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Antisemitismus auf der Kunstausstellung documenta

21.06.2022

Eine Frau mit israelischer Flagge steht vor dem teilweise verhülltem Großgemälde mit den umstrittenen Figuren des Kollektivs Taring Padi. Foto: Picture Alliance/Uwe Zucchi
Eine Frau mit israelischer Flagge steht vor dem teilweise verhülltem Großgemälde mit den umstrittenen Figuren des Kollektivs Taring Padi. Foto: Picture Alliance/Uwe Zucchi

Kassel (IDEA) – Zwei Tage nach dem offiziellen Start hat die Kunstausstellung „documenta fifteen“ in Kassel am 20. Juni ein umstrittenes Bild mit schwarzen Tüchern abgedeckt. Zuvor war Kritik laut geworden, ein Banner des indonesischen Künstlerkollektivs „Taring Padi“ bediene judenfeindliche Klischees. Zu sehen waren Juden als tierische Wesen mit Dracula-Zähnen, Schläfenlocken und SS-Rune am Hut. Ein anderer Bereich des Bildes zeigt ein Schwein mit Davidstern mit der Aufschrift „Mossad“. Das ist der israelische Geheimdienst.

Antisemitische Bildsprache

Hessens Kultusministerin Angela Dorn (Bündnis 90/Die Grünen) erklärte, die Bildsprache sei antisemitisch. Ähnlich äußerte sich Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen). Hier finde Kunstfreiheit ihre Grenze. Roth: „Die Menschenwürde, der Schutz gegen Antisemitismus wie auch gegen Rassismus und jede Form der Menschenfeindlichkeit sind die Grundlagen unseren Zusammenlebens.“

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster (Würzburg), sagte, eine rote Linie sei überschritten. Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinden München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, zeigte sich „entsetzt über den blanken Judenhass“ des Bildes. Der Berliner Verein „WerteInitiative – Jüdisch-deutsche Positionen“ sieht nach den Worten seines Vorsitzenden Elio Adler einen „absoluten Dammbruch“ und „offenen Judenhass“.

Anschuldigungen zurückgewiesen

„Taring Padi“ wies die Anschuldigungen zurück. In einer Stellungnahme heißt es: „Unsere Arbeiten enthalten keine Inhalte, die darauf abzielen, irgendwelche Bevölkerungsgruppen auf negative Weise darzustellen.“ Die Figuren und Karikaturen auf dem erstmals 2002 ausgestellten Banner seien „kulturspezifisch auf unsere Erfahrungen“ während der Militärdiktatur in Indonesien bezogen. Die Leitung der Kunstausstellung teilte anschließend mit, die Entscheidung, das Werk zu verhüllen, sei aber gemeinsam mit dem „Taring Padi“ gefallen. Alle Beteiligten bedauerten, dass Gefühle verletzt worden seien.

Die documenta-Generaldirektoron Sabine Schormann sagte, die Stadt Kassel habe im Vorfeld keine Kenntnis vom Inhalt des Banners gehabt. Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) kritisierte die „ganz offensichtlichen antisemitischen Abbildungen“ auf dem Banner. Zugleich warnte er als Aufsichtsratsvorsitzender der documenta GmbH, „jetzt die documenta fifteen unter Generalverdacht zu stellen“.

Weitere Bilder sind umstritten

Ebenfalls umstritten sind weitere Bilder an dem Standort WH22, einem Kulturzentrum am Hauptbahnhof. Zu sehen ist eine Bilderserie der palästinensischen Künstlergruppe „The Question of Funding“ (Die Frage der Finanzierung) mit dem Titel „Guernica Gaza“. Darin kombiniert der Künstler Mohammed Al Hawajri Bilder von Angriffen der israelischen Armee auf das Palästinensergebiet mit klassischen Motiven von Jean-Francois Millet (1814–1875), Eugène Delacroix (1798–1863), Marc Chagall (1887–1985) und Vincent van Gogh (1853–1890). Mit dem Titel der Serie stellt er eine Verbindung her zum Gemälde „Guernica“ des spanischen Malers Pablo Picasso (1881–1973), kommentiert die „Jüdische Allgemeine“. Es entstand 1937 als Reaktion auf die Zerstörung der spanischen Stadt Guernica durch einen Luftangriff der deutschen „Legion Condor“.

Bundespräsident: Keine Künstler aus Israel dabei

Bereits zur Eröffnung der Kunstausstellung kritisierte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Verantwortlichen für ihren Umgang mit Antisemitismus-Vorwürfen: „Es fällt auf, wenn auf dieser bedeutenden Ausstellung zeitgenössischer Kunst wohl keine jüdischen Künstlerinnen oder Künstler aus Israel vertreten sind.“ Er empfinde es als verstörend, dass sich Vertreter des „globalen Südens“ vermehrt weigerten, gemeinsam mit jüdischen Israelis an Veranstaltungen oder Festivals teilzunehmen. Steinmeier: „Die Freiheit der Meinung und die Freiheit der Kunst sind Wesenskern unserer Verfassung.“ Kritik an israelischer Politik sei erlaubt, „doch wo Kritik an Israel umschlägt in die Infragestellung seiner Existenz, ist die Grenze überschritten“.

Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sagte der „Bild am Sonntag“, es sei den Verantwortlichen der documenta nicht gelungen, die Antisemitismus-Vorwürfe in glaubwürdiger Weise auszuräumen. Um die Organisation der diesjährigen documenta kümmert sich das indonesische Künstlerkollektiv Ruangrupa (Raum der Kunst). Bereits im Vorfeld hatte es Kritik an der Auswahl der Künstler gegeben. Unter den 1.500 Personen sei kein Jude, aber dafür mehrere, die der Israel-Boykott-Bewegung nahestünden, kritisierte der Zentralrat der Juden.

Die „documenta fifteen“ dauert bis 25. September.

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