Debatte
14. August 2014

Vergeuden sozial Schwache das Betreuungsgeld?

Die katholische Publizistin Birgit Kelle. Foto: kwerk.eu
Die katholische Publizistin Birgit Kelle. Foto: kwerk.eu

Berlin (idea) – Um das Betreuungsgeld ist eine neue Kontroverse entbrannt. Die oft als „Herdprämie“ denunzierte Sozialleistung können Familien erhalten, die ihre Kinder im zweiten und dritten Lebensjahr ohne Inanspruchnahme öffentlicher Angebote wie etwa Kindertagesstätten erziehen. Das im vorigen Jahr eingeführte Betreuungsgeld beträgt ab dem 1. August 150 Euro pro Monat. Im ersten Quartal 2014 kamen knapp 146.000 Kinder in den Genuss dieser Leistung. Vor allem SPD und Grüne kritisieren sie jedoch als „falschen Anreiz“. Angeblich nutzen das Betreuungsgeld überproportional viele Migranten und bildungsferne Eltern, anstatt ihre Kinder in institutionelle Betreuung zu geben. Ihnen wird damit unterstellt, dass sie das Geld nicht in die Erziehung und Bildung ihrer Kinder investieren. Damit würden ihnen Entwicklungschancen vorenthalten. Die Hamburger SPD klagt vor dem Bundesverfassungsgericht gegen das Betreuungsgeld.

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Falsche Zahlen veröffentlicht

Als Beleg für die angeblichen „falschen Anreize“ wurde in vielen Medien eine Umfrage des Deutschen Jugendinstituts und der Universität Dortmund zitiert, bei der mehr als 100.000 Paare mit Kindern unter drei Jahren befragt wurden. Verschwiegen wurde, dass die Studie noch vor Einführung des Betreuungsgeldes durchgeführt und teilweise falsche Zahlen veröffentlicht wurden. So hieß es im ursprünglichen Text der Wissenschaftler, 54 Prozent der Eltern, die keinen Bildungsabschluss oder höchstens einen Hauptschulabschluss haben, gäben das Betreuungsgeld als Grund an, warum sie ihre Kinder nicht in eine Kindertagesstätte schicken. In Wahrheit waren es nur 31 Prozent bei Eltern ohne Bildungsabschluss und 23 Prozent bei jenen mit Hauptschulabschluss.

Bundestagsvizepräsident: Eltern nicht diskriminieren

Bundestagsvizepräsident Johannes Singhammer (CSU) verteidigte in einem Interview mit der Evangelischen Nachrichtenagentur idea das Betreuungsgeld. Ihm liege die Wahlfreiheit der Eltern zugrunde, wie sie ihre Kinder in den ersten drei Lebensjahren erziehen wollten. Beim Betreuungsgeld geht es um die Phase nach den ersten zwölf Monaten. Neue Studien zeigten, dass es sehr wichtig sei, dass Eltern nicht diskriminiert werden, egal für welche Form der Kindererziehung sie sich entscheiden, sagte Singhammer.

Publizistin: Kleinkinder brauchen vor allem Liebe

Die katholische Publizistin Birgit Kelle, Vorsitzende des Vereins „Frau 2000plus“ (Kempen/Niederrhein), kritisiert eine „plumpe öffentliche Stimmungsmache“ gegen das Betreuungsgeld. Sie sieht darin unter anderem eine Diskriminierung von Migranten und „Bildungsfernen“ und wundert sich über den Gedankengang, dass eine soziale Leistung abgeschafft werden solle, weil vor allem sozial Schwache sie nutzen. Doch sei das Misstrauen gegenüber Eltern, die ihre Kleinkinder selbst betreuen, viel weiter verbreitet. Gleichwohl zeigten alle Studien, dass es das deutsche Bildungssystem nicht schaffe, soziale Unterschiede auszugleichen. In dieses mangelhafte System sollten Kinder ab dem ersten Lebensjahr „gepresst“ werden, schreibt Kelle in „Focus-Online“. So werde seit Jahren über den Personalmangel in Kinderkrippen geklagt. Erzieherinnen seien in der Regel völlig überlastet. Babys und kleine Kinder brauchten keine „frühkindliche Bildung in öffentlichen Einrichtungen, sondern „das einzige, was kein Geld der Welt kaufen kann: Liebe“, schreibt Kelle. Die 39-Jährige ist Mutter von vier Kindern.

13 Kommentare

solrexvor 197 Tagen

Geldverschwendung? Dieser Vorwurf ist eine infame Beleidigung der Eltern, die das Geld für die Unterbringung in einer Kita nicht aufbringen können, oder ihre Kinder so wie es eigentlich "normal und natürlich" ist, selbst zuhause erziehen und beaufsichtigen. Was in den Kitas mit meist überlasteten jungen Erzieherinnen, die selbst keine Kinder haben so abläuft, ist der wahre Skandal. Anscheinend geht es den Politikern darum, unsere Kinder mit kruden Ideen weiterhin indoktrinieren zu können.

Nehemiavor 200 Tagen

@namlob: "Wohl weil sie in Kindergärten sozialisiert wurden." Ja, wie die anderen Kinder auch. Also kein Argument von Ihnen.

kaempfer2000vor 201 Tagen

Ich meine auch, dass der Kommentar von Frau Große den Nagel auf den Kopf trifft. Es geht gewiß nicht ums Geld. 150€ p.M. sind eher viel zu wenig, um die Erziehungsarbeit der Eltern zu würdigen, auch im Vergleich zur Förderung der Krippenplätze. Es geht um die Erziehungshoheit über unsere Kinder. Sie sollen brave, gegenderte Konsumenten mit möglichst großen materiellen Bedürfnissen werden. Die Eltern werden geschickt in der Notwendigkeit Geld zu verdienen gefangengehalten.

namlob1vor 201 Tagen

@Nehemia: Wohl weil sie in Kindergärten sozialisiert wurden.

solrexvor 202 Tagen

@namlob1: Ich denke, Sie verkennen die Lage! Sie schreiben von einer Familie mit 4-5 Kindern. Das ist doch utopisch. Werden doch gerade diese Familien als asozial bezeichnet und überall diskrimiert. Die Löhne erlauben leider den meisten Familien nicht, allein mit einem Lohnempfänger ihre Existenz zu sichern. Das ist doch gewollt. Wie gerade mit gläubigen Familien umgesprungen wird, die ihre Kinder vor der verqueren Sexualerziehung schützen wollen ist ja zur Genüge bekannt. Sie sehen das gesamte Problem doch etwas einseitig!

Nehemiavor 202 Tagen

@namlob1: Stimmt laut Forschung nicht. Einzelkinder sind nachweislich sozialer eingestellt als Kinder aus Großfamilien.

milanvor 202 Tagen

Danke, Frau Große.

namlob1vor 203 Tagen

@Solrex: Nicht die "links/grünen Weltverbesserer" höhlen die Familie aus sondern die "Durchschnittseltern". In Kleinfamilien mit ein/zwei Kindern können sich die Kinder nicht "normal" entwickeln. In Familien mit vier/fünf Kindern "erziehen" sich die Kinder gegenseitig, lernen die Kinder in einer Gemeischaft zu leben und für einander Verantwortung zu übernehmen.

Johannes Hardtvor 203 Tagen

@ namlob1: Nur eines: auch in kirchlichen KIndergärten sind muslimische Kinder. Die Kinder unserer Nachbarn besuchten einen kirchlichen Kindergarten. Aber sicher nicht ganz klein. Es ist eine nette gebildete Familie. Und in noch einem Teil verstehe ich das Geschrei von rot-grün nicht: es gibt doch gar nicht genug Kitaplätze. Es ist doch ganz klar, der Staat will die Kinder schon mal in die "richtige Richtung" bringen wie in der DDR. Eltern müssen einfach entscheiden können. Es ist ja auch klar, dass Eltern mit hoher Ausbildung und gut bezahltem Arbeitsplatz vielleicht eher ihre Kinder in die Kita geben. Ist das aber nun zum Wohl der Kinder? Es ist ja keine Frage, dass Kinder von einem bestimmten Alter an gut in einem Kindergarten aufgehoben sind. Aber auch das ist leider nicht immer der Fall. Könnte da ein Lied von singen. Unser jüngster Sohn war erst mit 4 Jahren überhaupt bereit, sich in solch einen Kindergarten zu begeben. Da wir evangelisch sind, sollte er den ev. besuchen. Aber da war nur Chaos, gerade die antiautoritäre Welle. Jeden Tag kam der Krankenwagen, weil Kinder sich verletzten. Also besuchte unser Sohn dann einen r.k. Kindergarten. Er war dort vom ersten Tag an glücklich. Die Leiterin, eine Nonne, hatte Montesorieausbildung und alles dort war perfekt für die Kinder.

Großevor 203 Tagen

Als Mutter bin ich noch zu DDR-Zeiten mit unseren Kindern bis zum Schulbeginn zu Hause geblieben. Der Grund: Wir hatten keine Kinder bekommen, um sie - wie zu dieser Zeit üblich - mit wenigen Wochen in (sozialistische) Fremdbetreuung zu geben. Außerdem kannten wir es beide selbst als Kinder nicht anders, da unsere Mütter ein reichliches Jahrzehnt "nur Hausfrauen und Mütter" waren. Dass wir unser Einkommen dreimal "umdrehen" mussten, war uns manchmal ein Problem, dass wir dann entweder selbst pfiffig gelöst haben oder unerwartet beschenkt wurden. Allerdings war das Unverständnis in unserem Umfeld schon sehr groß. Heute, wo wir inzwischen stolze Großeltern sind, müssen wir uns nun das Gezerre um das Betreuungsgeld anhören und fragen uns manchmal verwundert: Wenn ein Kinderkrippen- oder Kindergarten-Platz den Staat ca. 700 € pro Monat koste, wieso macht man um 150 € so viel Getöse? Wenn ich das Einkommen vieler junger und gut ausgebildeter Eltern (!) sehe, wo die Mutter von Herzen gern ihre Kinder zu Hause erziehen würde, aber arbeiten gehen muss, weil es sonst geldmäßig tatsächlich nicht reicht, dann werde ich innerlich wirklich richtig sauer. Das Problem sind doch weniger Familien, die sozial schwach sind, ihre Kinder zu wenig fördern und angeblich fröhlich jeden Pfennig nehmen, den sie vom Staat bekommen können. Das eigentliche Problem liegt viel tiefer und ist wirklich erschreckend: Wir werden das Gefühl nicht los, dass es dem Staat um die (Gesinnungs- und) Erziehungs-Hoheit über unsere Kinder/Enkel geht, und das möglichst direkt im Anschluss an den Kreißsaal! Und dass sich eine familienfeindliche Gender-Gesinnung mit Slogans wie "Herdprämie" und anderen diskriminierenden Vokabeln im Gepäck immer breiter macht und und möglichst viele Hirne damit vernebeln möchte. Da heißt es für uns: Aufstehen, klar wiedersprechen, den eigenen Kindern/Enkeln Wärme, Geborgenheit und Werte in den ersten Jahren im häuslichen Umfeld vermitteln, jungen Familien mit Hand und Herz, (wenn nötig) mit dem Geldbeutel und vorallem Zeit zu unterstützen. Und: Beten für unsere jungen Leute - vor allem für ihre Ehen, Familien und die heranwachsenden Kinder - und Gottes guten Segen und seine Wahrheiten aussprechen über ihnen, täglich.

solrexvor 203 Tagen

@Nehemia: Wie heißt es doch so schön: "Glaube keiner Statistik die du nicht selbst gefälscht hast". Mit einer Statistik kann man alles behaupten. Tatsache bleibt aber, dass die links/grünen Weltverbesserer die Familie aushöhlen wollen. Es ist doch bekannt, dass es für Kinder das Beste ist, in einer liebevollen familiären Beziehung aufzuwachsen. Dies ist eine Binsenwahrheit, die auch durch noch so viele Behauptungen der Verfechter der Kita-Ideologie nicht widerlegt werden kann.

namlob1vor 204 Tagen

@Nehemia: Wenn man die Angelegenheit ideologiefrei sieht, leuchtet ein, dass "begüterte Familien" auf das Betreuungsgeld weniger angewiesen sind als ärmere Familien. Damit "landet" man bei den Familien ohne oder mit geringem Abschluss. Wenn die Kita "etwas kostet" und das Betreuungsgeld "etwas bringt", so kann das auch ein Entscheidungskriterium sein. Was Kinder brauchen, sind liebende Bezugspersonen - Eltern und auch viele Geschwister; (solche gibt es heutzutage immer weniger). Es gibt aber auch offenbar Gründe, die Kita zu fürchten - etwa wenn die Kita "staatlich" und nicht religiös geleitet wird. Da können sich Christen und Muslime "treffen".

Nehemiavor 204 Tagen

Auf der Homepage http://www.forschungsverbund.tu-dortmund.de/ wird Bezug genommen auf diese Studie. Allerdings schreiben die Verfasser etwas anderes als idea. Die Studie wurde 2013 durchgeführt unter kommunalem Aspekt. Das Ergebnis: "Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem sozialen Status der Eltern und ihrer Präferenz für oder gegen Inanspruchnahme des Betreuungsgelds." Wer hat nun recht?

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