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Israel: „Christen sind das schwächste Glied in der Kette“

15.07.2023

Der (katholische) Lateinische Patriarch von Jerusalem, Erzbischof Pierbattista Pizzaballa. Foto: picture-alliance/NurPhoto|Majdi Fathi
Der (katholische) Lateinische Patriarch von Jerusalem, Erzbischof Pierbattista Pizzaballa. Foto: picture-alliance/NurPhoto|Majdi Fathi

Jerusalem/Frankfurt am Main (IDEA) – Der (katholische) Lateinische Patriarch von Jerusalem, Erzbischof Pierbattista Pizzaballa, hat auf die Zunahme von Aggressionen gegen Christen im Heiligen Land hingewiesen.

In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) sagte er, dass diese Aggressionen heute „fast schon ein ‚normales‘ Phänomen“ seien. Das habe seiner Einschätzung nach vor etwa 20 Jahren begonnen und seither zugenommen. Er selbst lebe seit 33 Jahren in Jerusalem, sei aber bisher nicht häufig attackiert worden – vielleicht auch, weil er früher häufig keine Ordenskleidung getragen habe.

Zurzeit würden Christen bei solchen Übergriffen hauptsächlich angespuckt oder beleidigt. Das liege auch daran, dass es leicht falle, „Christen zu attackieren, denn sie sind das schwächste Glied in der Kette.“

Außerdem nehme die Gewalt in der israelischen und der palästinensischen Gesellschaft generell zu. „Gewalt wird zunehmend die einzige Sprache, und darunter leiden auch Christen.“ Er wisse nicht, ob es einen Zusammenhang mit dem Antritt der aktuellen Regierungskoalition aus rechtskonservativen und orthodoxen Parteien gebe, „aber es ist eine Tatsache, dass wir seit dem Amtsantritt der neuen Regierung eine deutliche Zunahme verzeichnen“.

Als weitere Ursache benennt der Patriarch die Erziehung der Kinder: „Es gibt Kinder, die Christen anspucken und anschreien – irgendjemand muss ihnen das beigebracht haben.“ Vielleicht gebe es eine junge Generation, etwa in den israelischen Siedlungen im Westjordanland, die in einem extremistischen oder polarisierten Kontext“ aufgewachsen sei und keine Vielfalt kenne.

Die Kultur muss sich ändern

Die Kirchen führten wegen dieser Problematik zwar Gespräche mit den Behörden. Die Regierung und die religiösen Institutionen hätten auch erklärt, „dass sie dagegen vorzugehen versuchen. Aber das ist sehr schwierig, weil wir es nicht mit dem Mainstream des Judentums zu tun haben, sondern mit Randgruppen.“ Es handle sich dabei meist um ultraorthodoxe Juden, aber die Täter kämen auch aus dem nationalreligiösen Spektrum. „Ich möchte aber betonen, dass wir aus diesen Gruppen auch viele positive Reaktionen erhalten. Man kann da nicht generalisieren.“

Zum Hintergrund: Sowohl Israels Staatspräsident Jitzchak Herzog als auch der sephardische Oberrabbiner von Jerusalem, Schlomo Amar, hatten die jüngsten Übergriffe auf Christen verurteilt.

Tatsächlich habe man danach „hier und da einige Verbesserungen“ wahrgenommen, so Pizzaballa. „Aber dieses Phänomen ist das Resultat einer bestimmten Kultur.“ Da könne man nicht erwarten, dass sich sofort etwas ändere. „Aber zumindest ist es inzwischen ein Thema in der Öffentlichkeit. Das werde helfen, das Problem zusammen mit den israelischen und jüdischen Institutionen anzugehen. „Das hoffe ich zumindest.“

Die Christen werden weniger

Der Patriarch betonte im Interview auch, dass die Zahl der Christen im Heiligen Land weiter sinken werde. „Zum einen wandern viele aus, zum anderen haben wir eine vergleichsweise niedrige Geburtenrate. Das besorgt uns sehr.“

Zugleich wies Pizzaballa Befürchtungen zurück, dass das Christentum in Israel aussterben werde. „Wir werden nicht verschwinden. Aber ja: Wir werden weniger, und wir haben nicht die gleiche Sichtbarkeit und Stärke wie früher.“

Zum Lateinischen Patriarchat gehören Israel, die Palästinensergebiete, Jordanien und Zypern.

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