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Menschenrechte

Hilfswerk: Ausweisung von Afghanen aus Pakistan ist eine Katastrophe

06.11.2023

Pakistan (l.) droht 1,7 Millionen Flüchtlingen mit der Abschiebung nach Afghanistan (r.). Fotos: pixabay.com
Pakistan (l.) droht 1,7 Millionen Flüchtlingen mit der Abschiebung nach Afghanistan (r.). Fotos: pixabay.com

Islamabad/Kabul (IDEA) – Die Regierung Pakistans plant die Ausweisung von 1,7 Millionen afghanischen Flüchtlingen, die keinen Aufenthaltsstatus haben. Hilfswerke wie „Shelter Now“ (Zuflucht jetzt) warnen vor den katastrophalen Folgen für die Betroffenen und ihr Heimatland Afghanistan.

Zum Hintergrund: In Pakistan leben rund vier Millionen Afghanen, teilweise seit Jahrzehnten illegal. Pakistans kommissarischer Innenminister Sarfraz Bugti begründete den Schritt damit, dass 14 der 24 größeren Terroranschläge in Pakistan in diesem Jahr von afghanischen Staatsangehörigen verübt worden seien.

Die pakistanische Regierung hatte den Flüchtlingen Zeit bis zum 1. November gegeben, um ihren Besitz zu verkaufen und das Land zu verlassen. Ansonsten drohten Passkontrollen an den Haustüren und Abschiebehaft. Medienberichten zufolge trauen sich viele Afghanen seitdem nicht mehr aus ihren Häusern. Mehr als 160.000 Afghanen reisten bereits freiwillig aus.

Lokale Medien berichten von chaotischen Zuständen an den Grenzübergängen. Die in Afghanistan herrschenden Taliban kündigten an, Lager an den Grenzenübergängen einzurichten. Hilfsorganisationen berichten jedoch von unzureichenden Unterkünften. Es gebe nur begrenzten Zugang zu Trinkwasser, keine Heizquellen außer offenen Feuern, keine Beleuchtung und keine Toiletten.

Hilfswerkleiter weist Vorwürfe der pakistanischen Regierung zurück

Der internationale Leiter des christlichen Werks „Shelter Now“, Georg Taubmann (Sulzbach-Rosenberg), zeigte sich gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur IDEA entsetzt über das Vorgehen der pakistanischen Regierung.

Es stimme nicht, dass Afghanen mehrheitlich für Terroranschläge verantwortlich seien: Die Attentate seien zum Teil von der Terrororganisation Tehrik-e-Taliban (TTP) – einer Art pakistanischer Taliban – verübt worden. Sie werde von den afghanischen Taliban unterstützt.

Die Führer der TTP sollen selbst in Afghanistan leben. Taubmann: „Nicht die afghanischen Flüchtlinge, sondern die TTP verüben die Anschläge.“ Er vermutet andere Gründe hinter der Massenabschiebung: Pakistan leide schon lange unter einer Wirtschaftskrise und empfinde die afghanischen Flüchtlinge als eine Belastung und Gefahr.

Rückkehr ist für viele Afghanen gefährlich

Für Afghanistan sei die Rückkehr so vieler Schutzsuchender eine weitere Katastrophe neben dem Erdbeben im Oktober in Herat, den schlimmen Überschwemmungen im Osten des Landes, der miserablen wirtschaftlichen Lage, der hohen Arbeitslosigkeit und dem weit verbreiteten Hunger. Die zurückkehrenden Flüchtlinge müssten sich unter diesen Umständen nun eine neue Existenz aufbauen.

Taubmann befürchtet: „Sie werden kaum Arbeit finden und bald zu den zwei Drittel der Bevölkerung gehören, die an Nahrungsmittelmangel leiden.“ Für all jene, die wegen ihres Glaubens – etwa Christen – oder Beziehungen zur afghanischen Vorgängerregierung vor den Taliban geflohen seien, werde die Rückkehr eine große Bedrohung sein. Manche könne es das Leben kosten.

Taliban überfordert

Allgemein sei die Talibanregierung mit der aktuellen Lage völlig überfordert, so Taubmann. Die Taliban hätten die afghanische Bevölkerung dazu aufgerufen, Flüchtlingen zu helfen: „Viele von ihnen haben alles verloren und leben jetzt im Freien in der Nähe der Grenze in Afghanistan.“ Die Regierung habe auch die wenigen verbliebenen Hilfswerke aufgefordert zu helfen – auch „Shelter Now“.

Taubmann zufolge hat das Werk Anfang Oktober mehrere große Nothilfeprojekte für Flut- und Erdbebenopfer durchgeführt. Zur neuen Situation sagte er: „Diese Flüchtlingskrise ist auch eine neue Herausforderung für uns, und wir werden nicht tatenlos zusehen.“ Man werde so vielen Afghanen wie möglich helfen – vor allem angesichts des beginnenden Winters.

Laut den Vereinten Nationen (UN) hatten bereits vor der neuen Flüchtlingskrise 15,3 Millionen der rund 42 Millionen Einwohner Afghanistans nicht genug zu essen. Fast die Hälfte der Kinder unter fünf Jahren und ein Viertel der schwangeren und stillenden Frauen benötigen laut UN in den nächsten zwölf Monaten Nahrungsmittelhilfe.

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