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Herbst: Mehr Vielfalt an Gemeindeformen zulassen

03.11.2022

Michael Herbst ist Theologieprofessor und war Direktor des Instituts zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung. Foto: Die Apis/Gerd Kuschewitz
Michael Herbst ist Theologieprofessor und war Direktor des Instituts zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung. Foto: Die Apis/Gerd Kuschewitz

Stuttgart (IDEA) – Die schrumpfende Zahl der Christen nötigt die Kirche dazu, eine größere Vielfalt an Gemeindeformen zuzulassen. Dazu hat der Theologieprofessor und frühere Direktor des Instituts zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung (IEEG/Halle an der Saale), Michael Herbst (Bamberg), aufgerufen. Er sprach am 1. November beim „Fest für alle Generationen“ des Evangelischen Gemeinschaftsverbandes Württemberg „Die Apis“. Dazu waren rund 1.100 Besucher in die Stuttgarter Liederhalle gekommen.

Er sei überzeugt, so Herbst weiter, dass es mehr als einen Weg gebe, um der missionarischen Aufgabe der Christen in einer „komplizierten“ Welt nachzukommen. „Die Gesellschaft ist heute vielfältig, die kirchlichen Angebote sind es noch nicht ausreichend.“ Für einige Menschen sei die örtliche Kirchengemeinde genau richtig, andere würden sich dagegen eher von Jugendkirchen oder landeskirchlichen Gemeinschaften ansprechen lassen. „Menschen sind es gewohnt, zu wählen, und nicht zugewiesen zu werden – auch nicht dem Kirchturm. Lasst uns mehr Vielfalt wagen.“

Die Gemeinden müssten sich immer fragen, wer mit welchem Angebot welcher Gruppe von Menschen am besten dienen könne. Dazu sei es auch nötig, dass die Landeskirchen die Gemeinschaftsverbände als „Partner auf Augenhöhe“ wahrnähmen und nicht nur als Ergänzung der eigenen Gemeinden.

Der Glaube garantiert nicht, dass alles immer besser wird

In seiner Predigt sagte Herbst ferner, dass die Gewissheit vieler Menschen in Deutschland, „alles im Griff zu haben“, durch die Corona-Krise und den Krieg in der Ukraine stark erschüttert worden sei. Schließlich sei der Wohlstand zuvor jedes Jahr gewachsen.

Der Theologe betonte in diesem Zusammenhang, dass der christliche Glaube nicht garantiere, dass alles immer besser werde. Niemand habe versprochen, „dass wir durch unser Tun Gesellschaften transformieren“. Das bedeute, dass sich das Böse in der Welt „immer noch austoben“ könne. Wer glaube, habe es deshalb nicht automatisch leichter im Leben. Doch umgekehrt bedeute das auch, dass man trotzdem „richtig“ glaube, wenn man es schwer habe. Diese Welt sei keine heile, „aber eine lebenswerte Welt – trotz und mit allem Bösen“. Herbst ermutigte, auf Gott zu vertrauen: „Uns passiert nichts, was Gott nicht unter Kontrolle hätte.“ Sein Sieg stehe seit der Auferstehung Christi fest. „Am Ende wird er dem Bösen ein Ende bereiten.“

Rosenkranz: „Du bist nicht, was dir passiert ist.“

Die Sängerin Déborah Rosenkranz berichtete, wie Gott ihr in schwerem Leid geholfen habe. Nachdem jemand eine beleidigende Äußerung über ihr Gewicht von sich gegeben habe, habe sie eine schwere Magersucht entwickelt. Nach Meinung ihrer Ärzte habe keine Aussicht auf Heilung mehr bestanden. Doch ihre gläubigen Eltern hätten zu ihr gehalten und für sie gebetet. Gott habe schließlich ihr Leben gerettet und ihr neuen Lebensmut geschenkt.

Als junge Erwachsene sei sie dann erneut in eine schwere Krise geraten, nachdem sie vergewaltigt worden sei. Nach der Tat habe sie sich schmutzig gefühlt und sich eingeredet, eine Mitschuld an dem Verbrechen zu haben. Doch einige Zeit später habe sie in einem Ostergottesdienst erfahren dürfen, dass „Jesus für unsere Schuld und für unsere Scham“ gekreuzigt worden sei. Damals habe sie erkannt: „Du bist nicht, was dir passiert ist.“ Unabhängig von den äußeren Umständen sei jeder Mensch von Gott geliebt. Diese Erkenntnis wolle sie jedem ans Herz legen, der anfange, an seinem eigenen Wert zu zweifeln.

Die Sängerin Déborah Rosenkranz. Foto: Die Apis/Gerd Kuschewitz

Landesbischof: Wohlergehen ist immer ein unverdientes Geschenk

Der württembergische Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl (Stuttgart) sprach über den Unfalltod seines Sohnes, der im Alter von drei Jahren gestorben ist. Seitdem sei er sich immer bewusst, so Gohl, dass es nicht selbstverständlich sei, wenn es ihm gutgehe. Wohlergehen sei immer ein unverdientes Geschenk Gottes. Zugleich habe Gott ihn auf dem Weg der Trauer begleitet. Um seinen Sohn mache er sich dabei keine Sorgen. „Er ist bei Gott gut aufgehoben.“

Der württembergische Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl. Foto: Die Apis/Gerd Kuschewitz

Hanßmann: Das Evangelium für Menschen ohne Bibelkenntnis verständlich erklären

Der Vorsitzende der „Apis“, Pfarrer Matthias Hanßmann (Horb am Neckar/Nordschwarzwald), sagte passend zum Tagesmotto („Heile Welt“), dass sein Verband mit der Aktion Hoffnungsland, dem Bildungs- und Sozialwerk des Verbandes, seit 2019 erste Schritte „zur Heilung der Welt“ in dem Wissen unternehme, dass Jesus selbst das Heil sei. Das müsse vielleicht nicht immer gleich mit der Bibel der Hand geschehen. Es könne sein, dass man zuerst zu den Menschen gehen solle, um ihnen zu helfen, „bevor das erste Wort über unseren Heiland Jesus Christus fällt“.

Die Fragen über den Glauben stellten die Menschen dann später nicht selten von selbst. Dann sei es allerdings wichtig, Auskunft über den Retter Jesus geben zu können. Dabei werde es in Zukunft verstärkt darauf ankommen, das Evangelium so zu kommunizieren, dass auch Menschen ohne Bibelkenntnis es verstünden.

Der Vorsitzende der „Apis“, Pfarrer Matthias Hanßmann. Foto: Die Apis/Gerd Kuschewitz

Als Christen nicht vorschnell über Menschen im Schwangerschaftskonflikt urteilen

Zugleich sei es ihm wichtig, so Hanßmann, Themen, die seinen Verband bewegten, „auf den Tisch“ zu bringen. Dazu zähle auch der Lebensrechtskongress „Leben.Würde“, der vom 21. bis 23. Oktober im Christlichen Gästezentrum Württemberg „Schönblick“ in Schwäbisch Gmünd stattgefunden hatte.

Die Apis seien wirklich dankbar, dass sie den „Schönblick“ hätten. Das Gästezentrum sei „ein Leuchtturm“. Mit Blick auf die Kritik an dem Kongress sagte Hanßmann, dass auch unter Christen in diesem Zusammenhang mal ein verletzendes Wort fallen könne. Deshalb mahnte er: „Wir können nicht auf der einen Seite das Leben schützen wollen und auf der anderen Seite mit unseren Worten töten.“ Wenn Menschen, so Hanßmann, „zu uns kommen, die einen Schwangerschaftsabbruch wollen, sollten wir nicht zu schnell über sie urteilen, sondern auf die Not hören“.Christen müssten so mit Menschen reden, dass sie durch ihre Worte „in die Gegenwart Jesu geführt“ würden.

Gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur IDEA ergänzte Hanßmann, dass er diese Aussagen mit Blick auf eine Pressemitteilung des synodalen Gesprächskreises „Offene Kirche“ getroffen habe. Darin hatte diese linksliberale Gruppierung innerhalb der württembergischen Landeskirche kritisiert, „dass auf diesem Kongress innerhalb eines konservativen Christentums deutliche Tendenzen hin zur Demokratiefeindschaft und gegen Prinzipien der offenen Gesellschaft erkennbar“ geworden seien.

Die „Apis“ sind mit ihrer Gemeinde- und Bildungsarbeit, ihrer Diakonie und ihren Freizeitangeboten an über 300 Orten in Württemberg und dem bayerischen Allgäu tätig. Der Verband ist Träger des Gästezentrums „Schönblick“ sowie der Aktion Hoffnungsland. Über 300 Mitarbeiter sind für das Gesamtwerk tätig. Mit seiner Arbeit erreicht der 1857 gegründete Verband heute jährlich über 100.000 Menschen. Ab 2023 soll das „Fest für alle Generationen“ von einem gemeinsamen Festival der „Apis“, der Aktion Hoffnungsland und dem „Schönblick“ im Juli abgelöst werden.

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