palästinenser – Gesichter des Krieges

11.05.2024

„Lächeln, Atmen, Glauben“ steht auf dem Schild eines Demonstranten. Foto: IDEA/Valentin Schmid
„Lächeln, Atmen, Glauben“ steht auf dem Schild eines Demonstranten. Foto: IDEA/Valentin Schmid

Die Begegnungen im Heiligen Land können tiefe Spuren hinterlassen. Vor allem bei einem Deutschen, der zuvor keinerlei Vorstellung von Krieg hatte. Valentin Schmid war von August 2023 bis Februar 2024 in Israel und berichtete in der IDEA-Kolumne „Reise nach Jerusalem“ von seinen Begegnungen. In diesem Beitrag schaut er noch einmal zurück. Sein Blick auf Israelis und Palästinenser hat sich dauerhaft verändert.

Valentin Schmid ist freier IDEA-Mitarbeiter. Foto: privat

Tonscherben, Steinsärge und antike Waffen: Normalerweise erzählt das „Bible Lands Museum“ in Jerusalem von den Schauplätzen und Schlachten des Alten Testaments. Doch bei einem Besuch Anfang Februar wurde ich plötzlich auch mit moderner Kunst konfrontiert. Wo es eigentlich um das assyrische Reich gehen sollte, war als Gipsfigur der stumme Schrei einer jungen Frau festgehalten. Im Nebenraum eine vernarbte Israelflagge, von Mullbinde umhüllt.

Der Grund: Kurz nachdem die Hamas am Morgen des 7. Oktober Raketen auf Jerusalem feuerte, ließ die Museumsdirektorin etwa 150 Artefakte in einen sicheren Keller bringen. Jetzt wurden die Lücken im Museum durch Kunstwerke der letzten Monate gefüllt. Auf eine optische Trennung zur eigentlichen Ausstellung verzichtete die Kuratorin Noa Arad Yairi dabei jedoch bewusst.

„Im jetzigen Krieg ist es so, als wären wir zu den Schrecken der Vergangenheit zurückgekehrt“, meinte die 64-Jährige zu mir. Kunst könne einen Schmerz ausdrücken, den Fotos nicht einfangen. „Und die Nähe zu den archäologischen Artefakten verleiht unserer Kunst zusätzliche Bedeutung.“

Noa Arad Yairi bei der Eröffnung ihrer Ausstellung. Foto: IDEA/Valentin Schmid

Verstörende Nachrichten

Yairi stand vor einem ihrer eigenen Gemälde. Titel: „Oktober 2023“. Auf eine Grundierung mit schwarzem Acryl hat sie mit Bleistift eine Frau gezeichnet, die sich erschrocken den Mund zuhält. In der anderen Hand ein Telefon. „Mit Bleistift auf Acryl zu arbeiten ist unglaublich mühsam“, erklärte die Frau, die seit 40 Jahren Künstlerin ist – aber alles andere hätte sich für sie falsch angefühlt.

Das Gemälde „Oktober 2023“. Foto: IDEA/Valentin Schmid

„Alles, was ich vor dem 7. Oktober getan habe, scheint mir jetzt irrelevant zu sein. Bis zum Krieg habe ich nur mit Ölfarben auf Leinwand gemalt und Gold verwendet. Aber mein Gold wurde am 7. Oktober verbrannt.“

Ein Zitat des christlichen Philosophen Søren Kierkegaard (1813-1855) habe sie bei der Vorbereitung der Ausstellung beschäftigt: „Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“ „Aber wir leben und verarbeiten jetzt gleichzeitig“, meinte Yairi.

Sie dürfte damit für viele Israelis sprechen, die seit Monaten immer weitermachen müssen, obwohl ihr Trauma keineswegs kleiner wird. Studenten, die trotz Raketenalarm weiter zur Uni fahren. Familien, die umsortiert werden, weil ein Elternteil als Reservist an der Kriegsfront steht. Angehörige von Geiseln, die seit über 150 Nächten nicht mehr ruhig schlafen können.

Alte Lieder geben Halt

„Wie gehen die Israelis mit all dem um?“, werde ich häufig gefragt – und erzähle dann gerne vom 14. Dezember, dem letzten Tag des Lichterfestes Chanukka. Auf dem Heimweg von einer Demonstration an der Knesset blieb ich im Jerusalemer Stadtviertel Nachlaot stecken. Spontan hatten sich Passanten um zwei Musiker versammelt, die traditionelle jüdische Lieder sangen. Die Gasse war so voll, dass ich nach einer Leiter fragen musste, um dann vom angrenzenden Hausdach ein Foto der Szene zu machen.

Man stelle sich zum Vergleich einen beliebigen Weihnachtsmarkt vor, auf dem eine zufällige Ansammlung von Menschen ein Lied aus dem evangelischen Gesangbuch anstimmt. Die allermeisten Besucher wüssten wohl nicht einmal, wo der Text zu finden ist.

Spontane Versammlung an Chanukka. Foto: IDEA/Valentin Schmid

Natürlich repräsentierten die Passanten in Nachlaot nicht alle Israelis. Viele leben ja schlicht säkular. Und doch muss man in Israel niemandem erklären, wofür ein bestimmter Feiertag steht. Jeder kann am Schabbat klassische Gebete mitsprechen und die uralte Bindung zum Land Israel erklären.

Allein die hebräische Sprache vermittelt ein religiöses Grundwissen, eine „Hoffnung von 2.000 Jahren“, wie es in der israelischen Nationalhymne heißt. Diese Tradition stiftet Identität. Und gerade im Krieg hilft sie, sich nicht einfach nur durch die Abgrenzung zum Feind zu definieren. Sie kann emotionalen Halt geben, um nicht in Rachegelüste zu verfallen.

Zurück! Aber wohin?

Was ich in Israel hingegen vergeblich gesucht habe, ist gesellschaftliche Einheit. Spätestens seit den Kontroversen um die geplante Justizreform ist das Land in eine Vielzahl politischer Lager zersplittert. Zwar mag der Kriegsausbruch manche Brüche überdeckt haben – aber früher oder später finden sich fast alle Interessengruppen in den Protesten rund um den aktuellen Krieg wieder.

Während zum Beispiel Angehörige der Geiseln in Tel Aviv mit Straßenblockaden für einen Deal mit der Hamas kämpften, drangen ein paar nationalreligiöse Juden in den Gazastreifen ein. Mit einfachen Holzhütten wollen sie symbolisch eine erste Siedlung errichten. In Jerusalem habe ich viele Menschen mit der Aufschrift „Zurück nach Hause“ auf dem T-Shirt getroffen. Die meisten meinen damit zwar die Rettung der Geiseln – manche aber auch die Wiederbesiedlung Gazas.

Ein Siedler mit einem T-Shirt mit der Aufschrift „Nach Hause, in den Gazastreifen zurückkehren“. Foto: IDEA/Valentin Schmid

Genau 50 Jahre vor dem Terror des 7. Oktober erlebte Israel schon einmal die fatalen Folgen einer falschen Sicherheitsgewissheit. Die Rede ist vom Jom-Kippur-Krieg. Dem folgte ein massiver Vertrauensverlust in den Staat und schließlich die erste rechte Regierung des Landes.

Was nach einem Ende des jetzigen Krieges politisch in Israel passiert, kann noch keiner sagen. Aber es wird grundlegende Veränderungen geben, sowohl für Israelis als auch für Palästinenser.

Jeden Tag Tränengas

Am 1. Februar besuchte ich Shu‘fat, ein Jerusalemer Stadtviertel mit Hochhäusern, Märkten und Elektronikgeschäften. Von außen unauffällig, wäre es nicht durch eine massive Betonmauer vom Rest der Stadt getrennt, da hier der palästinensische Teil der Westbank beginnt. Es war 13 Uhr, als mich ein Palästinenser namens Islam an der Anatot-Straße zum Essen einlud. „Nicht die beste Zeit“, meinte er. „Weil dann immer die Kinder von der Schule heimkommen und sich mit der Polizei anlegen.“

Tatsächlich marschierten fünf Minuten später zwei Dutzend schwer bewaffnete israelische Polizisten durch die Straße, um die besagten Ruhestörer mit Tränengas zu vertreiben. „Wahrscheinlich hat jemand seine Steuern nicht bezahlt“, witzelte Islam, während wir Schutz in einem Krankenhaus suchten. Und: „Seit Kriegsbeginn ist das normal. Manchmal kommt die Polizei dreimal am Tag.“

Beim Versuch, Shu‘fat zu verlassen – Islam hatte mir dazu geraten – musste ich mich von einer israelischen Soldatin anschreien lassen. Doch im Gegensatz zu einem Palästinenser, der vor mir in der Schlange stand, konnte ich immerhin passieren. Die israelische Besatzung ist nicht zimperlich. Und es ist verständlich, dass die eingeschränkte Mobilität für Palästinenser auch schnell mit einem inneren Engegefühl einhergeht.

Wenn europäische Politiker eine Zweistaatenlösung fordern, liegt dem oft eine bestimmte Annahme zugrunde: Erst mit echter Gleichberechtigung werden Palästinenser aufhören, Israel zu bekämpfen. Bei solchen Aussagen muss ich an Aisha und Diala denken, zwei Palästinenserinnen aus Shu‘fat, die mit mir an der Hebräischen Universität studierten.

Eine Frage der Identität

„Wenn ihr in Shu‘fat wohnt, warum wollt ihr dann keine israelische Staatsbürgerschaft annehmen?“, fragte ich sie einmal. Jedem Bewohner Jerusalems stehen nämlich tatsächlich dieselben Rechte zu. „Wegen unserer Identität“, lautete die knappe Antwort. Außerdem sei Shu‘fat gar kein Stadtviertel, sondern ein Flüchtlingslager. Schließlich wohnten dort die Großfamilien jener Araber, die 1948 aus der Jerusalemer Altstadt vertrieben wurden.

Das Stichwort Identität ist zentral für eine Lösung des Nahostkonflikts: Palästinenser sehen sich als Opfer einer jahrzehntelangen Katastrophe, die im aktuellen Krieg einen neuen Höhepunkt findet. Um sich dem Verursacher dieser Katastrophe, dem Staat Israel, zu widersetzen, finden viele sogar Terrorismus legitim. Der jüdische Staat hingegen stützt sich auf den Entschluss, nie wieder als Opfer in die Geschichte einzugehen. Deshalb nehmen Israelis bis heute sehr vieles in Kauf, um ihr Land zu schützen. Manchmal auch das Leid der Palästinenser.

„Auch im Nahen Osten kann Versöhnung gelingen.“

Auch im Nahen Osten kann Versöhnung gelingen

Was muss geschehen, damit dieser Kreislauf endet? Auch das kann niemand seriös beantworten. Aber mir hat die Begegnung mit einer jungen Muslima in einem Beduinendorf nahe Be‘er Scheva Hoffnung gegeben – Bayan ihr Name. Als ich sie Anfang Dezember traf, wurde dort gerade ein erster Behelfsbunker errichtet. In den ersten beiden Kriegsmonaten war das Dorf den Raketen der Hamas schutzlos ausgeliefert, obwohl es auf israelischem Boden steht.

Bayan hätte genug Gründe, über ihre Situation zu klagen. Doch mir erzählte sie von Positivem. Etwa von der Chance, in Be‘er Scheva zu studieren, wo sie schon jetzt freiwillig in einem Krankenhaus arbeitet und verwundete Soldaten pflegt. Araber wie Bayan sind der Beweis, dass das heutige Israel nicht allein den Juden vorbehalten ist. Und sie zeigen, dass es Alternativen zur Opfermentalität vieler Palästinenser gibt. Oder kurz gesagt: Auch im Nahen Osten kann Versöhnung gelingen.

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