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„Dann können sie die Kranken nicht mehr heilen ...“

Der langjährige Dozent an der theologischen Hochschule in Kairo, Otto F. Meinardus, erzählt gerne von seinen Reisen. Die Semesterferien benützt er vor allem, das Land und das Leben der koptischen Kirche zu erforschen. Wie geht es den Menschen? Wie leben sie ihren Glauben? Wie feiern sie ihre Gottesdienste? Wie gehen die Priester den Menschen nach?

Er kommt in weit entlegene Dörfer, in denen seit vielen Jahrhunderten die Zeit stehen geblieben scheint. In einer Gemeinde stellt ihm der Dorfpriester stolz seine beiden Söhne vor. Was sie einmal werden sollen, fragt Otto F. Meinardus interessiert. Priester, lautet die Antwort. Sie sollen einmal Priester werden. Dann wirst Du sie wohl nach Kairo zur Ausbildung schicken, entgegnet der Professor. Nein, kommt die Antwort höflich, aber bestimmt. Nein, ich werde meine Söhne selbst ausbilden. Neugierig geworden fragt Meinardus zurück: Was hindert Sie denn, sie in die Hauptstadt zu schicken? Die Antwort kommt knapp und präzis: Wenn ich meine Söhne an die Hochschule schicke, dann wissen sie zwar viel mehr, als was ich ihnen beibringen kann. Aber sie können dann keine Kranken mehr heilen und auch keine Dämonen mehr austreiben. Was sollen sie dann in unseren Dörfern tun? Unsere Menschen haben kein Geld für Ärzte. Darum brauchen sie uns.

Was haben wir verloren?

Er sei, so erzählt Meinardus, in diesem Priester das erste Mal bewusst einer alten Kultur begegnet, die nie durch die großen abendländischen Umbrüche, die Renaissance, den Umbruch der Neuzeit und der Aufklärung, hindurch gegangen, ja die gleichsam in der Antike stehen geblieben sei. Keiner von uns in der westlichen Welt möchte dorthin zurück, schreibt er weiter. Wir halten unseren Fortschritt für einen großen Gewinn, was er sicherlich auch ist. Doch sehen wir auch dem Verlust in die Augen, den unser Fortschritt mit sich gebracht hat? Wir können in der Kirche die Kranken nicht mehr heilen und die Dämonen nicht mehr austreiben. War dieser Verlust wirklich nötig?

Was uns die Evangelien erzählen

Auch in unseren Kirchen ist die Frage nach der geistlichen Kraft, die Jesus der Kirche versprochen hat, nie wirklich verstummt. Und das mit Recht. Man halte es sich nur vor Augen, was und wie die Evangelien uns von Jesus erzählen. Der erste Tag seines Dienstes, ein Sabbat, ist vorbei. Mit ihm geht das Verbot der Arbeit zu Ende. Da schleppen die Menschen schon ihre Kranken aus allen verborgenen Kammern an, um sie zu Jesus zu bringen. Jesus muss eine gewaltige Ausstrahlung besessen haben, die vor allem die Kranken und Belasteten mit Hoffnung erfüllt hat. Und, so berichten die Evangelien übereinstimmend, diese Hoffnung war keineswegs vergeblich. Allen, die sich mit der Bitte um Heilung an Jesus wandten, hat Jesus geholfen. Bei keinem hat seine Kraft zur Heilung versagt.

Ein seltsamer Kontrast

Die Wirklichkeit unseres Gemeindelebens steht dazu in einem seltsamen Kontrast. Noch seltsamer ist, dass uns dieser Kontrast kaum noch bewusst wird. Wir haben dieselbe Botschaft wie Jesus. Wir erzählen in unseren Gottesdiensten die Geschichten, die uns von ihm überliefert sind. Wir glauben an seine Gegenwart unter uns. Doch wann erwecken diese Geschichten noch Hoffnung auf Heilung? Kranke gab es nicht nur zur Zeit Jesu. Sie gibt es bis heute. Würden sie alle zu unseren Kirchen kommen wie damals zu Jesus, dann wären unsere großen Kirchen wahrscheinlich zu klein dafür. Doch sie kommen nicht. Woran liegt das? Sind wir nicht eher peinlich von jemandem berührt, der auf seine eigene Heilung oder auf die eines nahen Menschen zu hoffen und darum zu beten beginnt? Häng Deine Hoffnung nicht zu hoch, sagen oder denken wir, damit Enttäuschung nicht zu groß wird.

Der Auftrag der Kirche

In diesem Zusammenhang bewegt mich eine einfache Feststellung. Unsere Kirche beruft sich für ihren Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums auf die Sendung Jesu bzw. auf die Aussendung der Jünger durch Jesus. Wenn man diese biblischen Abschnitte jedoch liest, dann entdeckt man: Sie handeln alle davon, dass es bei diesem Auftrag um zwei Schwerpunkte geht, nämlich um Verkündigung und um Heilung. Dass Gott unter uns da ist, das soll durch Taten der Heilung, der Hilfe deutlich und durch unsere Verkündigung angesagt werden. So war das von Jesus gemeint. Und so war es nicht nur in der ersten Zeit der Kirche Wirklichkeit. Auch wenn es manchmal nur ein kleines Rinnsal war, so hat es in unseren Kirchen immer solche Heilungen durch die erbetene und geglaubte Gegenwart Jesu gegeben. Es ist gut, wenn da und dort solche Hoffnung wieder aufbricht: bei einzelnen Menschen, in kleinen Kreisen, ja in Gottesdiensten, die dem Wachsen solcher Hoffnung Raum geben.

Damit man in dieser Richtung gute Schritte wagen kann, ist eine dreifache Vergewisserung hilfreich.

Heilung ist Gottes Thema

Als Gott uns Menschen schuf, da meinte er unsere Ganzheit, nicht unser Defizit. Was wir sind, das hat Gott zunächst in seinem eigenen Herzen geschaut, und zwar als vollkommenes Bild. Das sollten wir also werden. Wie? Im Psalm 103 erinnern wir uns, dass Gott „alle deine Schuld vergibt und heilet alle deine Gebrechen.“ Heilung also ist, noch lange bevor es zum Thema unseres Lebens wird, Gottes Thema. Die großen Propheten stimmen ein. Wenn Gottes gute Herrschaft einmal anbricht, dann wird das eine Zeit der Heilung sein: Die Blinden sehen, die Lahmen gehen, den Tauben wird das Gehör geschenkt ... In immer neuen Bildern wird diese Zeit beschrieben. Sie alle aber haben mit Heilung zu tun. Wer sich also vom Gott der Bibel bei der Hand nehmen lässt um bei ihm zu lernen, was Hoffnung heißt, der erfährt: Heilung ist das große Thema Gottes. 

Heilung war Dienst Jesu

Dasselbe trifft für die Wirksamkeit Jesu zu. Mit dem ersten Tag seiner Wirksamkeit begann es. Wohin er kam, da brach die Hoffnung auf Heilung aus, weil Gottes Kraft der kommenden Welt mit ihm war.

Heilung war Wirklichkeit der Kirche

In einem viel höheren Maß, als wir es wahrhaben, gehörten Heilungen zum Weg der Kirche, zum Weg des Evangeliums. Als eines von vielen Beispielen: Der späteste Abschnitt des Neuen Testamentes (Markus 16,9-20) erzählt in der Rückschau von der ersten Zeit der Geschichte unserer Kirche. Jesus habe ihnen konkrete Zeichen versprochen, die den Weg des Glaubens begleiten werden: „... Kranken werden sie die Hände auflegen und sie werden genesen“, um daraufhin zu bestätigen: „Sie aber zogen aus und predigten überall, indem der Herr mitwirkte und das Wort durch die begleitenden Zeichen bestätigte.“

Räume der Hoffnung

Es tut unserer Kirche gut, wenn da und dort Menschen, Gruppen und Gemeinden Räume der Hoffnung schaffen, in denen Gott wirken kann. Begründet wird unsere Hoffnung dadurch, dass Heilung – noch lange, bevor es unser Thema wird – Thema Gottes ist, Auftrag Jesu war, Auftrag der Kirche ist. Wenn wir das lange vergessen haben, dann haben wir es halt jetzt langsam und sorgsam wieder zu lernen. Keiner von uns kann heilen. Hoffen und beten, das aber können wir.

Ein Bub besucht die Sonntagschule, nimmt die Geschichten Jesu tief in sich auf. Dann erkrankt er schwer. Seine Eltern gehören zu einer geistlichen Bewegung in der Gemeinde und erfahren, dass viele Menschen zu beten beginnen. Die Idee taucht auf, in einem kleinen Kreis direkt mit dem Buben zu beten. Die Eltern verstehen das, der Bub auch. Der Pfarrer hat Bedenken: Was wird geschehen, wenn die Hoffnung zu groß und dann doch enttäuscht wird? Wie soll man das nur machen: zur Hoffnung ermuntern und doch einer Enttäuschung vorbeugen?! Bevor die Beteiligten beten, reden sie darüber. Da sagt der Bub: Ich weiß. Jesus hat nicht alle geheilt. Aber wenn er durch ein Dorf ging, dann konnten sie alle zu ihm bringen. Und denen hat er dann geholfen. Wenn Jesus jetzt bei uns vorbei kommt, dann wird er auch mich heilen.

Später haben die Eltern bezeugt: Jesus war an diesem Abend in diesem Kreis vorbei gekommen.

Dr. theol. Wolfgang J. Bittner, Eisenhüttenstadt, Studienleiter der Fritz Blanke Gesellschaft (Zürich), Beauftragter für Spiritualität der Ev. Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausnitz, Publizist, Referent und Meditationsleiter, Mitglied der Ev. Geschwisterschaft Koinonia.




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