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Caring im Zeitalter mechanischer Dienstleistungen

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Eines der wichtigsten Wesensmerkmale eines guten Arztes ist die Empathie. Auch muss er seinen Patienten Hoffnung vermitteln können und eine gewisse Stärke ausstrahlen, um bei den Kranken positive Ressourcen zu wecken. Im Folgenden stellt die Autorin ihre sehr persönliche Sichtweise zur Aufgabe des Arztes und seiner ethischen Verankerung dar.

Die Fürsorge für einen Patienten, ihn ganzheitlich zu betreuen, gilt Vielen als die eigentliche Berufung des Arztes. Im Englischen wird dies mit dem Begriff „Caring" (liebendes Sorgen) ausgedrückt. Durch die neuere medizinische und gesellschaftliche Entwicklung ist dieses Ziel unseres Berufes in Gefahr geraten, verfehlt zu werden. Denn wie kann dieses „Caring" im Alltag verwirklicht werden, während der Arzt im Schraubstock der Ökonomie steckt, unter unzumutbaren Arbeitsbelastungen, langen Arbeitszeiten, einer nicht leistungsgerechten Bezahlung sowie einer wuchernden Bürokratie leiden muss?

Zweiklassenmedizin und Geschäftsmodell „Arztpraxis"

Ein Vorstandsvorsitzender einer großen deutschen Krankenhauskette stellte bei einem Kongress die Frage: „Bedeutet nicht ein künstliches Hüftgelenk für den 60-Jährigen die gleiche Mobilität wie ein Moped für den 16-Jährigen?" Ist also ein künstliches Hüftgelenk für den 60-Jährigen ein Luxus? Soll sich nur derjenige Patient dieses in unserer Zweiklassenmedizin leisten, der die Erhöhung seiner Lebensqualität auch selbst bezahlen kann? Auf die durch eine Hüftarthrose bedingten starken Schmerzen wird dabei keine Rücksicht mehr genommen.

Andererseits heißt das aber auch: Der Arzt wird zum Unternehmer, der Patient zum Kunden. Der frühere Bundespräsident Rau bemerkte zu dieser Problemlage in seiner Rede zum 107. deutschen Ärztetag in Bremen: „Gesundheit ist ein hohes Gut, aber sie ist keine Ware. Ärzte sind keine Anbieter, und Patienten sind keine Kunden. Ich halte nichts davon, unser ganzes Leben in Begriffe der Betriebswirtschaft zu pressen."

Die der Wirtschaftssprache entnommenen neuen Begriffe im Gesundheitswesen werden dem historisch gewachsenen Anspruch an das Arztsein nicht gerecht. So entstanden z.B. die ersten Hospitäler im Mittelalter auf der Grundlage der Nächstenliebe, aus der sich der christlich geprägte Gedanke der Caritas entwickelte (Matthäus 25,36 und 40). Diese Einrichtungen leisteten einen unverzichtbaren Beitrag kommunaler Sozialfürsorge und wurden im Laufe der Entwicklung mit der sozial-politischen Verantwortung der Kommunen verbunden.

Medizin und Ethik

Ethische Fragen haben die Entwicklung der Medizin seit ihren Anfängen begleitet. Vom hippokratischen Eid über die Deklarationen von Helsinki und Tokio galt das Ziel: „Der Arzt will nützen und sollte nicht schaden." Wechselnde Akzentuierungen zeigen sich auf diesem Weg.

Paracelsus betont zusätzlich:

„Der größte Grund der Arznei ist die Liebe ..., denn die Liebe ist die, die die Kunst lehret, und außerhalb derselben wird kein Arzt geboren." Am eindrucksvollsten ist die Wandlung von der hippokratischen Beschränkung ärztlicher Hilfeleistung auf heilbare Krankheiten zur christlichen Misericordia, der barmherzigen Pflege des unheilbar Kranken.

Empathie

Eines der wichtigsten Wesensmerkmale einer an christlichen Werten orientierten Medizin ist die Empathie. In Lukas 10,33-35 lesen wir von dem barmherzigen Samariter, den es jammerte, als er unter die Räuber Gefallenen sah. Der barmherzige Samariter sollte ein Spiegel eines an christlichen Werten orientierten Arztes sein, der sich ganzheitlich um den Patienten sorgt. Der Patient muss dies spüren.

Hoffnung

Außerdem muss der Arzt Optimismus und Hoffnung ausstrahlen. Im Idealfall sollte sich der Patient besser fühlen, "getröstet sein", wenn er den Arzt gesehen hat. Optimismus und Hoffnung sind Imperative, selbst bei schwierigen unheilbar Kranken. Dabei dürfen wir natürlich nicht die Realität aus den Augen verlieren oder gegenüber dem Patienten aufgesetzten Frohsinn heucheln. Er spürt es, wenn wir bei einem Aufklärungsgespräch die Wahrheit sagen.

Ehrlichkeit

Weiterhin ist heute mehr denn je die Ehrlichkeit vor sich selbst, vor Gott, vor den Kollegen sowie vor den Patienten gefordert. Wie viel Unrecht und Unheil ist aufgrund menschlicher Eitelkeit in der Medizin geschehen und geschieht noch.

Heiterkeit

Eine praktische Hilfe kann auch im Arbeitsalltag der Humor sein. Dabei handelt es sich nicht um den Galgenhumor, sondern um jene Heiterkeit und Freude, die von innen her auf den Patienten ausstrahlt, ansteckend wirkt und seine Selbstheilungskräfte aktiviert. Eine Tafel an der St. George Church in Montreal deutet dies an: "Serenity is not freedom from the storm, but peace inmidst the storm." Gelassene Heiterkeit ist nicht Freiheit von Sturm, sondern Friede inmitten des Sturms.) Diesen Frieden und diese Heiterkeit sollte der an christlichen Werten orientierte Arzt in der Routine des Alltags ebenso ausstrahlen wie in schwierigsten lebensbedrohlichen Situationen.

Mut

Ein weiteres Merkmal, das im alltäglichen Leben immer mehr an Bedeutung gewinnt, ist der Mut: gegenüber den Krankenkassen, den kassenärztlichen Vereinigungen, den Vorgesetzten, dem Team, der Standesvertretung, den Politikern. Ein mutiges Wort zur rechten Zeit am rechten Ort gesprochen, vorbereitet im Gebet, kann im Arbeitsalltag Wunder vollbringen. Doch der überlastete Arzt ist gefährdet, sich aus Feigheit, Bequemlichkeit und Übermüdung angepasst zu verhalten.

Fazit

Unsere christlichen medizinisch-ethischen Wertvorstellungen stehen derzeit auf dem Prüfstand. Wir sind besonders aufgerufen, dem Vertrauensverlust zum Arzt als Helfer und Heiler zu begegnen. Hierzu dient unsere geistliche Reflexion im Gebet und in der Gemeinschaft. Wenn diese aus Zeitgründen und Existenzsorgen vernachlässigt werden, kann eine spirituelle Unterernährung, ein geistlicher Notstand entstehen. Dies ist eine Situation, in der wir nicht gut überlegen und arbeiten können.

Wie kann ein Arzt heute nach christlichen Werten arbeiten?

Will sich ein Arzt bei seiner Arbeit heute an christlichen Werten orientieren, muss er sich als starke, mutige Persönlichkeit begreifen, um gesellschaftlichen Forderungen und Auswüchsen sowie den schwierigen ethischen Fragen angemessen begegnen zu können.

Dabei benötigen christliche Werte in der Medizin ebenso wie in anderen Bereichen die persönliche Rückbindung (re-ligio) an Gott und seinen Christus. Eine wesentliche Hilfe, um immer wieder neue Kraft zu erhalten, ist das Gebet. „Prayer is an attitude“ – eine Grundhaltung des an christlichen Werten orientierten Arztes, immer und überall möglich. Aus diesem Gebet heraus entspringt auch ein wesentliches Merkmal für den Arzt, das „Commitment“, oder die Hingabe an den Beruf und an den leidenden Menschen.

Die Krise als Chance nutzen

Ich sehe unsere Aufgabe darin zusammenzufügen, was zusammengehört: Glaube und Leben, Gott und die Welt, Christsein und Medizin trotz immer härter werdenden Lebenssituationen. Meine Frage ist nicht: Hat die christliche Ethik noch eine Chance in der Medizin? Die Frage ist vielmehr: Hat die Medizin noch eine Überlebenschance ohne die christliche Ethik?

Wir müssen die gegenwärtige Krise als Chance nutzen, indem wir uns zurückbesinnen auf die Macht und die Möglichkeiten des Gebets, der Fürbitte füreinander. Indem wir uns gegenseitig ermuntern, an unseren Arbeitsplätzen, so verschieden sie auch sein mögen, wollen wir Licht und Salz sein und an den gegenwärtigen Veränderungen mutig mitwirken.

Prof. Dr. med. Inge Scharrer, Professorin für Hämophilieforschung an der Universitätsklinik Mainz, em. Professorin für Hämophilie am Uniklinikum Frankfurt/M. Vorsitzende der Deutschen Hämophilie-Gesellschaft (bis 2004), Vorsitzende des Arbeitskreises Christlicher Mediziner (ACM), Gründerin der Christlichen Aids-Hilfe Frankfurt/M. Trägerin des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse und des Kronenkreuzes in Gold des Diakonischen Werkes.




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