Nachruf
Früher war mehr Lametta …
07.11.2023

Umfragen zufolge ist er jahrelang Deutschlands beliebtester Schauspieler gewesen: Loriot. Am 12. November wäre er 100 Jahre alt geworden. Ein Beitrag von Helmut Matthies
Der graue November steht dieses Jahr ganz im Zeichen eines bunten Vogels, des Pirols, auf Französisch Loriot. Es ist das Wappentier der Familie von Bülow und deshalb der Künstlername für Deutschlands bekanntesten Humoristen: Vicco von Bülow.
Die ARD ehrt ihn mit einem großen Jubiläumsprogramm, Frankfurts Caricatura-Museum mit über 700 Zeichnungen. Seine Geburtsstadt Brandenburg an der Havel übertrifft alle – mit Filmen, Theateraufführungen und gleich zwei Ausstellungen (stadt-brandenburg.de/100-jahre-loriot).
Vicco von Bülow bringt bis heute mit Komödien wie „Pappa ante portas“ oder „Ödipussi“ sowie Sketchen die halbe Nation zum Lachen. Man braucht nur erwähnen: „Früher war mehr Lametta …“, und viele wissen sofort, von wem der Gag stammt.
Loriots großer Erfolg beruht auf harter Arbeit. Bei ihm musste jeder Blick, jede Geste, jedes Wort sitzen. Seine kongeniale Partnerin Evelyn Hamann trat für eine Szene 34-mal in einen Hundehaufen, bis sie zufällig wirkte.
Loriot prägte auch die von ihm geliebte deutsche Sprache. Wer angesichts ihrer Vielfalt meint, Anglizismen benutzen zu müssen, ist für ihn ungebildet. Der adelige Komödiant verstand sich stets als Preuße. Und so war er auch, denkt man an die positiven Eigenschaften: bescheiden, fleißig und pflichtbewusst.

Das Geheimnis einer glücklichen Ehe
Sein Humor ist feinsinnig und nie boshaft. Als in einem seiner Filme ein etwas aufgeblasener Theologe sich mit: „Ich bin der Pfarrer“ vorstellt, wischte die Antwort alle Eitelkeit weg: „Das macht doch nichts.“
Ein bei Hochzeiten oft gespielter Sketch unter dem Motto: „Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen“ soll manch langweilig gewordene Ehe charakterisieren.
Doch Loriot – selbst 60 Jahre mit einer Frau verheiratet – bietet eine Lösung an: „Eine glückliche Ehe ist eine, in der sie ein bisschen blind und er ein bisschen taub ist.“ Man sollte also einfach mal etwas übersehen oder überhören.
Zugang zu allen Beiträgen erhalten Sie mit IDEA+
AngeboteWas die Stasi zunächst nicht bemerkte
Sein Leben lang ist Loriot seiner Heimatstadt Brandenburg an der Havel treu geblieben und hat sie unterstützt – besonders ihre evangelischen Kirchen. Legendär ist eine spektakuläre Ausstellung 1985 im Dommuseum gewesen. Deren Leiterin, Gerda Arndt, hatte ihn einfach mal angefragt. Die Schau wurde als innerkirchliche Veranstaltung deklariert, so dass die Stasi zunächst nichts mitbekam.
Altbischof Albrecht Schönherr schaffte es, Bilder aus dem Westen einzuschleusen. 1.500 Bürger strömten in einer durchaus kritischen Phase der DDR-Diktatur in den Dom. Insgesamt sahen 28.000 die Ausstellung, die jetzt zum Jubiläum rekonstruiert wurde.

Er las die ganze Bibel durch
Danach besuchte Loriot regelmäßig die Havelstadt, die an allen Ecken an ihn erinnert, u. a. durch 27 an wichtigen Plätzen platzierte bronzene „Möpse“, eine von ihm geschaffene Kultfigur. Wichtig ist dem Ehrenbürger der Stadt seine Taufe am 30. Dezember 1923 in der St.-Gott-hardt-Kirche gewesen.
Als er im Alter von 85 Jahren vor der restaurierten Taufkapelle 2009 seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte, entschuldigte er sich zunächst, „dass keiner seiner acht Taufpaten erschienen sei“. Bei seinem 80. Geburtstag bekannte er, nun die Bibel „von der ersten bis zur letzten Seite“ gelesen zu haben. Diese „vielmonatige Arbeit“ nahm er auf sich, weil er da noch „eine Lücke zu füllen“ hatte.
In einem Interview, das einen Tag nach seinem Tod am 22. August 2011 in der „Süddeutschen Zeitung“ erschien, antwortete er auf die Frage: „Was kommt nach dem Tod?“: „Der Himmel, hoffe ich. Ich habe mir meinen Kinderglauben an den lieben Gott bewahrt.“ In einer ganzseitigen Traueranzeige eines Loriot-Fans in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung steht: „Lieber Gott, viel Spaß!“
Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
IDEA liefert Ihnen aktuelle Informationen und Meinungen aus der christlichen Welt. Mit einer Spende unterstützen Sie unsere Redakteure und unabhängigen Journalismus. Vielen Dank.



