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Kommentar

Auslieferung der Unschuld im Namen der Toleranz

25.08.2025

Beim Sommerfest „Queens & Flowers“ im Botanischen Garten Berlin boten Dragqueens Programm für Kinder an. Foto: Carl-Victor Wachs
Beim Sommerfest „Queens & Flowers“ im Botanischen Garten Berlin boten Dragqueens Programm für Kinder an. Foto: Carl-Victor Wachs

Beim Sommerfest „Queens & Flowers“ im Botanischen Garten Berlin boten Dragqueens Programm für Kinder an. Carl-Victor Wachs war vor Ort.

Die Welt dreht sich weiter. Und mit ihr die Gesellschaft, die ihre Werte und Rituale ständig neu aushandelt. Manche dieser Aushandlungen finden in den Räumen statt, in denen man sie nicht erwarten würde. Das Drag-Sommerfest „Queens & Flowers“ im Botanischen Garten Berlin am 23. August war ein solcher Ort.

Was auf den ersten Blick wie eine harmlos-bunte Veranstaltung wirkt, wirft bei näherer Betrachtung ernsthafte Fragen auf – vor allem, wenn sich die Grenzen von öffentlichem Raum, Kunst und Kindeswohl neu justieren. Der Botanische Garten, ein Ort der stillen Schönheit, wurde zur Kulisse.

Zur Bühne für eine Welt, die sich selbst inszeniert. Das ist nicht neu. Wir haben es schon in Kirchen und an anderen Orten gesehen, die traditionell der Kontemplation und dem Sakralen vorbehalten sind. Das Muster ist immer dasselbe: Ein etablierter, historisch aufgeladener Ort wird entkernt und als Projektionsfläche für aktivistische Anliegen oder Unterhaltung genutzt. Es ist die Verwechslung von Ort und Bühne.

Christen werden verunglimpft

Was für Erwachsene ein Unterhaltungsprogramm sein mag, bekommt eine andere Note, wenn es um das Angebot für Familien geht. Insbesondere die „beliebte Dragqueen-Reading-Hour“ für Kinder war ein programmatischer Akt, der die Grenzen zwischen Unterhaltung und Erziehung, zwischen Erwachsenenkultur und kindlicher Entwicklung verwischte. Wie das dann konkret aussah, konnte ich am Samstagnachmittag beobachten.

An einem der beiden Eingänge zum Park: einige Polizisten, eine kleine Gruppe Christen – Kreuze auf der Kleidung, die meisten mit Migrationshintergrund –, im kurzen und hitzigen Rededuell mit der „Ansprechperson Queeres Berlin“, Alfonso Pantisano.

Die Frage der Christen war so schlicht wie treffend: Es sei doch schön, dass jeder sich kleiden könne, wie er wolle, „aber müssen denn Kinder involviert werden?“ Eine Antwort blieb Pantisano schuldig. Ich sprach erst mit der kleinen Christen-Schar, wollte dann ein Ticket kaufen.

Plötzlich funktionierte das Kreditkartensystem nicht mehr, Wechselgeld war aus. Die Protestierenden und ich mussten draußen bleiben. Am anderen Eingang hatte ich mehr Glück. Im Park: eine kleine Bühne, kleine Kinder davor, die aufreizend und leicht bekleidete Draqueen warf Rosenblätter auf ein Mädchen, ihre sexualisierten Posen saßen.

Christen wurden zu Beginn der Show verunglimpft: „Wir sind keine Christen, Fundamentalisten oder Schwurbler – wir sind die Vielfalt.“ Der Widerspruch zwischen Christsein und Vielfalt wurde hier nicht nur fälschlicherweise behauptet, sondern gefeiert.

An einem der beiden Eingänge zum Park: einige Polizisten, eine kleine Gruppe Christen im kurzen und hitzigen Rededuell mit der „Ansprechperson Queeres Berlin“, Alfonso Pantisano. Foto: Carl-Victor Wachs

Es geht nicht darum, Drag als Kunstform zu verurteilen

„Drag“ ist eine Kunstform, die sich traditionell an ein erwachsenes Publikum richtet. Sie spielt mit Geschlechterrollen, Sexualität und Klischees – oft auf eine humorvolle, provokante Weise. Die Übertragung dieses Konzepts in den Kontext der frühkindlichen Bildung ist problematisch. Sie vermengt Themen, die Kinder noch nicht kognitiv einordnen können. Statt spielerischer Auseinandersetzung mit Identität wird eine spezifische, oft sexualisierte Ästhetik in den Raum des Kindlichen eingeführt.

Es geht nicht darum, Drag als Kunstform zu verurteilen. Jeder Mensch soll sich kleiden, ausdrücken und inszenieren können, wie er möchte. Die Herausforderung ist der Kontext. Der Botanische Garten, als Lern- und Erholungsort für alle, sollte seine Rolle als neutraler, schützender Raum bewahren.

Wenn aber die Grenze zwischen der erwachsenen Welt des Entertainments und der unschuldigen Welt der Kinder so bewusst überschritten wird, muss die Frage erlaubt sein: Dient das wirklich der Bildung der Kinder? Oder dient es der Selbstvergewisserung der Erwachsenen, die ihre eigene Moral, ihre eigenen Überzeugungen, in die nächste Generation projizieren wollen?

Staatlich legitimierte Frühsexualisierung der Kinder

Die Förderung des Events durch die öffentliche Hand, durch die Wirtschaftsförderung des Bezirks und die Senatsverwaltung, verleiht dem Ganzen eine offizielle Legitimation, die man kritisch sehen muss. Es ist eine staatlich legitimierte Frühsexualisierung der Kinder, eine staatlich subventionierte Übergriffigkeit, die eine spezielle Weltanschauung als Normalität etabliert. Wo bleibt die neutrale Haltung des Staates, der die Freiheit aller schützt und nicht eine spezifische Moral fördert?

Verirrung der Werte

Wir müssen vorsichtig sein, unsere Sehnsucht nach einer toleranten und diversen Gesellschaft nicht zu einem Dogma zu erheben, das jede andere Form der Normalität verdrängt. Wir sollten die institutionelle Großzügigkeit nicht so weit treiben, dass wir die Grundpfeiler unserer Kultur erodieren lassen.

Der Botanische Garten war einmal ein Ort der Wissenschaft und der stillen Erholung. Jetzt ist er ein Schauplatz der Moralisierung, in dem die Natur zur Kulisse für eine politische Performance wird. Das ist nicht nur eine Verwechslung der Räume, sondern auch eine Verirrung der Werte. Wer meint, Kinder mit Dragqueens „lesen zu lehren“, hat die Frage nach Erziehung, Moral und Kindeswohl noch nicht verstanden.

Der Publizist Carl-Victor Wachs leitet das Kommunikationsteam der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM). Nach einem Studium der Sprachwissenschaften in Cambridge und der Förderung durch das katholische Cusanuswerk arbeitete er zunächst im Deutschen Bundestag. Es folgten mehrere Jahre als Parlamentskorrespondent der BILD. Sein Interesse gilt dem Spannungsfeld zwischen Macht, Medien und Religion. Der Katholik ist verheiratet, hat eine Tochter und lebt in Berlin.

Der Publizist Carl-Victor Wachs (Jahrgang 1991) leitet das Kommunikationsteam der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM). Foto: Privat

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