Ressorts
icon-logo

Interview

70 Jahre im Einsatz für verfolgte Christen

22.11.2025

Open Doors setzt sich weltweit für Christen ein, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden. Foto: Open Doors
Open Doors setzt sich weltweit für Christen ein, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden. Foto: Open Doors

Open Doors besteht seit 70 Jahren. Aus diesem Anlass hat IDEA den Leiter Markus Rode gebeten, zehn Fragen zum Engagement des überkonfessionellen Hilfswerks für verfolgte Christen zu beantworten.

IDEA: Open Doors feiert in diesem Jahr sein 70-jähriges Bestehen. In welchen Bereichen hat sich Open Doors seit der Gründung am meisten verändert?

Markus Rode: Open Doors begann als Ein-Mann-Dienst von Bruder Andrew, der Gottes Berufung umsetzte: „Werde wach und stärke das, was abzusterben droht“ (nach Offenbarung 3,2), ein Ruf zum Dienst an verfolgten Christen. Er reiste in die Länder des damaligen Ostblocks, besuchte Christen und brachte Bibeln hinter den Eisernen Vorhang. Heute sind wir als großes internationales Team in über 70 Ländern weltweit tätig. Die ursprüngliche Berufung setzen wir in einer großen Bandbreite von Projekten und darüber hinaus durch unsere umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit um. Standen anfangs besonders kommunistische Länder im Fokus, so konzentriert sich unser Dienst seit dem Fall des Eisernen Vorhangs zunehmend auf die Länder der islamischen Welt.

IDEA: Wie läuft die Projektarbeit konkret?

Rode: Das Wichtigste ist die enge Abstimmung mit den lokalen Christen und Gemeinden. Ihre Bedürfnisse bestimmen wesentlich die Art, wie wir helfen. Wir kooperieren je nach Erfordernissen mit Organisationen, die in bestimmten Fachgebieten oder geografischen Regionen bereits gute Arbeit leisten und den Leib Christi in Ländern mit starker Christenverfolgung dadurch stärken. Genaueres können wir aufgrund der Sicherheitsanforderungen leider nicht sagen, da unsere Netzwerke geheim bleiben müssen.

IDEA: Welchen Stellenwert hat das Thema Gebet im Vergleich zur konkreten Projektarbeit vor Ort?

Rode: Das lässt sich nicht voneinander abgrenzen. Gebet ist die wichtigste Hilfe, um die verfolgte Christen uns bitten. Gleichzeitig stellt es die Basis unserer Projekte dar: von der Planung bis zur Umsetzung. Der wichtigste Unterschied ist: Beten kann jeder von uns, die Projekte hingegen erfordern teils ein hohes Maß an Fachwissen und Einsatz, oft verbunden mit einigem Risiko. Unser Dienst ist nur möglich, weil viele Christen sich mit ihren verfolgten Glaubensgeschwistern verbunden fühlen und sie im Gebet tragen.

Trotz Verfolgung geben Christen ihren Glauben nicht auf. Foto: Open Doors

IDEA: Welches Projekt ist das längste, das bislang gelaufen ist?

Rode: Von Anfang an war die Versorgung verfolgter Christen mit Bibeln ein zentraler Bestandteil unseres Dienstes. Streng genommen handelt es sich hier um viele, viele Einzelprojekte, die wir immer wieder den Bedürfnissen und Möglichkeiten angepasst haben. Dadurch haben wir Kinderbibeln, Studienbibeln, Audiobibeln und Bibeln in digitaler Form zu den Christen gebracht oder daran gearbeitet – teilweise von der Erstellung über die Produktion bis zur Verteilung. Dahinter steht unsere Überzeugung, dass jeder Christ Gottes Wort braucht, damit sein Glaube sowohl äußerem Druck als auch Verführungen und Irrlehren standhalten kann.

IDEA: Was war das Ungewöhnlichste, was Open Doors bislang in der Projektarbeit gemacht hat?

Rode: Da gäbe es viele Beispiele. Das spektakulärste über das wir öffentlich berichten können, war vermutlich „Projekt Perle“: Der Schmuggel von einer Million Bibeln nach China auf dem Seeweg in der Nacht zum 18. Juni 1981. Mitarbeiter sprechen auch von der „Nacht der eine Million Wunder“. Damals war allein die enorme Dimension des Projektes eine riesige Glaubensherausforderung für die Beteiligten. Aber auch wenn es ein Kraftakt war, haben uns Gottes Treue und die Unterstützung vieler Christen dabei sehr ermutigt. Seitdem führen wir immer wieder große und nach menschlichem Ermessen „unmögliche“ Projekte durch.

IDEA: Wo haben Sie Gottes Eingreifen besonders erlebt?

Rode: In all dem Leid sind es oft kleine Begebenheiten im Leben einzelner Menschen, die mir Gottes Treue und seine Größe neu vor Augen führen. Das macht für mich die persönlichen Begegnungen mit verfolgten Geschwistern so unersetzlich. Es ist aber auch Gottes Versorgung über all die Jahre, seine Bewahrung bei riskanten Reisen oder Vorhaben wie beim Projekt Perle. Ich verweise gerne auf unser Video Format „Geschichten von Gottes Wirken“, das auf Bibel TV, YouTube und unserer Website zu sehen ist. Darin berichten langjährige und teils ehemalige Mitarbeiter in mittlerweile über 240 Folgen genau davon: wie Gott im Dienst von Open Doors gewirkt hat. Ich bin froh, dass viele Begebenheiten, die wir über Jahre geheim halten mussten, dort mit einigem zeitlichen Abstand weitergegeben werden können.

IDEA: Open Doors Deutschland hat im Jahr 2023 laut dem „Lobbyregister für die Interessenvertretung gegenüber dem Deutschen Bundestag und der Bundesregierung” 36,9 Millionen Euro ausgegeben. Davon flossen 23,3 Millionen in die Projektarbeit im Ausland. Hinzu kamen 8 Millionen für die „satzungsgemäße Kampagnen- und Öffentlichkeitsarbeit” und die Ausgaben für administrative Aktivitäten lagen bei 5,6 Millionen Euro. Warum sind die beiden letztgenannten Positionen so hoch?

Rode: Vielen Dank für diese Frage. Sie ermöglicht es zu erklären, warum gerade auch die Öffentlichkeitsarbeit einen so entscheidenden Anteil an dem Dienst für verfolgte Christen hat und eine ganz wichtige Investition ist. Als ich vor rund 22 Jahren in den Dienst von Open Doors eintrat, hatte ich in den Gemeinden, die ich von meiner Kindheit an seit Jahrzehnten besuchte, noch nie etwas von unseren verfolgten Geschwistern gehört. Ähnlich ging es auch Bruder Andrew vor 70 Jahren. Ich habe mich damals gefragt, wie das geändert werden kann. Denn ein Nicht-Wissen bedeutet gleichzeitig, dass niemand für verfolgte Christen betet oder sie unterstützt. Damals – das war im Jahr 2003 – hatte Open Doors Deutschland ein Jahresspendeneinkommen von gerade einmal etwas über 600.000 Euro. Bei meiner ersten Reise in den Irak während des dritten Golfkriegs hörte ich von den dortigen Christen, wie wichtig ihnen das Gebet anderer Christen ist. Daraufhin begann ich zu beten, dass Jesus unserem kleinen Team von damals zwei Mitarbeitern und einer Halbtagskraft dabei hilft, das Anliegen bekannt zu machen. Ich wollte, dass Christen überall in Deutschland von ihren verfolgten Geschwistern erfahren, sich mit ihrem Leid identifizieren und sie im Gebet unterstützen. Diese Bitte hat Gott erhört. Seitdem haben wir die Öffentlichkeitsarbeit kontinuierlich ausgeweitet. Als Frucht davon dürfen wir heute sehen, dass zahlreiche Gemeinden und Christen sich mit viel Liebe und Hingabe für verfolgte Christen engagieren. Dieser gemeinsame Einsatz hat heute bereits große Auswirkungen für unsere verfolgten Glaubensgeschwister. Auch in Zukunft möchten wir die Öffentlichkeitsarbeit ausweiten, denn die Verfolgung von Christen nimmt seit Jahren kontinuierlich zu. Das wird auch im Weltverfolgungsindex sichtbar, den wir jedes Jahr herausgeben. Durch ihn machen wir die 50 Länder bekannt, in denen Christen am härtesten verfolgt werden. Die Höhe unserer Verwaltungskosten liegt prozentual in einem guten Rahmen. Deshalb erhält Open Doors seit vielen Jahren das Spendensiegel der Evangelischen Allianz in Deutschland (EAD) für einen satzungsgemäßen und verantwortlichen Umgang mit den Spendengeldern. Was viele nicht wissen, ist, dass sich dieses Spendensiegel eng an den strengen Kriterien des DZI-Spendensiegels orientiert. Dieses zusätzliche Siegel würde nur weitere Kosten verursachen und wird nicht benötigt, um das Vertrauen der Spender zu rechtfertigen.

Open Doors Leiter, Markus Rode. Foto: Open Doors

IDEA: Ein Vergleich zeigt: Es hat bei allen Zahlen einen großen Anstieg gegeben: 2017 nahm Open Doors noch 19,6 Millionen Euro an Spenden ein. 4,6 Millionen Euro flossen in die Kampagnen- und Öffentlichkeitsarbeit und 1,8 Millionen Euro in administrative Tätigkeiten. Warum sind die Ausgaben im administrativen Bereich prozentual stark gestiegen – von 9,2 auf 15,2 Prozent?

Rode: Um das zu erklären, muss ich kurz auf die organisatorische Struktur unseres weltweiten Dienstes eingehen. Ich vergleiche diese Struktur immer mit einem Adler, der zwei Flügel hat. Der eine kümmert sich in derzeit 25 „freien“ Ländern um die Öffentlichkeitsarbeit. Der andere Flügel hat die Aufgabe, den verfolgten Christen in über 70 Ländern unmittelbar zu helfen. Dort können wir auf ein weites Netz von lokalen Partnern und Mitarbeitern zurückgreifen. Zusammen mit ihnen haben wir eine Infrastruktur aufgebaut, um verfolgten Christen auch in den entlegensten Orten zu helfen. Durch dieses Netzwerk können wir tausende Projekte umsetzen, die von den Spenden vieler Christen aus den „freien Ländern“ ermöglicht werden. Damit beide Flügel effektiv und harmonisch funktionieren, gibt es dazwischen eine globale Koordinationsstelle mit dem Namen „Open Doors International“. Hier arbeiten Mitarbeiter in den Bereichen Kommunikation, internationale Kampagnen, Weltverfolgungsindex, Finanzen, Sicherheit, IT, Personal und anderen Fachgebieten daran, dass die verschiedenen Bereiche des weltweiten Dienstes effektiv zusammenarbeiten und die größtmögliche Unterstützung für verfolgte Christen bereitstellen. Diesen wichtigen Dienstzweig unterstützt Open Doors Deutschland seit 2018 in größerem Umfang. Hinzu kommt, dass dieser Bereich aufgrund deutlich steigender Anforderungen beim Thema Sicherheit und Koordination der weltweiten Arbeit erweitert werden musste. Unsere Netzwerke, speziell im Bereich der Untergrundarbeit in Verfolgungsländern, mussten an die zunehmenden Restriktionen und Gefahren angepasst werden. Das erforderte größere Investitionen, u. a. in die IT-Sicherheit, und neue Kommunikationskanäle, um den zunehmenden Barrieren und Einschränkungen durch christenfeindliche Regime und extremistische Gruppen zu begegnen. Diese setzen inzwischen künstliche Intelligenz ein und haben ihre Bemühungen erheblich ausgeweitet, um unsere Netzwerke aufzuspüren. Die Durchführung von Projekten in Verfolgungsländern wird dadurch immer schwieriger.

IDEA: Warum weisen Sie diese Zahlen nicht im Bereich „Spenden“ auf Ihrer Webseite aus?

Rode: Die Frage nach der Veröffentlichung von mehr Zahlen und mehr Transparenz wird uns immer wieder gestellt. Ein wesentlicher Grund liegt darin, dass wir denen, die Christen verfolgen und aus unseren Informationen Rückschlüsse ziehen könnten, wenig Details unserer Arbeit geben wollen. Veröffentlichte Zahlen ohne detaillierte Erläuterungen führen unserer Erfahrung nach zudem zu mehr Nachfragen und Unsicherheit. Unser Dienst, der in vielen Ländern nur im Untergrund stattfinden kann, bringt es mit sich, dass wir viele Informationen zurückhalten müssen, um unsere verfolgten Geschwister sowie unsere Netzwerke zu schützen. Um unseren Spendern trotz dieser notwendigen Einschränkungen ein möglichst hohes Maß an Sicherheit über die satzungsgemäße Verwendung der uns anvertrauten Spenden zu geben, wird unser Jahresabschluss von einer der zwei weltweit renommiertesten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften geprüft. Zusätzlich sind wir seit vielen Jahren Träger des Spendensiegels der Evangelischen Allianz in Deutschland.

IDEA: Ein Jubiläum ist immer auch ein Anlass, nach vorne zu blicken: Welche Vision hat Open Doors für das nächste Jahrzehnt?

Rode: Angesichts einer weiteren Zunahme der Christenverfolgung in vielen Ländern dieser Welt wollen wir unserer Berufung weiterhin treu bleiben, die der Open-Doors-Gründer Bruder Andrew vor 70 Jahren in Warschau erhalten hat. Wir verstehen uns als Endzeitdienst, denn die Verfolgung von Christen wird noch weiter zunehmen, bis Jesus wiederkommt. Deshalb ist es so wichtig, dass wir als Glieder des Leibes Christi noch enger zusammenrücken, solange wir diese Möglichkeit haben. Die nächsten zehn Jahre werden uns als weltweite Gemeinde Jesu vor gewaltige Herausforderungen stellen. Das Engagement der Christen in Deutschland und vielen anderen Ländern wird enorme Auswirkungen auf das geistliche Überleben von vielen Millionen Christen in der Welt haben. Und nicht zuletzt ist unser gemeinsamer Einsatz für verfolgte Christen die beste Vorbereitung auf Verfolgung, die auch uns im Westen ereilen wird. In unserer Vision heißt es: „Christen engagieren sich weltweit für ihre am härtesten verfolgten Glaubensgeschwister und stärken sie, damit sie treue Zeugen von Jesus Christus in der Welt bleiben.“ Jesus hat uns alle berufen, unseren verfolgten Glaubensgeschwistern unerschütterlich zur Seite zu stehen. Darum vertrauen wir auf IHN, der uns auch weiterhin befähigen und alle nötigen Türen öffnen wird, damit wir unseren Auftrag bis zum Tag seiner Wiederkunft ausführen können. Dann wird sich jedes Knie vor Jesus beugen und jede Zunge wird bekennen, dass ER der Herr ist.

– Markus Rode hat die Fragen schriftlich beantwortet.

Open Doors in Zahlen

1.300 Mitarbeiter weltweit, davon 103 in Deutschland
25 Länderbüros
in 70 Ländern tätig
aktuell 2.458 Einzelprojekte

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

IDEA liefert Ihnen aktuelle Informationen und Meinungen aus der christlichen Welt. Mit einer Spende unterstützen Sie unsere Redakteure und unabhängigen Journalismus. Vielen Dank. 

Jetzt spenden.

4 Wochen IDEA Digital 8,95 Euro 1,00 Euro

Entdecken auch Sie das digitale Abo mit Zugang zu allen Artikeln auf idea.de