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Bericht

Biblische Archäologie: Von der Kapelle zum Klo

03.06.2022

Über die Rampe (Bildhintergrund) gelangte man zum Haupttor der Stadt Lachisch. Im Vordergrund ist das Sechskammertor zu sehen. Foto: Igor Kreimermann/ Israel Antiquities Authority
Über die Rampe (Bildhintergrund) gelangte man zum Haupttor der Stadt Lachisch. Im Vordergrund ist das Sechskammertor zu sehen. Foto: Igor Kreimermann/ Israel Antiquities Authority

Welche Bedeutung ein in Lachisch gefundener Toilettenstein hat, beschreiben Andreas Späth und Pieter Gert van der Veen im Rahmen der IDEA-Serie „Biblische Archäologie“.

Lachisch war zur Zeit des Königs Hiskia (spätes 8. Jh. v. Chr.) eine der wichtigsten Festungsstädte Judas. Sie war u. a. durch ein Sechskammertor geschützt. Das Stadttor erreichte man nur über eine Rampe, die zur Stadt hinaufführte. Dann befand man sich auf einem kleinen Platz, einer Art Zwinger, wie man ihn von mittelalterlichen Burgen kennt. Auf das Haupttor folgte das Innentor – ein breiter, gedrungener Bau, in dem ausreichend Platz für Räumlichkeiten war. Links und rechts im Tordurchgang befanden sich jeweils drei Torkammern.

Es war nicht ungewöhnlich, in der Nähe des Eingangs zur Stadt Kultnischen mit sog. heiligen Steinen (mazzeben) zu haben. Auch in dieser Toranlage gab es eine Kultnische, die entweder einer nicht judäischen Gottheit geweiht oder im Rahmen einer entarten Form des Glaubens an Jahwe entstanden war.

Der zerstörte Altar mit dem Toilettenstein. Foto: Igor Kreimermann/ Israel Antiquities Authority

Was Archäologen fanden

Interessanterweise prangert auch der Prophet Micha, ein Zeitgenosse König Hiskias, in einem Drohwort das gottlose Benehmen der Einwohner von Lachisch an und fordert zur Flucht vor dem kommenden Unheil auf, wenn er von den „Übertretungen Israels“ (Micha 1,13) spricht. Vermutlich nimmt er dabei ebenso Bezug auf den drohenden Einmarsch des assyrischen Königs Sanherib, der tatsächlich Judas Städte verwüstete und Lachisch erfolgreich belagerte, wie auch auf den Götzendienst, der zum Untergang des Nordreiches Israels im Jahre 722 v. Chr. geführt hatte.

Bei einer jüngeren Ausgrabung fanden Archäologen in einer der Torkammern Lachischs einen Doppelaltar. Um ihn zu entweihen, hatte man seine Hörner abgeschlagen, und jemand hatte den selben Raum mit der Installation eines Toilettensteins zum Abort umfunktioniert. Anschließend war der Raum zugemauert worden.

Möglicherweise steht diese Handlung in Verbindung mit den religiösen Reformen König Hiskias. Als er seinem gottlosen Vater Ahas auf den Thron Judas nachfolgte, säuberte er das Land von heidnischen Praktiken, zerstörte die nicht konformen Kultstätten genauso wie das dazugehörende Kultgerät und ordnete an, dass die biblisch gebotenen Opfer und Feste wieder stattfinden sollten (2. Könige 18,4; 2. Chronik 29,3-36; 30,1).

Die für kultische Zwecke unbrauchbar gemachte und umfunktionierte Kultnische im Stadttor von Lachisch passt gut zu dieser Reform, die zur Zeit Hiskias stattfand. Die Vermauerung der Kultnische sollte zudem dazu führen, dass sie bald in Vergessenheit geriet.

Wenn diese Interpretation der Funde zutrifft, dann ist der Vorgang gut vergleichbar mit einem weiteren Vorfall, der sich etwa 125 Jahre vor Hiskia im Nordreich Israel unter König Jehu ereignet hatte. Damals rechnete dieser mit den Kultpraktiken von König Ahab, einem seiner Vorgänger, ab. Jehu ließ nicht nur die Baalspriester töten und zerstörte dessen Heiligtum, sondern er ließ daraus – wie in Lachisch – einen Abort machen (2. Könige 10,27).

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