Bericht
Sexuelle Ausbeutung: Gegen das große Schweigen
04.05.2026

Mehr als 400 Menschen kamen zum Kongress „Freiheit 2026 – Gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung“ in Schwäbisch Gmünd. IDEA-Redakteurin Erika Weiss war dabei und berichtet.
Zum dritten Mal lud das Christliche Gästezentrum „Schönblick“ gemeinsam mit Partnern zu einem Kongress ein, um auf das drängende Thema Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung aufmerksam zu machen. Mit 400 Teilnehmern kamen so viele wie noch nie.
Der Erste Bürgermeister von Schwäbisch Gmünd, Christian Baron (CDU), verwies in seinem Grußwort auf seine frühere Tätigkeit in der Landesverwaltung im Landkreis Esslingen, wo er für das Prostituiertenschutzgesetz zuständig war: Die betroffenen Frauen seien psychisch gebrochen und könnten sich nicht mehr wehren. Bei Femiziden und häuslicher Gewalt gebe es mutige Stimmen – beim Thema Zwangsprostitution dagegen „fast gar keine“.

Eine Betroffene berichtet
Unter den 400 Teilnehmern waren Sozialarbeiter, Psychotherapeuten, Politiker, Wissenschaftler, Mitarbeiter aus Beratungsstellen – und Betroffene, die selbst in der Prostitution waren. Eine von ihnen: Nadine. Sie war jahrelang Opfer von Zwangsprostitution. Auf der Bühne erzählte sie ihre Geschichte: Schon als Baby wurde sie missbraucht, von der eigenen Familie und deren Bekannten. Später sei sie auf dem „Kinderstrich“ gelandet. Im Mädchenwohnheim lernte sie einen netten Nachbarn kennen, ihre „große Liebe“. Mit zwölf Jahren erkannte sie nicht, was er wirklich war: ihr Loverboy. Er schickte sie ins Bordell. Hinter ihm stand eine Rockergruppe.
Insgesamt 20 Jahre sei sie „bei denen drin“ gewesen. Manchmal musste sie 30 „Kunden“ am Tag bedienen. Gerettet hat sie am Ende eine Ärztin in einer Notaufnahme, die den Kontakt zu einem Schutzhaus vermittelte. An die Zuhörer gerichtet, sagte Nadine: „Schaut nicht weg. Bleibt dran. Auch wenn es manchmal schwierig ist. Und manchmal auch lange dauert. Es braucht Zeit. Aber bleibt dran. Es gibt Hoffnung. Und irgendwann klappt es.“
Die Kongress-Veranstalter
Veranstalter des dritten Kongresses waren neben dem Schönblick das Bündnis „Gemeinsam gegen Menschenhandel“, die Evangelische Allianz in Deutschland, die Organisationen „Mission Freedom“, „Aktion Hoffnungsland“ und „return“. Die Evangelische Nachrichtenagentur IDEA war Medienpartner. Der erste Kongress fand 2022 mit 330 Besuchern, der zweite 2024 mit 370 Teilnehmern statt.
Begegnungen in den Pausen
In den Pausen entstanden Gespräche. Sie waren fast genauso wichtig wie das, was vorne auf der Bühne gesagt wurde. Es war eine Mischung aus Betroffenheit, Entschlossenheit und stiller Wut spürbar.
Viele Teilnehmer sind Sozialarbeiter, einige arbeiten in einem Schutzhaus und gehen Woche für Woche in Bordelle. Man spürte ihnen ab, dass sie ein Herz für diese Frauen haben. Vor allem komme es auf die Beziehungsarbeit an. Vertrauen lasse sich nicht erzwingen, es wachse über Monate, manchmal Jahre: „Manchmal machen die Frauen einen Schritt vorwärts, aber vier Schritte rückwärts“, erzählt eine Streetworkerin aus Berlin. Was dann zähle: dranbleiben.

Der rote Faden: Das „Nordische Modell“
Wer einen roten Faden durch die vier Kongresstage suchte, fand ihn schnell: das sogenannte „Nordische Modell“, das die Entkriminalisierung Prostituierter bei gleichzeitiger Kriminalisierung von Freiern, Zuhältern und Bordellbetreibern vorsieht.
In einer Podiumsdiskussion saßen Vertreter aus SPD, Grünen, CDU und der Linken nebeneinander – und waren sich in dieser Sache einig: Sie sind für dieses Modell. Die Karlsruher Psychotherapeutin Brigitte Schmid-Hagenmeyer (SPD) schilderte aus traumatherapeutischer Praxis, wie regelmäßig sie beobachte, dass früh sexuell misshandelte oder schwer vernachlässigte Menschen später in der Prostitution landeten. Berührung durch eine nicht gewünschte Person löse „in jedem biologischen Körper Stress aus, körperlichen Stress und Widerwille, Ekel, Angst“ – ein Stress, der durch Dissoziation verdrängt werden müsse. Genau dies erkläre, warum Betroffene mitunter behaupteten, ihre Tätigkeit mache ihnen nichts aus.
Die Soziologin Uta Beyer vom Netzwerk „Linke für eine Welt ohne Prostitution“ stellte die Frage: „Was ist eigentlich mit diesen 1,2 Millionen Männern am Tag, die in diesem Land Prostitution nutzen?“
Eindrücklich war der Beitrag des ehemaligen Kriminalpolizisten und CDU-Landtagsabgeordneten Christian Gehring (Schorndorf): Filme wie „Pretty Woman“ verharmlosten eine brutale Realität. In einem Flatrate-Bordell im baden-württembergischen Fellbach sei mit dem Slogan „70 Euro, all you can fuck“ geworben worden. Er sei „kein hundertprozentiger Fan vom Nordischen Modell“ – kenne aber „nichts Besseres“.
Konkret wurde es durch eine Unterschriftenaktion an Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sowie an die Spitzen der baden-württembergischen Landespolitik, darunter Manuel Hagel (CDU) und Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen). Das Ziel: eine Bundesratsinitiative, „damit endlich das Nordische Modell diskutiert wird“, wie Kongressleiter Kuno Kallnbach es formulierte.

Wenn das Böse näher kommt
Zu den eindringlichsten Beiträgen gehörte der Vortrag der Psychotherapeutin Tabea Freitag, die seit 30 Jahren in der Praxis tätig ist. Sie beobachtet eine Zunahme von Kontrolle, Machtausübung, Isolation und Gewalt in Beziehungen und beschrieb drei typische Reaktionen auf das Böse: Erstens diene es als Unterhaltung in Thrillern und Computerspielen. Zweitens werde es weit weggeschoben – auf „die da oben“ wie Jeffrey Epstein oder „damals“ wie Hitler und Stalin. Wenn es „näher an uns“ herankomme, werde es drittens entschuldigt – etwa mit Verweis auf eine schwere Kindheit der Täter. „Es kommt kein einziges Mal in der Bibel vor, dass jemand des Unrechts und Bösen entschuldigt wird mit einer schlechten Kindheit“, so Freitag. Christen seien besonders gefährdet, Vergebung und Entschuldigen zu verwechseln.
Paradoxerweise werde bei Tätern häufig eine Krankheit wie Depression oder Sucht unterstellt, bei Opfern hingegen auf den freien Willen verwiesen. Hinter Zuhältern, Loverboys und Missbrauchstätern stehe meist eine narzisstische Persönlichkeitsstruktur, „das Gegenteil der Fähigkeit zu lieben“. Pornografie befördere eine asymmetrische Haltung zu Frauen als Objekten und eine narzisstische Anspruchshaltung: „Instant-Befriedigung, Ego-Sex, wann, wie, wo ich will.“
Im Umgang mit Tätern müsse Unrecht benannt werden: „Wir helfen niemandem, indem wir das entschuldigen und beschwichtigen.“

Was bleibt
An einem Abend schauten die Teilnehmer die Dokumentation „Raised on Porn“. Der Film beleuchtet, wie Pornografie zur neuen Sexualerziehung für Kinder geworden ist, und zeigt die gefährlichen, lebenslangen Folgen dieses weltweiten Phänomens. Die Veranstalter des Kongresses ermutigten die Teilnehmer, den Film zu teilen – auch in Jugendgruppen in Kirchen. Denn wenn Kirchen nicht über das Thema Pornografie reden, dann holen sich die Jugendlichen die Informationen aus der Welt.
Vier Tage „Schönblick“ – das waren Vorträge, Seminare, Podien, viele Gespräche. Und Geschichten wie die von Nadine, die sich einprägen. Was bleibt, ist der Eindruck eines Themas, das in der breiten Öffentlichkeit kaum vorkommt, hier aber von Hunderten mit großer Ernsthaftigkeit verhandelt wurde. Und die Hoffnung, dass die geduldige Beziehungsarbeit der Streetworker wirksam wird. Bürgermeister Baron hatte es auf den Punkt gebracht: Jeder einzelne Schritt in Richtung Freiheit ist ein wichtiger Schritt.
Raised on Porn
Der Film „Raised on Porn“ kann hier angeschaut werden: idea.de/pornografie
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