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Bericht

„Du blickst in beschenkte Augen“

30.03.2022

Die Stimmung unter den Flüchtlingen ist vielfach bedrückend. (Symbolbild). Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jan Woitas
Die Stimmung unter den Flüchtlingen ist vielfach bedrückend. (Symbolbild). Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jan Woitas

Marion Koch brachte mit anderen Helfern ukrainische Flüchtlinge, darunter viele Menschen mit Behinderung, in ein Dorf am Rande des Schwarzwaldes. Die 58-jährige Krankenschwester ist die Mutter des Schauspielers Samuel Koch (34), der seit einem Unfall in der ZDF-Sendung „Wetten, dass..?“ querschnittsgelähmt ist. Sie schildert, warum sie den Menschen hilft.

Als wir Anfang März mit 38 Flüchtlingen in unseren Kleinbussen in Bamlach (Landkreis Lörrach) am Marienheim ankamen, warteten schon der Bürgermeister, meine Familie und Helfer auf uns. Die Fahrten aus der Ukraine hat Martina Köninger vom „Perspektivforum Behinderung“ organisiert. Ohne sie und die vielen Freiwilligen hätten wir den Kriegsflüchtlingen nicht helfen können. Das stillgelegte Haus des katholischen St.-Josef-Ordens in dem kleinen Ort hatten 100 Freiwillige tagelang geputzt. Sie haben Zimmer hergerichtet und Essen eingekauft.

Die Flüchtlinge stammen aus Kiew und der Ostukraine. Es sind Mütter mit Kindern, Ältere und Behinderte mit ihren Betreuern. Einige sind gelähmt und sitzen im Rollstuhl. Ein Mädchen ist Epileptikerin. Auf der rund 1.500 Kilometer langen Fahrt nach Baden-Württemberg hatte das Kind zehn Anfälle. Für sie ist es besonders schwer in der fremden Umgebung. Manche hatten bei ihrer Flucht nicht einmal einen Koffer mit Kleidung dabei. Vor allem packten sie Medikamente und Katheder ein. Die waren lebensnotwendig.

Gelähmte müssen regelmäßig umgelagert werden. Das hat wohl nicht jede Familie in der Ukraine gemacht, weshalb einige schlimme Druckstellen und offene Wunden hatten, die ich nun versorge. Zudem begleite ich sie zum Arzt oder ins Krankenhaus, besorge Rezepte und Medikamente und regele viel mit den Behörden. Mit einem Sprachprogramm auf dem Handy klappt die Verständigung einigermaßen: Ich spreche in das Telefon, und die App übersetzt. Das ist wunderbar.

Dieser Mann verlor nacheinander zwei Ehefrauen an Krebs. Jetzt verloren er und seine traumatisierte Tochter auch ihre Heimat. Foto:privat

Wie eine Schicksalsgemeinschaft

Die Stimmung unter den Flüchtlingen erlebe ich als bedrückend. Es herrscht ein „Leise-Sein“. Viele sind traumatisiert. Der Krieg ist schrecklich, aber behinderte Menschen und Kinder sind viel mehr auf Hilfe angewiesen. Die Gruppe ist wie eine Schicksalsgemeinschaft. Es ist bemerkenswert zu erleben: Trotz der eigenen Not lässt keiner den anderen allein.

Da ist beispielsweise ein Mann, der mit seiner Tochter hierherkam. Auf der Flucht bekam er eine schlimme Schuppenflechte. Seine Kopfhaut schälte sich extrem. Vor acht Jahren ist seine Frau an Krebs gestorben. Vor zwei Jahren starb auch seine zweite Frau an Krebs. Seine Tochter hatte durch den Tod der Mutter und Stiefmutter einen Schock erlitten. Jetzt kam noch die Flucht. Es ist furchtbar für die beiden. Aber der Mann ist solch ein liebevoller Vater, und er kümmert sich hier noch um die anderen.

Einige Flüchtlinge haben einen tiefen Glauben an Jesus. An einem Sonntag hat mein Mann Christoph mit der Gruppe das Abendmahl gefeiert. Und am Abend haben sie dann für uns gekocht: Kohlrouladen mit Reis und Schmand. Dann sitzt du zusammen und blickst in beschenkte Augen, die so dankbar sind für jede Kleinigkeit.

Marion und Christoph Koch mit geflüchteten Ukrainern. Foto: privat

In der Gemeinde vernachlässigt

Wie es mir selbst seelisch geht angesichts der Not? Darüber denke ich nicht nach: Erstens weil ich keine Zeit dafür habe und zweitens keine Lust. Mir fehlt die Muße, meine Seele zu betrachten. Ich tue, was ich kann und was Gott mir vor die Füße legt. Behinderte Menschen liegen mir am Herzen – nicht nur die Flüchtlinge. Mir scheint, dass in vielen Gemeinden Behinderte vernachlässigt werden. Sie haben oft keinen Platz. In Werbevideos für Gemeinden sieht man oft nur die smarten Menschen. Dabei waren Jesus gerade die Gelähmten wichtig! Er hat Blinde geheilt und Aussätzige berührt.

Ich will nicht anklagen: Habe ich früher einen Rollstuhlfahrer gesehen, dachte ich: „Ach, der arme Kerl.“ Aber ich habe nichts getan, dass er kein armer Kerl mehr ist. Durch Samuels Unfall haben sich meine Prioritäten verändert. Ich möchte gern Gemeinden und die Behindertenszene miteinander vernetzen und Menschen – auch den Flüchtlingen – helfen, versöhnt zu werden mit ihrem Schicksal, so dass sie Gott vertrauen.

Aufgezeichnet und gekürzt von IDEA-Redakteurin Romy Schneider

„Samuel Koch und Freunde“

Der Hilfsverein „Samuel Koch und Freunde“ (Efringen-Kirchen) hat gemeinsam mit dem „Perspektivforum Behinderung“ der Deutschen Evangelischen Allianz (Bad Blankenburg) seit Kriegsbeginn in drei Hilfskonvois rund 150 Ukrainer nach Deutschland und die Niederlande gebracht. Eine Gruppe nahm auch das Christliche Gästezentrum Württemberg „Schönblick“ in Schwäbisch Gmünd auf.

samuel-koch-und-freunde.de | 07628 941 610 perspektivforum-behinderung.ead.de | 036741 2424

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